Verkehr

Das Bicar drängt auf die Strasse

Die Entwicklung des Bicars ist ein Paradeprojekt der ZHAW. Der dreirädrige Elektroflitzer wurde vor zwei Jahren der Öffentlichkeit vorgestellt. Nach einer Verzögerung geht es nun mit einem neuen Fahrzeug und einer neuen Kooperation weiter.

Die Erbauer des Bicars Adrian Burri und Hans-Jörg Dennig in der Werkhalle der ZHAW. Bild: zvg

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«In den nächsten drei bis maximal zehn Jahren werden wir drastische Veränderungen im Verkehr erleben.» Dies sagt Hans-Jörg Dennig, Ingenieur und Dozent am Zentrum für Produkt- und Prozessentwicklung an der ZHAW. Dennig hat zusammen mit Adrian Burri das Bicar entwickelt. Bicar kommt von englisch Bike (Fahrrad) und Car (Personenwagen).

Im Mai 2015 wurde der Prototyp des Bicars vorgestellt: das goldene Ei, wie es die Medien seiner Lackierung wegen tauften. Damals hofften die Erbauer, in ein, zwei Jahren eine Testflotte auf die Strassen schicken zu können. Heute liegt der einzige Prototyp auseinandergebaut in der Werkhalle der ZHAW.

Kurz vor Kooperation

Dennig strahlt dennoch Zuversicht aus. So wie ihn stellt man sich Carl Benz vor, der 1885 das erste Automobil auf die Strasse brachte. Heute, 2018, nennt Dennig in munterem Schwäbisch die Nachteile des Personenwagens: «Ein Auto steht 95 Prozent seiner Zeit auf einem Parkplatz, zudem noch häufig im Stau. Es befördert pro Fahrt im Durchschnitt 1,1 Personen.»

«Es geht um die letzte Meile», sagt Dennig. Oder, anders ausgedrückt, um die Feinverteilung des Verkehrs. Das Auto kommt nicht überall hin, mangels Parkplätzen. Der öffentliche Verkehr wiederum ist an Fahrpläne und eine starre Linienführung gebunden. Damit ein neuer Feinverteiler aber auch genutzt wird, muss er mit dem öffentlichen Verkehr kombiniert werden. Das heisst konkret: Man fährt im Zug von Zürich nach Winterthur und weiter mit dem Bicar zur ZHAW auf dem Sulzer-Areal, das natürlich alles mit einer Fahrkarte.

«Wir stehen kurz davor, eine Kooperation mit einem öffent­lichen Verkehrsbetrieb zu unterzeichnen», sagt Dennig: «Der Partner wird aber nicht Winterthur sein.» Der hier zuständige Zürcher Verkehrsverbund sei eine Nummer zu gross. Dafür kann die Stadt Winterthur natürlich nichts.

Kein Versuch in Winterthur

Dennig sagt, dass er sich von der städtischen Politik gut getragen und unterstützt fühlt. Er übtjedoch auch klare Kritik an der Stadt: «In Winterthur passiert nichts. Es gibt wenig Innovation im Bereich Mobilität.» In der weiteren Region gibt es laut Dennig Verkehrsbetriebe, die als Partner infrage kommen. Er nennt Schaffhausen, Baden und Luzern.

Auch in der Konstruktion geht es weiter. In den Werkstätten der ZHAW bauen Dennig und Burri bis Mitte 2019 ein neues Bicar. Es soll offiziell für den Strassenverkehr zugelassen sein. Dieser Prototyp wird wieder eine Versuchsphase durchlaufen. Erst nach 2020 wird eine Testflotte von20 Fahrzeugen entstehen, die dann in einer Stadt der nordöst­lichen Deutschschweiz durch die Strassen flitzen.

Dass diese Vision auf später als ursprünglich angekündigt verschoben ist, hat organisatorische Gründe. Ohne eine Zusammenarbeit mit privaten Unternehmen ist das Projekt Bicar nicht zu stemmen. Burri und Dennig machten die Erfahrung, dass private Firmen oft lieber mit einer Firma zusammenarbeiten als mit einem Hochschulprojekt. Deshalb haben sie ein Spin-off-Unternehmen mit dem Namen «Share your Bicar» gegründet. Bis diese von der Hochschule sozusagen abgeseilte Firma aufgebaut war, verging ein ganzes Jahr.

Bicar immer und überall

Neuartige Verkehrsmittel in Städten beruhen meist auf dem Free Floating. Das heisst, die Nutzer mieten zum Beispiel eines der Bicars, die an jeder Ecke in der Stadt zur Verfügung stehen. Damit fahren sie eine Strecke und lassen das Gefährt an einem beliebigen Standort wieder stehen. «Damit dieses System funktioniert, braucht es eine gewisse Dichte an Fahrzeugen. Beim Bicar sind das zwei Fahrzeuge pro tausend Einwohner. Für Winterthur wären also 220 Bicars nötig», sagt Dennig.

Bei aller Freude am Bicar benutzt Dennig als Feinverteiler mit Vorliebe das Fahrrad. Trotzdem spricht vieles für das Bicar. Dessen Benutzer sind wettergeschützt. Man kann damit einen grösseren Einkauf befördern. Ausserdem ist das Bicar mit 45 km/h recht schnell unterwegs.

Winterthur als Kompetenzzentrum

Das Bicar oder sonst ein ähnliches Fahrzeug wird Erfolg haben. Das ist für Dennig klar. «In den letzten zwei Jahren ist in Europa viel gelaufen», sagt er. Wegen des Dieselskandals seien Fahrverbote in Städten denkbar geworden. «Zudem entstehen überall Start-up-Unternehmen, die neue Mobilitätslösungen anbieten.» Die Chance, dass Winterthur ein Kompetenzzentrum für innovative Fortbewegungsmittel wird, besteht weiter. Zumal man sich nach dem Besuch in der Werkhalle der ZHAW dringend ein Bicar wünscht, das einen in die Stadt zurückbringt. Es regnet nämlich in Strömen. (Der Landbote)

Erstellt: 06.01.2018, 09:31 Uhr

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