Weihnachtsgebäck

Das Geheimnis auf dem Tirggel

Auf den traditionellen Tirggeln ist eine «Kapelle in Winterthur» abgebildet, die niemand kennt. Das Protokoll einer Suchaktion.

Winterthurer Sujets auf dem Tirggel: Die Stadtkirche ist klar – doch wo nur soll diese Kapelle stehen?

Winterthurer Sujets auf dem Tirggel: Die Stadtkirche ist klar – doch wo nur soll diese Kapelle stehen? Bild: bä

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Auslöser für diesen Artikel ist der Samichlaus. Er hat neben Schoggi und Nüssen ein Pack Züri-Tirggel auf die «Landbote»-Redaktion gebracht. Beim Knabbern fiel auf: Auf einem der harten, flachen Guetsli ist eine «Kapelle in Winterthur» abgebildet.

Doch niemand kennt sie. Eine Kurzrecherche im Internet ist erfolglos. Der Gwunder ist geweckt.

Gebacken werden die im Coop gekauften Tirggel mit Winterthurer Sujet von der Firma Suter mit der passenden Adresse Tirggelweg 1 in Schönenberg. Korrektur: Geflämmt, nicht gebacken. Das Honigguetsli wird bei 350 Grad Oberhitze nur für ein Paar Sekunden in den Ofen geschoben. Darum ist es oben goldig und unten weiss.

Kapelle St Michael? Kalt

Ein erster Anruf bei der Tirggelbäckerei im Dorf oberhalb von Wädenswil bringt keine Erkenntnis. Die Guetsliformen (korrekt: Model) seien sehr traditionell, wie alles am Tirggel. Man produziere seit Jahrzehnten dieselben Sujets. Die Auskunftsperson verspricht immerhin, sich zu erkundigen.

«Tirggel sind noch heute in Winterthur sehr beliebt. Wir gehen davon aus, dass dies mit der Zeit zu tun hat, in der wir die Tirggel in Winterthur produziert haben.»

Eine Redaktionskollegin erklärt mit Überzeugung, da sei eindeutig die christkatholische Kapelle St. Michael abgebildet. Ein Spaziergang an die Mühlstrasse beim Teuchelweiher widerlegt diese Theorie aber rasch: Das Gebäude sieht völlig anders aus. Also die Kapelle auf dem Rossberg?

Da passen die Bilder im Internet hinten und vorne nicht. Zudem erhielt Winterthur diese fast schon in Kemptthal stehende Kapelle erst 1978 von der Firma Maggi geschenkt.

Die Experten müssen ran: Doch auch die Historiker Miguel Garcia und Peter Niederhäuser können das Tirggelbild nicht zuordnen.

Kapelle St. Georgen? Wärmer

«Eigenartige Darstellung» und «Weiss nicht, welches historische Bild dahinterstecken könnte», sind die Kommentare. Beide sind sich aber sicher: Es muss sich um eine abgerissene Kapelle handeln.

Garcia hält die St.-Georgen-Kapelle für eine Möglichkeit. Die stand bis 1882 auf dem Gelände des heutigen St.-Georgen-Schulhauses, wo sich früher ein Siechenhaus und ein Friedhof befand. Ehemaliger Friedhof, abgerissen, heute Schulhaus: Wir kommen der Sache näher.

Endlich das erlösende Telefonat aus Schönenberg: Jetzt ist Carlo Magnano, der Geschäftsführer der Tirggelfabrik Suter am Apparat. Er habe im Archiv geblättert, es handle sich um die Kapelle «Reichenberg».

Rychenberg! Tatsächlich. Mit etwas Goodwill lässt sich auf historischen Bildern die Ähnlichkeit erkennen. Die Tirggelbäcker scheinen es mit den architektonischen Proportionen noch nie genau genommen zu haben. Auch die Stadtkirche Winterthur, das zweite hiesige Tirggelsujet, erscheint auf dem Gebäck irgendwie gestaucht.

Die Rychenberg-Kapelle wurde 1962 abgerissen, sie musste der Erweiterung der Kantonsschule weichen. Die Kapelle stand – viel schlanker als auf dem Tirggel – auf dem früheren städtischen Friedhof an dieser Stelle.

Abgerissen für das Gymi

Aus dem Gespräch mit Tirggelbäcker Magnano erfährt man sonst noch einige Geschichten. Etwa, dass die Tirggel eine Winterthurer Vergangenheit haben: 1949 kaufte Tirggelproduzent Willy Suter die ehemalige Knüsli-Biscuitfabrik und verlegte die Produktion hierher. Nachdem die Fabrik noch im selben Jahr abbrannte, zog die Firma wieder an den Zürichsee.

Seither seien die Winterthurer aber richtige Tirggel-Liebhaber, sagt Magnano: «Tirggel sind noch heute in Winterthur sehr beliebt. Wir gehen davon aus, dass dies mit der kurzen Zeit zu tun hat, in der wir die Tirggel in Winterthur produziert haben.»

Suggelen, nicht beissen

Die Tirggel-Sujets sind übrigens überall dieselben, ob in Winterthur, Wädenswil oder Zürich. Wer eine «Kapelle in Winterthur» essen will, braucht also etwas Glück. Apropos essen: Gourmets zerbeissen die Tirggel nicht, sondern zerbrechen sie in Stücklein, die sie sich dann im Mund zergehen lassen. Nur so entfaltet sich der Honiggeschmack. An die Vorgabe hält sich allerdings nicht einmal Tirggel-Chef Magnano: «Ich persönlich mag es auch, wenn es im Mund knackt.»

Erstellt: 20.12.2017, 16:20 Uhr

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