Abfall

Das Problem mit dem Plastik

Kunststoff ist allgegenwärtig, auch im Müll. Das regt zum Umdenken an. Der Laden Bare Ware, der nur Unverpacktes verkauft, hat in Winterthur grossen Erfolg. Trotzdem ist dies bis jetzt nur ein Nischenphänomen.

Der Abfallberg aus Plastik wächst und wächst – das Bewusstsein dafür aber auch.

Der Abfallberg aus Plastik wächst und wächst – das Bewusstsein dafür aber auch. Bild: Marc Dahinden

Die Welt versinkt im Plastik. Die Bilder von überfüllten Mülldeponien und Kunststoffteppichen im Meer sind allgegenwärtig. Das regt auch das schlechte Gewissen der Bevölkerung. Die Lösung:Recyceln, der Volkssport der Schweizer. Doch der Nutzen von Kunststoffrecycling ist umstritten (siehe Box).

Konsequenterweise hilft nur eins: das Konsumverhalten anpassen und (möglichst oft) auf Plastik verzichten.

Dass dies immer mehr Menschen versuchen, merken Iris Huber und Adriana Puente. Vor eineinhalb Jahren eröffneten sie mit Bare Ware das erste verpackungsfreie Geschäft in Winterthur. Der Laden in der Steinberggasse lief von Anfang an gut.

Bereits nach drei Monaten konnten die beiden Personal einstellen. «Damit hätten wir nie gerechnet, wir dachten, dass wir uns erst nach etwa zwei Jahren Löhne auszahlen können», sagt Puente. Ihr zentraler Standort in Winterthur sei ein grosses Glück. Denn die Hürden, verpackungsfrei einzukaufen, seien schon so genügend hoch.

Im Laden Bare Ware von Adriana Puente kann man unverpackt einkaufen.

Glasbehälter oder Plastiksack

«Die Winterthurer sind grundsätzlich sehr offen, gerade für nachhaltige Lebensstile, das haben wir im Vorfeld immer wieder gehört.» Ihre Kundschaft ist heterogen. Sowohl junge wie auch alte Menschen kommen hierher. «Solche, die sehr darauf achten, was sie konsumieren», fasst Puente zusammen.

«Die Winterthurer sind grundsätzlich sehr offen für nachhaltige Lebensstile»Adriana Puente

Sie selber habe bereits einiges von ihren Kunden gelernt, etwa in wie vielen Varianten Palmöl auf Produkten angeschrieben sein könne.

Die angebotenen Produkte sind unterschiedlich teuer, der Preis liegt zwischen den Bioprodukten der Grosshändler und solchen in Bioläden. Oder es werden beide Varianten angeboten: So gibt es bei Bare Ware sowohl teure Demeter-Linsen aus Winterthur wie auch günstigen Biolinsen aus Italien. Viele der Kunden kommen mit Glasbehältern, eigenen oder gekauften, oft aber auch mit alten Plastiksäcken.

Kreativität und Nachdruck

Sogenannten Superfood bieten die beiden kaum an, da deren Nachhaltigkeit oft zu wünschen übrig lässt. Chia, Quinoa oder Goji-Beeren findet man in ihrem Sortiment aufgrund der Nachfrage trotzdem. Wichtig sei aber: Fair Trade, bio und nachhaltig müsse die Herstellung sein.

Um dies überprüfen zu können, stehe man in direktem Kontakt mit fast jedem einzelnen Produzenten der mittlerweile 500 Produkte. «Das ist zwar aufwendig, aber spannend und auch nötig», sagt Puente. Denn oft müsse ausgehandelt werden, wie der Transport möglichst verpackungsfrei stattfinden könne.

«Schlecht liefen eigentlich nur die Fleischprodukte»Adriana Puente

Mit Kreativität und Nachdruck funktioniert vieles. So liefert die Firma Hakle nach vielen Gesprächen ihr Toilettenpapier neu ohne Plastikverpackung. Die Rollen können so einzeln gekauft werden.

Im letzten Jahr haben Huber und Puente ihr Sortiment fast verdoppelt. Schlecht liefen eigentlich nur die Fleischprodukte. Nun ist der Laden vegetarisch. «Uns hat seither noch niemand nach Fleisch gefragt.» Am beliebtesten und meistverkauft sind die Müesli, die die Kunden selber zusammenstellen können.

Abweichende Erfahrungen

Wer in Winterthur sonst wo verpackungsfrei einkaufen will, hat es schwer. In Bioläden wie dem Regenbogen oder L’Ultimo Bacio gibt es nur einzelne unverpackte Produkte. Im Rägeboge sind es vor allem Getreide, Nüsse, Obst und Gemüse. Im L’Ultimo Bacio kommen Brot, Antipasti, Käse und Sauser im Offenausschank hinzu.

Beide haben in nächster Zeit nicht vor, ihr Offensortiment zu erweitern. «Als wir den Laden vor sechs Jahren vom Rägeboge übernahmen, hatten wir zehn verschiedene offene Abfüllbehälter mit Getreide oder Pasta», sagt Dominik Hungerbühler, Inhaber von L’Ultimo Bacio.

«Die Leute finden eine Verpackung hygienischer»Dominik Hungerbühler,
L'Ultimo Bacio

Das sei jedoch überhaupt nicht gelaufen. Auch die zwischenzeitlich eingeführten frischen Ravioli musste er wieder aufgeben. «Die Leute finden eine Verpackung einfach hygienischer», sagt Hungerbühler.

Ein zweites Problem neben der Hygiene sei der Platz. Hungerbühler hat nachgerechnet: «Ich würde bei einer Umstellung auf Unverpacktes wegen der Behälter und der grösseren Mengen an gelagerten Mengen zehnmal mehr Platz brauchen.»

Wichtiger als die Verpackungsfrage sei ihm, biologische Produkte anzubieten. «Alles können wir nicht abdecken.» Plastiksäcke, die gebe es in seinen Läden aber schon länger nicht mehr. Wer sein Gemüse einpacken will, dem stehen Biomaissäckli zu Verfügung. Ein ähnliches Fazit zieht man beim Rägeboge. Die Produkte der grossen Biolieferanten seien nur verpackt zu haben.

Biogemüse ist fast immer in Plastik verpackt

Einen etwas anderen Ansatz im Kampf gegen den Plastikmüll verfolgt das Start-up Recircle. Es versucht möglichst viele Take-aways mit ihrem Depot-Mehrweggeschirr auszurüsten.

In Winterthur machen bereits 22 Restaurants mit. Nun kann man etwa in der Markthalle Trivisano, der Alten Kaserne, im Skills-Park oder in der SV-Mensa der ZHAW im Technikum sein Essen in den violetten Mehrwegschälchen mitnehmen. Dieses kostet einmalig zehn Franken und wird in jedem Partnerladen zurückgenommen.

Besonders schwierig ist es, in den grossen Lebensmittelläden verpackungsfrei einzukaufen. In Coop und Migros ist Biogemüse, oft sogar einzeln, in Plastik verpackt. Viele Kunden sind über die Extraverpackung verärgert. Laut der Non-Profit-Organisation Ocean Care verpacken Aldi und Lidl alle Biogemüse in Plastik, bei Coop sind es 98,3 Prozent, bei der Migros 96,2 Prozent. Denner und Landi führen kein Biosortiment.

«Die beste Lösung wäre ein Verbot der Politik denn von der Verpackungsindustrie und ihrem Abfall profitieren viele.»Rahel Beck,
Mitarbeiterin bei Ocean Care

Ocean Care, das seit 2011 UNO-Sonderberater für den Meeresschutz ist, hat eine Petition dagegen gestartet. Nach kurzer Zeit sind bereits 30 000 Unterschriften beisammen. «Man merkt, dass es in der Bevölkerung ein grosses Thema ist», sagt Rahel Beck, Mitarbeiterin bei Ocean Care.

Die Grossverteiler führen vor allem zwei Gründe für ihr Vorgehen an. Das Gemüse müsse gekennzeichnet werden, damit der Kunde es nicht mit konventionellen Produkten verwechsle. Und: Die Verpackungen würden die Haltbarkeit verlängern.

«Gerade für die Kennzeichnung gibt es auch Alternativen, etwa ein Lasertattoo auf der Schale, wie es die deutsche Lebensmittelgruppe Rewe bereits mit Süsskartoffeln und Avocados macht», hält Beck dagegen. Doch die Maschine dafür ist teuer. «Die beste Lösung wäre ein Verbot der Politik denn von der Verpackungsindustrie und ihrem Abfall profitieren viele.»

Wirksame Intervention

Was die Politik bewirken kann, zeigt sich am Beispiel der Plastiksäcklein. Nicht freiwillig, aber auf Druck der Politik, hatten Grossverteiler wie Coop und Migros ihre Gratisplastiksäckchen abgeschafft.

Seit Ende 2016 kosten sie fünf Rappen. Das überraschende Resultat der Massnahme: Fast sofort verzichteten mehr als 80 Prozent der Kunden auf die Säcklein.

Die EU-Kommission will sogar weiter gehen und unter anderem zehn Wegwerfplastikprodukte verbieten, darunter Besteck und Geschirr aus Plastik, Trinkhalme, Luftballonstäbe, Rührstäbchen oder Wattestäbchen. Die Schweiz zieht voraussichtlich nicht mit, wie Umweltministerin Doris Leuthard (CVP) Anfang Juli verlauten liess.

Kunststoffsammelsäcke versprechen, möglichst viel Plastik zu recyceln, anstatt ihn zu verbrennen. (Der Landbote)

Erstellt: 24.08.2018, 10:55 Uhr

Wiederverwertung

«Aber man kann ja recyceln...?»

Die Zahlen sprechen für sich: Jedes Jahr verbrauchen die Schweizerinnen und Schweizer etwa eine Million Tonnen Kunststoff. Die Recyclingquote liegt bei 12 Prozent, der Rest wird verbrannt. Warum aber wird nicht mehr recycelt? Werden doch laut aktuellen Zahlen 96 Prozent des verkauften Glases, 92 Prozent der Aludosen und 82 Prozent der PET-Flaschen wiederverwertet. Beim Plastiksammeln schreibt das Gesetz der Industrie im Gegensatz zu anderen Stoffen keine Recyclingquote vor.

Doch der Bedarf der Bevölkerung nach Kunststoffrecycling steigt. Immer mehr Gemeinden, auch in der Region, richten entsprechende Sammelstellen ein, zum Beispiel Dorf, Berg am Irchel, Flaach und im Raum Mar­thalen-Dachsen-Uhwiesen. Andere entscheiden sich dagegen, wie es Gachnang oder Rheinau getan haben. Sie stützen sich dabei auf die Argumentation von Verbänden wie Swiss Recycling und dem Bundesamt für Umwelt (Bafu). Eine kürzlich erschienene Studie im Auftrag des Bafu kommt zum Schluss: Das Recyceln von Kunststoff verursacht mehr Kosten als Nutzen.

Das sieht auch Judith Maag von Maag Recycling in Winterthur so. «Eine gemischte Kunststoffsammlung macht weder ökologisch noch ökonomisch Sinn.» Denn nach der Sortierung werde ein grosser Teil davon trotzdem verbrannt, weil er nicht recycelbar ist. Das Problem: Als Kunststoffe wird eine sehr heterogene Gruppe von Werkstoffen bezeichnet, die sich durch technische Eigenschaften wie Formbarkeit, Härte, Elastizität oder Wärmefestigkeit unterscheiden. Hinzu kommt, dass oft chemische Zusatzstoffe verwendet werden, etwa UV-Schutz bei Verpackungen.

Das sei eine riesige Herausforderung. Nur das separate Sammeln jeder Kunststoffart lohnt sich. «Doch schon die vielen Essensreste an den Verpackungen verunmöglichen oft eine Aufbereitung», sagt Maag. Anders sehen dies private Anbieter, die in die Bresche springen und einen Sammelsack für Plastik anbieten. Das sei wirtschaftlich sehr interessant, sagt Maag. Der Umwelt nütze er aber rein gar nichts. Denn dadurch, dass alle möglichen Kunststoffe im Sack landen, senke sich die Reinheit, während gleichzeitig der Sortieraufwand steige. «Für mich ist dies Geldmacherei auf dem Buckel des grünen Gewissens der Bevölkerung.»

Sie rät: Neben dem Recyceln von PET und anderen Plastikflaschen (Migros und Coop nehmen in ihren Filialen Plastikflaschen von Milchprodukten, Wasch- und Putzmitteln zurück) lohnt sich nur das Recyceln von einheitlichen Hartkunststoffen, wie etwa Harasse oder Spritzkannen und LDPE-Folien. Ansonsten helfe nur, sich beim Verbrauch einzuschränken.

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