Winterthur

Ein Areal mit neuen Gartenstadtqualitäten

Die Wohnüberbauung Hagmann-Areal in Seen ist ein Stück innovativer Gartenstadt. Die Erfolgsformel geht so: Verdichten mit Hofbau und Aussenzimmern, vielfältiger Grünraum in Kombination mit Gewerbe.

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Wie kann die Gartenstadt Winterthur weiterentwickelt werden? – Diese Frage beschäftigt Architekten, Städteplaner und Politiker derzeit intensiv. Niemand hat eine klare Antwort, obwohl eigentlich eine gebaute Antwort vorliegt, allerdings eine sehr spezifische: die Wohnüberbauung Hagmann-Areal an der Arbergstrasse in unmittelbarer Nachbarschaft zum S-Bahnhof Seen. Die alt eingesessene Seemer Gewerbefamilie Hagmann hätte ihr Grundstück an sehr schöner Lage an den meistbietenden Renditeritter veräussern können. Gesichtslose Kuben stünden jetzt wohl dort.

Stattdessen entschieden sich die Besitzer für den weit beschwerlicheren Weg der eigenverantwortlichen Entwicklung der 16’102 Quadratmeter umfassenden Parzelle. Zwei Wegweiser gaben die Richtung vor: Ökologie und Architektur. Also wurde nicht nur ein Architekturwettbewerb (2012) und ein aufwendiges Gestaltungsplanverfahren (mit Nutzungsbonus) durchgeführt. Die Vorgaben der 2000 Wattgesellschaft gehören ebenso zur Kernphilosophie des Projektes.

Die Wohnungsgrössen sind geschrumpft, wirken dennoch grosszügig dank raffiniert unterteilter und durchgestreckter Grundrisse mit Lichteinfall und Aussenraum auf zwei Seiten. Frische Luft und Sonne sind alte Postulate der Gartenstadt und werden von den Mietern geschätzt. Solarstrom wird auf dem Flachdach produziert.

Öko-Ideale

Doch auf gewisse Bequemlichkeiten und Luxushobbys muss man verzichten: Waschmaschinen und Tumbler sind im Keller; Cabrio-Besitzer wie der Schreibende qualifizieren sich wegen der Ökovorschriften kaum als Mieter. Denn eine unterirdische Garage existiert nicht; das Angebot ist auf 12 Besucher- und fünf Mieterparkplätze beschränkt, Dauerparkieren im Quartier ist nicht erlaubt. Alles zumutbar, ist der Bauherrenvertreter Christian Hagmann überzeugt und verweist auf die unmittelbare Nähe von Bus, Bahn, Mobility und Einkaufen.

Mithin wird deutlich, dass die neue Gartenstadt auch einen Kontrapunkt setzt zum Automobilitätswahn der 1960er Jahre. Verdichtet wird auch bei den Bewohnern. So sollen in einer 3 ½-Zimmerwohnung zwei Personen hausen. 50 Mietwohnungen insgesamt - von der 1 ½- bis zur 5 ½-Zimmerwohnung - umfasst das Hagmann-Areal. Zusätzlich gibt es 12 zumietbare Zimmer. Eine Gemeinschaftspraxis von Hausärzten hat sich niedergelassen und sorgt für Belebung.

Erholung im Grünen

Die Wettbewerbsgewinner, die Architektengemeinschaft weberbrunner architekten ag/soppelsa architekten, überraschen mit einem einseitig offenen Hofbau. Zur Erinnerung: Die ursprüngliche Gartenstadtbewegung war gegen diesen städtischen Bautypus, der als ein Ort der Krankheit und Kriminalität galt. Nun wird er unter dem Verdichtungsdruck neu entdeckt. Das gegen Norden offene U wird durch drei unterschiedlich hohe Wohntrakte gebildet. Gegen die bewohnte Nachbarschaft bleibt es 3- und 4-geschossig, gegen die Strasse klettert der Bau auf sechs Geschosse - ein überraschender Massstabssprung in einem Gebiet, das lange Zeit durch die typischen freistehenden Einfamilienhäuser geprägt war.

Aber je geringer der Landverschleiss, desto grosszügiger der mögliche Freiraum – diese Relation wird die neue Gartenstadt prägen. Auf dem Hagmann-Areal ist der Freiraum nicht nur grün, sondern dank Integration des alten Grünbestandes auch vielfältig mit den Pflanzgärten, Obstbäumen, dem Spielplatz mit dem restaurierten Baustellencontainer, den Grillstellen und dem Pizzaofen, den Wiesen zum Fussballspielen und den Weiden. Sie erfüllen die klassischen Erwartungen nach Erholung und Entspannung im Grünen (Landschaftsarchitektur: Stephan Kuhn, Zürich).

Hof als soziale Mitte

Im Wettbewerb wurden eine Etappierung sowie die Verwendung von Holz bei der Hülle und der Stützkonstruktion vorgegeben (die Familie Hagmann betrieb eine Zimmerei). Verbindendes Element bei den Fassaden ist die Holzverschalung. Doch

die Überbauung unterscheidet sich klar in Aussen und Innen. Die markant vorspringenden Türme der offenen Aussenzimmer verzahnen Bau und Freiraum. Sie lassen sich als nach aussen gestülpte Loggias interpretieren (Loggias waren ein charakteristisches Merkmal der traditionellen Gartenstadt im gehobenen Segment.) Auffallend ist der schöne, samtene Schwarzton der Aussenfassade. Die kargen Hofseiten präsentieren sich dagegen hell. Wie bei einer Avocado spielen dunkel und hell die Gegensätze. Freundlich-licht die Holzverkleidung im Hof; vorgelagert den Fassaden ist pro Stockwerk ein umlaufendes schmales Balkonband, begleitet im regelmässigen Takt von feinen Holzstützen. Keine Trennwand schiebt sich zwischen die Minisitzplätze. Ein feiner Maschendrahtzaun schützt vor dem Sturz in die Tiefe. Je nachdem, ob die Holzschiebeläden die hohen Fenster abdecken oder nicht, formiert sich ein variables Fassadenbild.

Daher wandelt sich auch der Eindruck und die Atmosphäre im bekiesten, mit drei Zierkirschenbäumen besetzten Hof: Mal klösterlich geschützt und japanisch der Eindruck, mal offen und belebt durch die Bewohner, die auf den schmalen Holzstegen die Zeitung lesen, Kaffee trinken, in ihren Blumentöpfen buddeln oder Pflanzen schneiden. Soziale Gemeinschaft entsteht hier auf elementarster Ebene durch Augenkontakt, alles Weitere ergibt sich von selbst - der Hof als soziale Mitte bringt Leute zusammen, aber auch der Gemeinschaftsraum im Gewerbeteil. Wer privilegiert höher oben wohnt, oder nach der Sauna sich auf dem Belvedere des Flachdachs entspannt, geniesst einen atemraubenden Rundumblick aufs alte Dorf mit der Kirche und das Stadtzentrum und die bewaldeten Hügel in der Ferne.

Modell für neue Gartenstadt?

In der Summe macht all dies den Unterschied zur gesichts- und geschichtslosen Agglomerationsarchitektur aus. Noch ein Entscheid hat sich als zukunftsträchtig erwiesen. Dass die wunderbare alte Blutbuche geschützt wird, ist mehr als schön, und dass der alte Gewerbekomplex weiter genutzt wird, passt ins Bild der neuen Gartenstadt, die mit dem monofunktionalen Wohnen bricht.

So verschränken sich in diesem Ensemble nicht nur Räume – Wohnungen, Büros, Praxen, Hof, Nutzgarten, Spielplatz, Wiesen, Weiden und Werkräume -, sondern auch Nutzungen und Tätigkeiten. Diese Diversität und Dichte darf als ein inspirierendes Modell künftiger Gartenstadtprojekte gelesen werden. Dafür wurden 21,2 Millionen Franken investiert (ohne Land). Die zweite Etappe des Siegerprojektes wurde an die Heimstätten-Genossenschaft Winterthur (HGW) verkauft und wird nicht vor 2019 realisiert. Die Messlatte liegt hoch. (Landbote)

Erstellt: 08.05.2018, 10:56 Uhr

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