Winterthur

«Daran müssen wir arbeiten»

Die Theatergruppe Bühnengeier zeigt «Beziehungskiste», ein Stück von Constanze Behrends. Es sind Szenen aus dem Leben von Grossstadtmenschen, gespielt mit Empathie für deren Schwierigkeiten und mit einem feinen Sinn für Ironie.

Amüsante Szenen aus dem Leben: Die Komödie «Beziehungskiste» ist morgen und am nächsten Wochenende im Theater am Gleis zu sehen.

Amüsante Szenen aus dem Leben: Die Komödie «Beziehungskiste» ist morgen und am nächsten Wochenende im Theater am Gleis zu sehen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dass der vermummte Mann, der sich auf sie wirft, ihr Ehemann ist, kann die Therapeutin nicht wissen, und das soll sie auch nicht: Der Anwalt will wieder etwas Schwung ins eheliche Sexleben bringen, und dazu inszeniert er eben eine Vergewaltigung.

Sie sollte das eigentlich mögen, findet er, wie die meisten Frauen. So überzeugt ist er von sich, dass er den Misserfolg seiner Aktion gar nicht zu bemerken scheint.

«Ich erziehe den Nachwuchs bedürfnisorientiert.»

Seine Frau dürfte ihn sonst eher als Kontrollfreak erleben und nicht als einen, der zu spontanen Ideen neigt. Jedenfalls merkt er es, wenn seine Golfschläger am Abend nicht mehr genau so da stehen wie am Morgen.

Das kann er nicht leiden, gerade dann nicht, wenn sein sechsjähriger Sohn sie in der Hand hatte. Denn das bestätigt ihm, dass seine Frau dem Nachwuchs zu viel durchgehen lässt. Auf diesen Vorwurf hat sie eine klare Antwort parat: «Ich erziehe ihn bedürfnisorientiert.»

Mit Empathie und Humor

Zu solchen Phrasen greifen die Figuren im Stück «Beziehungskiste» von Constanze Behrends oft. Sie sind symptomatisch für den Versuch, vernünftig und zielorientiert vorwärts zu kommen im Leben. Etwas anderes hätten sie auch nicht verdient, denn schliesslich wollen sie im Prinzip nur das Beste. «Es tut mir sehr leid», sagt die Geliebte des Anwalts am Ende des Stücks zu dessen Frau. Und diese: «Das glaube ich Ihnen sogar.»

Die Theatergruppe Bühnengeier spielt die Szenen aus dem Leben von Stadtmenschen mit Empathie für die Schwierigkeiten, die sich ihnen in den Weg stellen, und lässt den Humor und die feine Ironie zur Geltung kommen, die in den Dialogen angelegt sind.

Die vier jungen Laiendarsteller, die alle mehrere Rollen verkörpern und auch sonst fast alles selber machen, sind sehr wandlungsfähig.

Der unglückliche Drogendealer, der der Therapeutin Glückspillen verkauft und nicht wahr haben will, dass er schwul ist, wird vom selben Schauspieler gespielt wie der optimistische Yoga-Lehrer, der immer dann, wenn er den Pin-Code seiner Kreditkarte vergessen hat, solange geduldig den Sonnenruf betet, bis er ihm wieder einfällt (Nico Egli); der sadistische, schwulenfeindliche Macho-Anwalt vom selben Schauspieler wie der alleinerziehende Vater mit Wollmütze, der kein Problem mit Transsexualität hat (Yannik Primus, der auch Regie führt).

In den Umbaupausen eilen die Schauspieler hin und her, wie es Grossstadtmenschen eben tun, mit dem Ziel vor Augen und ein wenig wie Automaten, die einander nicht achten; dazu ist ein kühler technoider Sound zu hören.

Das Stück der Berliner Autorin ist keine Sozialstudie, ihre Figuren sind Typen, die die Gesellschaft und das sie prägende Prinzip, die Funktionalität, repräsentieren: Da sind, neben den bereits Genannten, die Patientin und die Anwaltsassistentin, die Youtuberin und das Tinderdate. Ihre Schicksale sind miteinander verwoben, wie sich nach und nach zeigt.

Heikle Themen

Die Leichtigkeit, mit der die verdächtigen Sätze hingeworfen werden, sichert ihnen die Wirkung: Sie sind die Leitplanken, an denen die Menschen entlang laufen, um ihrer Unsicherheit zu entkommen. Nicht weil sie dumm wären, glauben sie an die Rezepte, sondern weil sie an etwas glauben möchten.

Das Stück macht sich nicht über seine Figuren lustig. Am menschlichsten ist die Patientin, die eine Geschlechtsumwandlung hinter sich hat – an sich ein Modethema, aber hier wird es nicht zum Klischee, weil die Patientin die Identitätskrise, in der sich letztlich alle befinden, glaubwürdig verkörpert (Alena Dell’Orefice). Sie ist es auch, die ihre Therapeutin (Deborah von Wartburg) mit ihrer Standard-Phrase konfrontiert: «Alles Gute!»

Die Therapeutin wiederum steht für den Optimismus der Beherrschbarkeit, die ihre Branche auszeichnet: «Daran müssen wir arbeiten», sagt sie sofort, wenn sie auf ein heikles Thema stösst. Erweist sich die Patientin als hartnäckig, zieht sie sich auf die Abstinenzregel zurück, die dem Therapeuten die persönliche Beziehung zum Patienten verbietet.

Und schwierig wird es eigentlich immer, wenn der Tod und die Sexualität ins Spiel kommen, ihrer angeblichen «Natürlichkeit» zum Trotz. Es geht aber diesem Stück auch nicht darum, eine Diagnose zu stellen. Eher ist das Ganze eine – unterhaltsame und berührende – Komödie.

Beziehungskiste: Samstag, 1.9., Freitag, 7.9., Samstag, 8.9., je 20 Uhr, Theater am Gleis, Untere Vogelsangstrasse 3. (Der Landbote)

Erstellt: 31.08.2018, 15:21 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Paid Post

Soforthilfe für Smartphones

Ob Displaybruch, defekte Kamera oder Wasserschaden – Wintek Swiss hat meist eine Lösung.