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Das Brett, das die Welt bedeutet

Das Skateboard steht im Mittelpunkt von Simon Strickers Leben. Das grosse Ziel des jungen Sportlehrers heisst Olympia.

Starker Verschleiss: Alle zwei Wochen braucht Simon Stricker, hier auf der Bahn im Skills Park, ein neues Skateboard
Starker Verschleiss: Alle zwei Wochen braucht Simon Stricker, hier auf der Bahn im Skills Park, ein neues Skateboard
Marc Dahinden

Die schwächste Stelle am Brett ist das Brett selber. «Alle 14 Tage muss ich das Board auswechseln», sagt Simon Stricker und nimmt sein Rollbrett zur Hand. «Die Kugellager in den Rädern», zeigt und erklärt er dem Laien, «halten bei extremem Gebrauch zwei bis drei Monate, die Achsen dazwischen ein halbes Jahr.»

Die gebrauchten Bretter bewahrt der Profiskater und Skate­boardlehrer nicht auf. Nur dasjenige besitzt er noch, mit dem er 2017 auf den Hinterrädern zwei Kilometer den Berninapass hinabfuhr – ein Youtube-Hit mit Millionen Klicks. In Gebrauch hat er jeweils nur ein einzelnes Board, das heisst, eigentlich zwei: «Bei Regen nehme ich ein separates Brett. Vor allem den Kugellagern tut Wasser nicht gut.»

«Ich fahre immer selber mit, stehe nicht nur oben an der Rampe und gebe Anweisungen.»

Vielleicht überrascht der Verschleiss des 27-jährigen Skaters etwas weniger, wenn man weiss, dass er 35 Stunden pro Woche auf den Brettern steht. Drei bis vier Stunden möchte er trainieren pro Tag, im Skills-Park am Lagerplatz erteilt er in der Saison um die 25 Lektionen pro ­Woche, Privatkurse zur Talent­förderung ebenso wie Gruppen­kurse für Kinder und Erwach­sene.

«Ich fahre immer selber mit, stehe nicht nur oben an der Rampe und gebe Anweisungen», beschreibt Stricker die Vorgehensweise, die er auch von den sieben jungen Lehrern erwartet, die er bei sich mittlerweile im Stundenlohn angestellt hat.

Was vor dem Elternhaus begann, wurde zur GmbH

Simon Stricker ist ein Selfmademan, wie er im Buche steht, und ein junger Jungunternehmer. Mit 15 Jahren hatte er schon den ersten Sponsor, «das brauchst du, wenn du Geld verdienen willst», erzählt der Sportler im Restaurant des Skills-Park, in dem sich der Duft von Kaffee mit dem des Schweisses mischt, der in der Halle rinnt.

Begonnen hat alles auf den Randsteinen und Mäuerchen vor dem elterlichen Haus in Bachenbülach, Stricker war 10, die Eltern unterstützten ihn von Anfang an. Die Selbstvermarktung, heute mit Youtube und Co., ist wichtig geblieben für den Sportler, der seit 2012, mittlerweile in Diensten von Red Bull, vom Skaten leben kann.

Vor zweieinhalb Jahren gründete er seine eigene Firma, die Sportschule Skate Academy, die nun Stricker Freestyle Sports GmbH heisst und auch in St. Gallen, Zürich und Wetzikon Lehrer beschäftigt. Etwa fifty-fifty würden sich heute die Ein­nahmen auf Sponsoring und Lehraufträge verteilen, sagt er, die Sponsoren zahlen zudem die Bretter und spendieren die Reisen zu den Contests, nach Taiwan, Tampa oder Shanghai, gut 20 sind es im Jahr.

Seinen erlernten Beruf hat der Verkäufer nie ausgeübt, nach der Lehre bei Stöckli Outdoor Sports in Zürich half er ein halbes Jahr aus, dann habe er zwei Jahre nur geskatet, berichtet er. «Mein In­stinkt sagte mir: Mach das mit dem Skateboarden, wenn dir das Freude macht.»

«Eine Qualifikation ist möglich, aber ich muss alles geben».»

Dank der Berufsmatur könne er später noch jederzeit etwas anderes lernen, falls nötig. Ein halbes Jahr versuchte er es einst mit dem Facility-Management-Studium an der ZHAW in Wädenswil, doch habe er wegen seiner Karriere zu viel im Unterricht gefehlt.

Was er für die eigene Schule an Managementwissen braucht, brachte er sich selber bei. Stricker kennt die Vorzüge und Nachteile von Einzelfirma und GmbH, den Jahresabschluss besorgt ein Treuhänder. Was macht er, wenn er altershalber einmal nicht mehr fahren kann? «Firmengeheimnis», sagt er und lacht.

«Wer safe fährt, kann nicht gewinnen»

Ob sein cooler, rebellischer Streetsport sich überhaupt verträgt mit einer Profikarriere und bürgerlicher Geldmacherei? Auf jeden Fall, findet Stricker, sehr reich könne man damit allerdings fast nur in Nordamerika werden, wo Skateboarden beliebter und das Publikum grösser ist als hier.

Eben ist der Sport olympisch geworden, die ersten Spiele finden 2020 in Tokio statt, «gerade noch rechtzeitig» für ihn, der kürzlich an der ersten of­fiziellen WM den 56. Platz be­legte. An den Olympischen Spielen können in seiner Disziplin nur 20 Männer teilnehmen, eine Qualifikation «ist möglich, aber ich muss alles geben».

Stricker tritt in der Kategorie Street an: In zwei einminütigen Läufen fährt er über ein Gelände mit Treppengeländern, Rampen und Schanzen, möglichst über das ganze Gelände und möglichst schnell, und zeigt seine besten Sprünge. Auch fünf Einzelsprünge hat er zu absolvieren, die er sich aussuchen kann.

«Wichtig ist vor allem, dass man das Bremsen lernt.»

Wie im Eiskunstlaufen werden die unterschiedlich schwierigen Sprünge von Juroren bewertet. Auch Taktik ist wichtig. «Du kannst safe fahren, dann weisst du aber, dass du nicht gewinnst, oder du kannst Risiko nehmen und hoffen, dass du deine ­Sprünge stehen kann.»

Dass man sich wehtut beim Skaten, gehöre dazu, sagt Stricker, und auch kleinere Verletzungen seien in Kauf zu nehmen. «Wichtig ist vor allem, dass man das Bremsen lernt», ergänzt er mit Blick auf seine jungen ­Schüler, in der Schule gilt Helmpflicht. Stricker selbst brach sich mit 12 Jahren den Fuss bei einem Sprung, als er dumm abrutschte mit dem Brett.

«Es gibt kaum einen Ort, an dem man mich ohne das Brett sieht.»

Bändigen müsse er sich nun nicht, sagt Stricker, der in diesen Tagen Vater eines Sohnes wird. Aus den einfachen Junggesellenwohnungen in Bülach und Stettbach («früher reichte das völlig») ist er aus­gezogen, lebt nun mit der Freundin in einer 4-Zimmer-Wohnung in Oerlikon. «Ich wäre gern nach Winterthur gekommen, doch sie wollte nicht», sagt er fast entschuldigend. Nach der Geburtspause möchte seine Partnerin ihre Jobs als Sport­artikelverkäuferin und Tauch­instruktorin wieder aufnehmen.

Medienstar mit Dächlikappe und Kapuzentrainer

In den letzten Monaten ist der Skateprofi vom Skills-Park landesweit bekannt geworden, erst kürzlich sendete «Sport aktuell» einen längeren Bericht. Bei all den Medienterminen kommt dem Sportunternehmer mit Dächlikappe und Kapuzentrainer seine offene, umgängliche Art zugute.

Für den «Landboten» nimmt er sich viel Zeit, führt noch durch die verschiedenen Anlagen auf dem Sportcampus am Lagerplatz. «Die Kombination so vieler Trendsportarten ist einzigartig», sagt er; Stricker fährt noch BMX und und springt Trampolin, Anfänger könne er unterrichten, sagt er zu seinem Niveau. Dann stellt er sich auf sein Brett und fährt davon – zum Einkaufen. «Es gibt kaum einen Ort, an dem man mich ohne das Brett sieht.»

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