Winterthur

Das Feuer in der «Esse» erlöscht 2019

Im Mai 2019 wollen die SBB die «Esse» am Bahnhof abbrechen und einen Neubau erstellen, um Abfall zu verarbeiten. Für den Jazz- und Folkclub, der dort seit zwölf Jahren ein hoch-stehendes Programm bietet, heisst das: Ein neues Lokal muss her.

Die einstige Reparaturwerkstatt, das jetzige Jazzlokal, ist eingeklemmt zwischen Bahn und Neubauten.

Die einstige Reparaturwerkstatt, das jetzige Jazzlokal, ist eingeklemmt zwischen Bahn und Neubauten. Bild: Marc Dahinden

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Die «Esse» an der Rudolfstrasse hat sich gleich nach der Eröffnung im Mai 2005 zu einem Club für Jazz-Liebhaber entwickelt, der weit über Winterthur hinaus Beachtung fand. Die beiden Gründer waren selber Musiker: Mandi Silberer und Koni Weber. Doch den weiteren Weg ihres Clubs erlebten sie nicht mehr: Die beiden starben jung, schon in den Jahren 2008 und 2009.

Dem Jazz sind die folgenden Betreiber treu geblieben, aber sie haben das musikalische Spektrum auch erweitert: Jeweils am Sonntag ist Folkabend, seit einem Jahr gibts monatlich einen Ü-40-Oldies-Tanzabend, und für Anlässe mieten nicht nur Private die Esse regelmässig, sondern auch Abteilungen der ZHAW.

Geblieben ist die Tradition, dass die allermeisten Konzerte ohne Eintritt funktionieren. Gratis aber sind sie nicht: Mittels Kollekte werden jeweils anständige Gagen für die Bands verlangt.

In Zukunft Abfallentsorgung

Das alles wird in anderthalb Jahren vorbei sein. Die SBB, denen die einstige Reparaturwerkstatte mit der darin erhaltenen Schmiede gehört, wollen das Gebäude abbrechen. Im Mai 2019 ist fertig mit Jazz und Tanzen. Die SBB wollen dort «eine neue Lösung für die Abfallentsorgung» realisieren.

 «Winterthur ist ideal: Es ist noch nicht Zürich und nicht mehr Frauenfeld.»

Heute werde der Abfall «in Containern auf den Perrons zwischengelagert», erklärt SBB-Sprecher Oli Dischoe. Künftig sei das nicht mehr möglich, weil es immer mehr Passagiere, mehr Abfall und mehr Recycling gebe. Bei der Evaluation möglicher Standorte habe sich gezeigt: «Aufgrund der beengten Situation am Bahnhof ist nur eine Lösung auf dem Esse-Areal möglich.» Die neue Logistikstation werde mit einem Tunnel direkt mit der ebenfalls neuen Personenunterführung verbunden.

Geschockt, jetzt zuversichtlich

«Die Gespräche mit den Mietern verliefen unproblematisch», heisst es seitens der SBB. Die Mieter der Esse aber sagen, sie seien geschockt und enttäuscht gewesen, als sie die Kündigung erhielten. Mittlerweile hat sich laut Thomas Wicki, dem Gastroverantwortlichen im Leitungsteam, jedoch «der feste Wille, eine neue Bleibe zu suchen, durchgesetzt».

Man sei auf der Suche nach einem neuen Lokal, obschon man weiss: «Sicher wird es schwierig einen adäquaten Ersatz zu finden.» Denn am jetzigen Ort hat einfach alles gepasst: der Retro-Look, das Feuer in der Esse, die zentrale und lärmtolerante LageWicki sagt, man habe bereits einige Lokalitäten angeschaut, die aber alle nicht passten. Nun seien noch zwei Standorte im Gespräch. «Ich glaube fest daran, dass wir einen passenden neuen Ort finden.»

Wicki und Programmchef Thomas Schmid sind beide aus Frauenfeld, wo sie lange im Eisenwerk gewirkt hatten. In Winterthur sei es ihnen sehr wohl, hier wollten sie mit dem Club bleiben: «Winterthur ist ideal: Es ist noch nicht Zürich und nicht mehr Frauenfeld.» Mit zum Leitungsteam gehört auch Dorothea Keiser, eine der Esse-Gründerinnen.

Auch Bills Geburtshaus fällt

Bei der Kulturabteilung der Stadt weiss man bereits, dass der Jazz-Club bald wird ausziehen müssen. Eben erst im letzten Jahr haben Stadt- und Gemeinderat entschieden, dass der Esse-Verein erstmals eine fixe Subvention für sein Programm bekommt: 25 000 Franken. Dieser Vertrag gelte für vier Jahre, sagt Kulturchefin Nicole Kurmann; egal wo in Zukunft die Musik spielt.

Auch das Nachbarhaus der heutigen Esse ist «kulturell vorbelastet» und wird dennoch weichen müssen: Dort war 1908 der Architekt und Künstler Max Bill zur Welt gekommen, sein Vater war stellvertretender Bahnhofvorstand. (mgm/mig)

Erstellt: 19.10.2017, 17:37 Uhr

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