Maturaarbeiten

Darüber schreiben die Winterthurer Maturanden

Diesen Samstag präsentieren die Maturanden an den Winterthurer Kantonsschulen ihre Abschlussarbeiten. Darunter finden sich auch alte Träume und neue Visionen für die Region.

Die Maturitätsarbeiten an den drei Winterthurer Gymnasien werden am 25. Januar vorgestellt.

Die Maturitätsarbeiten an den drei Winterthurer Gymnasien werden am 25. Januar vorgestellt. Bild: Archiv

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Während sich Christian Farkas mathematisch der Unendlichkeit annäherte, setzte Manuel Pfeiffer Sauerteig an und Gianna Binelli interpretierte Hip-Hop-Songs auf dem Klavier. Die Maturitätsarbeiten, die bis Jahresende an den drei Winterthurer Kantonsschulen geschrieben wurden, sind ein guter Gradmesser dafür, was die Jugendlichen gerade beschäftigt. So dürfte es auch dem Fitnessboom geschuldet sein, dass sich gleich mehrere Maturanden schwitzend und schreibend mit ihren Muskeln auseinandersetzten. Stellvertretend sei hier die Arbeit von Lukas Marxer mit dem Titel «Mit einer Massephase und einer Definitionsphase Muskelmasse aufbauen» genannt. Beleuchtet werden aber auch die Schattenseiten. So fragt sich Ursina Thomasin in «Overtraining – How much is too much?» genau das.

Auch sonst lesen sich die Themen auf den Maturarbeitslisten wie ein Querschnitt durch die Trends der letzten Jahre. Von ADHS, Bitcoins, Burnout, Craft Beer, E-Sports, Electro Swing, Feminismus, Intervallfasten, Minimalismus und Upcycling ist alles dabei. Andere Titel lassen einen eher pragmatischen Hintergrund vermuten. So dürfte Adina Stahl mit der Maturarbeit «Der Weg zum Medizinstudium – Wie bestehe ich den Numerus Clausus?» auch gleich die Prüfungsvorbereitung erledigt haben.

Geldwerte Vorteile verspricht demgegenüber Riva Vadims «Mathematik im Kartenspiel – Wie man im Blackjack den Tisch abräumt». Aus dem Rahmen fällt etwa die Arbeit «Peinlichkeitsgrenze – Erhöhung der Peinlichkeitsgrenze anhand von Selbstexperimenten» von Noëlle Stieger. Dafür nahm die Schülerin ihren ganzen Mut zusammen und ass unter anderem allein im Restaurant, erzeugte in der S-Bahn mit einer App Furzgeräusche, verwickelte eine fremde Person in ein langweiliges Gespräch oder lief in verdreckten Kleidern und mit Senf im Gesicht herum und spuckte alle paar Meter auf den Boden. Stieger zieht ein positives Fazit, gerade auch weil die Reaktionen des Umfelds oft weit weniger schlimm ausfielen als erwartet.

Manche werfen in ihren Maturarbeiten aber auch einen Blick auf das Naheliegende. Dazu gehören etwa die Arbeiten von Belinda Lamatsch («Ein Name sagt mehr als tausend Worte – Ein Einblick in die Lokalgeschichte Winterthur anhand der Hausnamen») oder von Ana Dina Günthard («Steinberggasse - Die unterschätzte kleine Schwester der Marktgasse»). Vier Abschlussarbeiten mit lokalem Fokus sollen hier näher vorgestellt werden.

Der Waldeggsee 2.0

Dario Gassmann, Kantonsschule Büelrain

Vor über 20 Jahren schickte Winterthur die von Künstler Erwin Schatzmann lancierte Waldeggsee-Initiative an der Urne bachab. Aus dem Projekt wurde ein Traum und der lebt offenbar auch in den Köpfen der nächsten Generation weiter. So analysiert Dario Gassmann in seiner Maturarbeit «Unrealisierte Projekte Winterthur – Ein See für Winterthur?» die Gründe für das Scheitern damals: Unter anderem die hohen Kosten und ein Bauer, der sein Land behalten will, aber auch Schatzmann selbst habe als «schräger Vogel» eine Rolle gespielt.

Die Idee des Waldeggsees hatte keine Chance an der Urne. Visualisierung: Erwin Schatzmann

Im Interview überzeugte Schatzmann ihn davon, dass der See noch eine Chance habe und so prüfte Gassmann eine Neulancierung des Projekts. Dafür spreche, dass sich die Wiese zwischen Mattenbachquartier und Eschenbergwald nicht verändert hat. Das Sammeln von 1000 Unterschriften für eine Initiative sei mit den sozialen Medien das kleinste Problem. Die Argumente gegen den See lieferte dann Stadtpräsident Michael Künzle im Interview. Daraus zieht Gassmann das ernüchternde Fazit, dass es «im Budget wohl nichts übrig hat für einen See». Wegen der drohenden Erwärmung des Gewässers infolge des Klimawandels prüft er Wärmepumpen: Mit der entzogenen Wärme könne man die angrenzenden Häuser beheizen und als positiven Nebeneffekt die Chance auf ein grosses Eisfeld erhöhen. Letztlich verwirft er aber die Neulancierung unter anderem darum, weil ihm «jegliche finanzielle Mittel fehlen». Aber: «Der Traum eines Sees bleibt für mich bestehen.»

Mit alter Wasserkraft

Severin Hohl, Kantonsschule im Lee

Um das nasse Element geht es auch in Severin Hohls Abschlussarbeit «Alte Wasserkraftanlagen im Tösstal». Dafür begab er sich zwischen Bauma und Sennhof auf die Spur der alten Spinnereien, Mühlen, Webereien und Sägereien. Er kartografierte die Standorte von rund zwanzig Wasserkraftanlagen, wovon er einige detaillierter beschrieb.

Alte Wasserkraftanlagen wieder in Betrieb nehmen? Dieser Frage ging Severin Hohl nach. Bild: PD

Dabei tauchte er nicht nur in ihre Historie ein, sondern fragte auch nach ihrem heutigen Zustand. Denn Atomausstieg und grüne Welle, so die These, bieten die Chance, die alten Anlagen wieder zum Leben zu erwecken respektive zu modernisieren. Schliesslich zieht Hohl allerdings das Fazit, dass die Risiken – abnehmende Wassermenge, tiefere Strompreise – überwiegen und zunächst die Bedingungen für Kleinanlagen verbessert werden müssten.

Das geflutete Busdepot

Hannah Grenacher, Kantonsschule im Lee

Im letzten Frühling erfuhr Hannah Grenacher, dass drei Winterthurer Baugenossenschaften einen Architekturwettbewerb für das alte Busdepot Deutweg ausschreiben wollen. Grenacher, die im Quartier aufwuchs und nebenan in die Schule ging, war sofort Feuer und Flamme und überlegte sich, wie sie das Areal bebauen würde. Für ihre Arbeit «Das alte Busdepot wird zum Begegnungsort – eine Videoanimation» ergänzte sie eine bestehende Online-Umfrage um zehn eigene Interviews mit Bewohnern des Mattenbach-Quartiers.

So könnte das alte Busdepot zum Begegnungsort werden. Videoanimation: Hannah Grenacher

Im gut sechsminütigen Film, der aus 1417 Einzelbildern besteht, setzte sie die vier meist genannten Wünsche mit digitaler Malerei und im Stil eines Wimmelbuchs als Erlebnishalle um. So wird aus dem Atelier ein Quartierkafi und dann eine Piazza mit einem vom Judd-Brunnen inspirierten Brunnen, der irgendwann überläuft und die Halle schliesslich in einen See verwandelt.

Endlagertouristen im Weinland

Jan Sigrist, Kantonsschule Rychenberg

Wie wirkt sich ein Endlager auf den Tourismus aus? Und kaufen Konsumenten künftig weniger Wein aus dem Weinland? In seiner Maturarbeit «Endlager für radioaktive Abfälle – Einfluss auf eine Standortregion» sucht Jan Sigrist nach Antworten auf diese und weitere Fragen. Dafür stützt er sich auf Studien und führte zwei Interviews mit Beatrice Salce, Gemeindepräsidentin von Benken, und Andreas Jenni, Gemeindepräsident von Rheinau. Auf den Massentourismus am Rheinfall, so der Konsens, dürfte sich das Endlager kaum auswirken. Dies, weil die meisten Touristen schlicht keine Kenntnis vom Tiefenlager haben.

Jan Sigrist untersuchte, welche Auswirkungen ein Endlager auf den Tourismus im Weinland haben könnte. Archivbild: Heinz Diener

Beim geplanten Besucherzentrum gehen die Meinungen hingegen auseinander: Während Salce mit 100 Besuchern pro Tag rechnet, glaubt Jenni, dass nur einige wenige wegen des Endlagers in die Region kommen und dieser touristisch nicht viel bringen würden. Obwohl von den Agrarprodukten keine Gefahr ausgeht, dürfte das Endlager geringe negative Auswirkungen auf die Nachfrage haben. Salce geht allerdings davon aus, dass diese regional begrenzt sind und nur die Konsumenten im Weinland und in Winterthur die Verbindung zum Tiefenlager machen.

Erstellt: 21.01.2020, 15:50 Uhr

Maturarbeitspräsentationen – Wann, Wie, Wo?

Kantonsschule im Lee,

Samstag, 25. Januar 2020, 8.30 bis 14.30 Uhr, Stadthausstrasse 21

Kantonsschule Rychenberg,

Samstag, 25. Januar 2020, 8.00 bis 12.15 Uhr, Rychenbergstrasse 110

Kantonsschule Büelrain,

Samstag, 25. Januar 2020, 8.30 bis 13.00 Uhr, Rosenstrasse 1, Neubau, Gebäude B

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles