FCW

Das Echo einer bisher miserablen Saison

Cup-Aus, Tabellenende und noch nicht einmal ein einziger Heimsieg. Der FC Winterthur liefert eine Saison zum Vergessen und sogar Abstiegsängste gehen um. Woran liegts, und wie ist die Gefühlslage? Der «Landbote» hat sich im FCW-Umkreis umgehört.

Nach einem miserablen Saisonauftakt steht die Welt des FCW kopf. Nicht einmal ein Heimsieg – wie hier im April gegen Aarau (Bild umgedreht) – will mehr gelingen.

Nach einem miserablen Saisonauftakt steht die Welt des FCW kopf. Nicht einmal ein Heimsieg – wie hier im April gegen Aarau (Bild umgedreht) – will mehr gelingen. Bild: Madeleine Schoder


Nicolas Galladé, Stadtrat

«Nach über dreissig Jahren als FCW-Fan hat man Routine im Durchhalten. Aber ja, wenn man sich diese Saison anschaut, muss man sagen, die Tabelle spricht eine klare Sprache. Auch ein paar Spiele waren richtig schlecht, wie gegen Rapperswil auswärts oder gegen Delémont im Cup. Und dann gab es die anderen, wo der Eindruck entstand, egal wie man es macht, am Ende hat man mindestens ein Tor weniger als der Gegner. Ich bin gegen Aktionismus, und ich glaube, dass die Mannschaft ein bisschen besser ist, als es der Tabellenplatz zeigt. Aber wir sind an einem Punkt, wo man sich fragt, gegen wen gewinnen wir eigentlich noch? Ich glaube, die Trainerfrage zu stellen, würde noch mehr verunsichern. Es braucht im Kader eine gezielte Verstärkung, und es muss ein Ruck durch die Mannschaft gehen. Es macht sicher Sinn, neu einen Sportchef zu haben, ob er etwas bringt, kann ich noch nicht sagen. Andreas Mösli hat den Verein gut positioniert, aber im Präsidium gibt es punkto Führung eine Leerstelle. Es fehlt einer, der sportlich eine Vision hat – und diese durchsetzen kann. Heute hat gefühlt jeder in der Schweiz, der etwas kann, mal beim FCW gespielt. Die Frage ist, warum es nicht gelingt, mit Neuzuzügen und Nachwuchs mehr zu erreichen.»


Philippe Haller, Salon Erika

«Diese Saison ist wirklich hart. Ich bin mit dem Velo an jedes Auswärtsspiel gefahren, so lange, bis wir einmal nicht verloren haben, also nach Wohlen, Rapperswil und sogar Delémont – und die Passage nach Moutier hätte mich fast umgebracht. Ich kann der Mannschaft bei diesem Budget aber nicht die Schuld geben, auch nicht dem Trainer. Das Problem liegt in der fehlenden Führung. Seit Hannes W. Keller zurückgetreten ist, hat der Verein kein Aushängeschild mehr. Der Rest im Vorstand sowie Geschäftsführer Andreas Mösli müssen schauen, dass der Alltagsbetrieb läuft. Es fehlt jemand, der nach innen und aussen wirkt, der auf die Spieler zu­gehen könnte oder auf die Fans, der die Öffentlichkeitsarbeit macht. In meinem Umfeld ist die Stimmung bereits gekippt. Viele sind so weit, dass sie sich mit einem Abstieg schon fast abgefunden haben. Für mich ist das alles etwas, das sich schon lange abzeichnet. Ich habe auch mit vielen Ehemaligen geredet, und sie sehen das Problem darin, dass wir keinen echten Sportchef haben. Wolfgang Vöge bringt nicht die Spieler, die für den Verein gut sind, sondern für ihn stehen die Verträge und die Vermittlung im Vordergrund. Viele finden darum, er solle sich zurückziehen.»


Heinz Rösli, Supporter

«Ich habe schon viele Hochs und Tiefs erlebt mit dem FCW. Im Moment bin ich etwas ratlos. Die Mannschaft lebt, die Resultate können also nicht am Trainer liegen. Was helfen würde, wäre, ein paar Tore mehr zu schiessen und hinten keinen Seich mehr abzuliefern. Ich glaube aber nicht, dass die Situation schon dramatisch ist. Es wird alles noch gut kommen. Auf Clubebene dagegen haben wir tatsächlich ein Problem, die Strukturen sind ungenügend, und zwar schon lange. Mit Hannes W. Keller kam Geld. Das war aber auch alles. Es kamen keine Ambitionen, keine Ziele. Jetzt, wo Keller weg ist, ist auch viel Geld weg. Sonst läuft alles gleich weiter. Im neuen Sportchef sehe ich auch keine Lösung, eigentlich hat sich nichts verändert gegenüber früher, nur dass jetzt der Verein und nicht mehr Keller für dasselbe zahlt. Einzelne Personen auszuwechseln, würde aber nichts helfen. Man müsste – Andreas Mösli ausgenommen – die ganzen Strukturen ändern. Ich hatte in meiner Zeit beim FCW immer das Gefühl, keiner muss dem anderen Rechenschaft ablegen. Das zieht sich durch den ganzen Verein. Es fehlen Ambitionen und es fehlt eine Führungsfigur. Die ganze Fankultur ist genial. Aber die Führungsstruktur des Vereins ist nicht zu gebrauchen.»


Jürg Hofmann, Präsident Pfadi

«Als Sportler und als Winterthurer schlägt mein Herz natürlich auch für den FCW. Es tut mir weh und ich finde es schade, wenn ich sehe, wie es gerade läuft. Ob es dafür strukturelle Gründe gibt, kann ich nicht sagen, und ich bin dafür auch nicht zuständig. Ich habe die Aufgabe in meinem Verein zu lösen. Aus meinen Erfahrungen im Sport kann ich sagen, es gibt Zeiten, da läuft einfach alles gegen dich, da triffst du nur noch Latte und Pfosten. Ich glaube, man muss in solchen Situationen ruhig Blut bewahren. Wenn man weiss, wie eine Mannschaft funktioniert, weiss man auch, dass Ruhe oft mehr bringt als ein Paukenschlag. Die erste Mannschaft des FCW hat einen grossen Umbau hinter sich, man muss ihr Zeit geben, um sich zu finden, auch wenn jedes Spiel wehtut, das man in der Zwischenzeit verliert. Auch dem Trainerduo muss man Vertrauen schenken. Beide sind mit dem Herzen dabei, sie verdienen eine Chance, das Ruder noch herumzureissen.»


Beni Thurnheer, Moderator

«Im Moment ist der FCW im Tief, aber Sport folgt Wellenbewegungen, da ist die Hoffnung erlaubt, dass es auch mal wieder aufwärtsgeht. Die Situation hat aber auch etwas Symptomatisches. Die Fans sind ja selbst jetzt noch fröhlich und feuern ihre Mannschaft an. Das kann man super finden. Aber man kann auch sagen, die Mannschaft hat keinen Druck, gut zu spielen. Dem FCW fehlt die Magnetwirkung der Super League. Der zweite Platz in der Challenge League ist die höchstmögliche Ambition, da zieht einen die Schwerkraft tendenziell nach unten. Zudem fehlt dem Club ein Präsident. Man kann sich jetzt fragen, wer schuld daran ist – wohl alle, die nicht Präsident werden wollen. Es geht nur weiter mit einem starken Mann und mit Geld. Eine Chance sehe ich in Dario Zuffi. Er könnte als Club-Ikone eine Wirkung haben wie Zinédine Zidane bei Real Madrid oder Jupp Heynckes bei Bayern.»


Milad Ahmadvand, Fotograf

«Ich leide mit dem Verein mit, sehe mich aber nicht als jemanden, der eine Lösung parat hätte. Das Trainerduo hat schon bewiesen, dass es die Wende hinkriegen kann, und die Spieler sollten eigentlich auch gut genug sein, um in der Challenge League zu bestehen. Vielleicht braucht es einfach einmal einen Lucky Punch, einen dreckigen Sieg, und dann dreht die Sache. Ich bin froh, dass der FCW ruhig und besonnen reagiert und nicht das Personal austauscht. Sicher, langfristig muss der Club Lösungen finden, die finanzielle Lücke drückt, aber ich glaube, das Sportliche heute hat nichts mit den Finanzen zu tun. Wenn man gut spielt und dann unglücklich verliert, wie am letzten Sonntag, tut es besonders weh, dann muss man sich wieder aufrappeln, das ist hart, aber man muss es einfach machen. Sicher, oben in der Tabelle haben wir jetzt nichts mehr zu holen, aber ich glaube, im gesicherten Mittelfeld zu landen, das ist noch machbar.»

Erstellt: 31.10.2017, 12:01 Uhr

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