Winterthur

Das 8406 – gebraut auf Balkonien

Mikrobrauereien liegen im Trend. Auf einem Balkon in Tössfeld brauen Susanne Hasler und Marc Hangartner ihr ultralokales «8406»-Bier. Und haben das Altstadt-Lokal «Tibits» als Kunden gewonnen

Voll im Retro-Trend: Brauen und etikettieren ist Handarbeit.

Voll im Retro-Trend: Brauen und etikettieren ist Handarbeit. Bild: Barbara Truniger

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Bier boomt, die Sortenvielfalt ist explodiert. Die Zeiten, in denen Bier in Winterthur automatisch Haldengut hiess und ein naturtrübes Amber das höchste an Exotik war, sind definitiv vorbei. Landauf landab sind neue Brauereien entstanden. Gab es anfangs der Neunzigerjahre in der ganzen Schweiz nur 32 Betriebe, die Biersteuer zahlten, waren es in diesem Jahr schon weit über 600.Dabei sind die wenigsten Brauereien so ehrgeizig wie Doppelleu, der Winterthurer Bier-Erfolg schlechthin, der seit dem Start 2012 in kürzester Zeit zur grössten Brauerei im Kanton avanciert ist und sein in der Grüze gebrautes «Chopfab» in die ganze Schweiz liefert. Nein, die breite Masse sind Klein- und Kleinstbrauer.

Schön und altmodisch müssen die Namen sein.

Eine solche Mikrobrauerei liegt im Tössfeld-Quartier. Auf ihrem grossen Hinterhof-Balkon brauen Susanne Hasler und Marc Hangartner ihr «8406». Der Name zeugt von Ortsbezug, es ist die Postleitzahl von Töss. Die Bier-Kreationen tragen anheimelnde Namen: Ida heisst das Pale Ale, Trudi das Weizendoppelbock, Zita ein belgisches Weissbier. «Schön und altmodisch müssen die die Namen sein», sagen das Hobby-Brauerpaar.

Aus dem grossen Topf über dem Gaskocher steigt ein süsslicher Geruch, der an Karamell und Haferbrei erinnert. Das Malzschrot wird mit Wasser schrittweise erhitzt, damit es seinen Zucker abgibt. «Wir kochen eine Art Malzsirup», sagt Hangartner, ein gutgelaunter 35-jähriger mit Tattoos bis zum Hals und Schiebermütze auf dem Kopf. Mit der armlangen Holzkelle rührt er gemächlich im Topf. Auf einem A4-Blatt führt er Protokoll über Temperatur und Dauer jedes Schritts. «Wir haben hier auch schon im Schneesturm gebraut», sagt er. «Das braucht dann einfach etwas mehr Gas.»

Die Bier-Sommelière bekam Lust aufs Selbermachen

Das Brauen haben der Maler und die Personalfachfrau sich selbst beigebracht. Alles fing damit an, dass ein Kollege von Susanne Hasler eine Ausbildung zum Bier-Sommelier absolvierte. Sie meldete sich ebenfalls an. Doch mit dem Wissen um die vielfältigen Stile und Geschmacksnuancen kam die Neugier aufs Selbermachen. In einem Farbkübel-artigen Anfängerset aus dem Internet entstand der erste Versuch, der gleich klappte.

«Wir haben hier auch schon im Schneesturm gebraut.»

Marc Hangartner

Das war vor zwei Jahren. Hasler und Hangartner entpuppten sich als schnelle Lerner. Schon für ihre Frühwerke gab’s viel Lob aus dem Freundeskreis. Gemeinsam entwickelten und perfektionierten sie neue Rezepte und reizen dabei auch die Extreme aus: Vlad ist ein schokoladenbraunes Coffee Porter, Rosa ein fruchtiges Sauerbier mit Saft aus frischen Himbeeren.

Im Wohnzimmer vergoren, im Keller gereift

Nur eines haben die sieben verschiedene Sorten gemeinsam, sie alle sind mit obergäriger Hefe gebraut. Denn das hierzulande viel üblichere untergärige Lagerbier a la Feldschlösschen und Haldengut muss beim Gären ständig gekühlt werden. Das «8406» kann dagegen im Wohnzimmer gären und im Keller reifen. Verkorkt und etikettiert wird von Hand. Dass nicht jede Flasche exakt gleich aussieht, findet Marc Hengartner eher charmant als schlimm.

Nur in einem Punkt sind die Heimbrauer penibel: bei der Hygiene. Flaschen, Schläuche, Gärtanks, alles wird sorgsam sterilisiert, gearbeitet wird nur mit Handschuhen. Die Sorgfalt zahlt sich aus: «Bisher ist uns noch keine Flasche schlecht geworden», sagt Susanne Hasler.

Etwa zwei Wochenenden pro Monat investieren sie und Marc Hangartner ins Brauen. Ihre Kunden sind Nachbarn, Bekannte und entdeckungslustige Bierliebhaber. Und seit neuestem ein Restaurant. Seit September hat das «Tibits» im Graben das Kölsch «Artur» ins Sortiment aufgenommen. Man habe unbedingt ein regionales Produkt gewollt und deshalb verschiedene Winterthurer Biere getestet, sagt Gabriel Adé von Tibits. «In einer Blinddegustation haben die Biere der Brauerei 8406 am besten abgeschnitten.» Ein unabhängiges Start-up zu unterstützen, passe zur Tibits-Philosophie.

Ein schöner Erfolg für die Balkon-Brauerei. Stark wachsen wollen die 8406-Macher aber nicht: «Es soll weiterhin ein Hobby bleiben und Spass machen», sagen Hasler und Hengartner. Sie wollen weiter experimentieren. Im Notizbuch stehen noch viele schöne alte Namen.

(Der Landbote)

Erstellt: 11.11.2016, 17:22 Uhr

Prost! So sehen die Endprodukte von «8406» aus. (Bild: Barbara Truniger)

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