Zum Hauptinhalt springen

Das Begehren soll nicht aufhören

In seinem Roman «Halt auf Verlangen» hat Urs Faes die Behandlung seiner Krebserkrankung verarbeitet. Aber das Buch ist aber weit mehr als das. Am Sonntag liest der Autor in Winterthur.

«Der Kranke hat eine ganz andere Sicht auf die Welt», sagt der Schriftsteller Urs Faes.
«Der Kranke hat eine ganz andere Sicht auf die Welt», sagt der Schriftsteller Urs Faes.
Silke Keil

Berichte über Krankheiten gibt es viele. Dem Schriftsteller Urs Faes gelingt in seinem Roman «Halt auf Verlangen» etwas Seltenes: Realistisch und präzis, doch in einer rhythmisierten Sprache und in einem durchaus heiteren Tonfall beschreibt er die Behandlung seiner Krebserkrankung und verwebt sie mit Erinnerungen an die Eltern und an die Mädchen und Frauen, die er kannte. Es sei für ihn «ein grosses Erinnerungsbuch», sagt Faes im Gespräch.

Als Folge der Behandlung schwand das Ich-Bewusstsein, deshalb begann Faes, seine Beobachtungen aufzuschreiben, daran konnte er sich festhalten. Das geschah zunächst auf eine spielerische Weise, ohne die geringste Absicht, es literarisch zu verwerten. Um das Thema Krebs ging es bereits im Roman «Paarbildung» von 2010.

Dort waren es Fallgeschichten, die der Erzähler als angestellter Beobachter im Spital mitbekam, aus nächster Nähe zwar, aber nicht als selbst Betroffener. Nun war die Diagnose des Arztes Faes’ eigene.

Die Erinnerung kam fast automatisch

Beim Tagebuchschreiben sei ihm klar geworden, dass der Kranke eine ganz andere Sicht auf die Welt entwickle, sagt Faes. Wer bin ich? Was hat mein Leben ausgemacht? Für solche Fragen der «condition humaine» interessiere sich die Literatur: «Sie will Geschichten über den Menschen erzählen.» Fast automatisch habe dann auch die Erinnerung eingesetzt, bis weit zurück in die Kindheit, etwa so, wie wenn bei Todesnähe ein Lebensfilm ablaufe.

«Diese Krankheit kann das Ende der Sexualität bedeuten, der Erotik überhaupt, somit auch einer gewissen Vitalität»

Am Ende der Behandlung lag ein umfangreiches Tagebuch vor. Wie ist daraus Literatur geworden? Indem Faes seinen Stoff ins Allgemeine wendete. Es könne im Leben immer wieder vorkommen, sei es durch eine Krankheit, sei es durch eine Trennung, dass man aus dem Gleis geworfen werde.

Damit das Autobiographische sich verwandle und zu einer eigenen Welt werde, müsse man eine Sprache dafür finden. «Das Einsamsein, das Verstummen, die Kommunikationslosigkeit – das sind Grundmomente, die jeder einmal erlebt. Das Herausgeworfenwerden bekam im Weiterschreiben etwas Exemplarisches.»

Nicht um die Krankheit an sich geht also es in dem Buch; die Nebenwirkungen der Behandlung werden nur angedeutet. Erzählt wird aus der distanzierten Er-Perspektive – «dann erfindet man sofort andere Geschichten dazu, der Schreibprozess ist sehr befreiend». Acht Mal habe er den Text überarbeitet und immer wieder gekürzt, Variationen eingebaut: Das Ritual der Bestrahlung etwa wird dem Leser jedesmal wieder anders geschildert.

Der Stoff berge grosse Gefahren in sich, sagt Faes. «Es könnte eine Wehleidigkeit hineinkommen, das wollte ich unbedingt vermeiden.» Die Figur des Silaski, ein ironisch-distanzierter Freund und Berater, repräsentiere eine pragmatische Gegenwelt. «Wenn der andere ins Lamentieren gerät, holt ihn Silaski mit einem Satz zurück.»

Erinnerungsraum mit fliessenden Übergängen

Die beiden Ärztinnen, die die Bestrahlung vornehmen, bleiben distanzierte Gestalten und haben etwas Gespenstisches, wobei die Situation erotisch aufgeladen ist – dennoch vermittelt ihre verlässliche Präsenz eine Art Geborgenheit. Es entsteht hier ein Erinnerungsraum mit fliessenden Übergängen zwischen den Zeitebenen.

Die Ärztinnen werden zu Wiedergängerinnen der Mädchen und Frauen, die dem Protagonisten in seinem Leben begegnet sind. «Diese Krankheit kann das Ende der Sexualität bedeuten, der Erotik überhaupt, somit auch einer gewissen Vitalität», sagt Faes. «Sie ist also mit einem Abschied verbunden. Ich habe das nicht konstruiert.»

Die Frauen und der Vater des Helden stehen im Zentrum des Romans. Dazwischen finden wir den Erzähler in seiner Wohnung, wo er nachts schlaflos liegt oder aus Träumen erwacht und über sein Leben und Schreiben reflektiert. Dabei zeichnet der Roman das Porträt eines Aussenseiters, der das auch deshalb ist, weil er sich selbst dazu macht. «Einer wie er», heisst es mehrmals.

Ein wiederkehrendes Motiv ist die Fahrt mit dem 11er-Tram durch Zürich bis zum Balgrist – von da bis zur Endstation Rehalp liegen zwei Friedhöfe: Solche Dinge kann man nicht erfinden. Faes hat die Mitfahrenden beobachtet und mit vielen Details den Alltag eingefangen.

Ein stummer «Vaterfisch»

Das Tram ist auch die Verbindung zur Kindheit, der Vater war in einer anderen Gegend der Schweiz Tramchauffeur. Ein stummer «Vaterfisch» sei der, meint der jüngere Bruder einmal. Der Vater bleibt ein Rätsel, ein Abwesender, der keine Stütze sein kann; vielmehr muss der Sohn den Vater stützen, als er auf einer gemeinsamen Tramfahrt im Führerstand einen Anfall erleidet. Dennoch herrscht zwischen Vater und Sohn «eine eigenartige Intimität», wie Faes es ausdrückt.

«Durch die Sprache entsteht eine Distanz – ein Bild der Vergangenheit, wie sie war, gibt es nicht.»

Dieser Roman fasziniert als ein vielschichtiges, mehrdeutiges Netz an Bezügen und ist dennoch unterhaltsam zu lesen. In der Familie der Kindheit blieb jeder für sich, aufgehoben und zugleich gefangen in seinen Gewohnheiten, im eigenen Raum – die Isolation wiederholt sich später in den landläufigen Trennungen, nicht nur in jenen des Erzählers: «Soviele leere Betthälften …». Das grosse Thema des Romans ist der Verlust und seine Aufhebung im Erzählen. «Schreiben war schon immer eine Antwort auf einen Verlust», sagt Faes.

Der Verlust ist das Thema, aber auch die Rebellion dagegen, und das Verlangen, das weiter besteht. Es sind immer wieder die Frauen, die dem Helden auf die Sprünge helfen. Er warte statt zu handeln, wirft Meret ihm vor. Selbst gegen den Tod, sagt Meret, «sollte man handeln, bis zuletzt sich wehren gegen das Vergängliche, beharren darauf, dass das Sehnen nicht aufhört, das Begehren nicht und nicht die Lust, für Männer und Frauen.»

Das Erzählen ist immer auch ein Erfinden

Dass dieses Erzählen nie nur ein Abbilden ist, sondern immer auch ein Erfinden, auch das macht Faes im Gespräch klar. Programmatisch heisst es dazu im Roman: «Und er gewahrte, dass ein Gelebtes, oder das Leben überhaupt, ihm nie mehr so sehr gehörte, als wenn er es erfunden hatte.»

Wie hat sich das Vergangene im Erzählen verändert? «Ich denke, es ist weiter weg gerückt», sagt Faes. «Das hat mit dem Erinnern zu tun. Wir können ja nie, auch wenn wir das manchmal meinen, zurück in diese Welt, wie sie einmal war. Die Erinnerung ist immer geprägt von der Gegenwart. Durch die Sprache entsteht eine Distanz – ein Bild der Vergangenheit, wie sie war, gibt es nicht.»

Was die Literatur vermag, kann daher nur paradox formuliert werden. Im Erzählen lässt sich die Zeit aufheben, aber nur wenn man akzeptiert, dass sie fortschreitet und vergeht.

Schreiben gegen die Endlichkeit: Urs Faes liest im Café Goodbye aus seinem Roman und diskutiert mit den Gästen: Sonntag, 25.2., 9 bis 11.30 Uhr, Dimensione, Neustadtgasse 25. – Urs Faes: Halt auf Verlangen. Ein Fahrtenbuch. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2017. 199 Seiten, Fr. 28.90.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch