Winterthur

Das Projektor-Raketen-Monster

Unter dem Vordach eines Schuppens in der Grüze wartet der grösste Projektor der Welt auf ein neues Leben. Für kurze Zeit ist der Apparat, der aussieht wie ein Raketentransporter, nun für das Publikum zugänglich.

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März 1956, Olympische Winterspiele in Cortina d’Ampezzo. Zum ersten Mal nimmt die Sowjetunion an den Winterspielen teil – und holt gleich am meisten Medaillen –, zum ersten Mal werden die Winterspiele im Fernsehen übertragen. Bei Einbruch der Dunkelheit leuchtet von der Felswand der Dolomiten der Name Toni Sailer in die Nacht über Ampezzo.

Der Tiroler hat Abfahrt, Riesenslalom, Slalom und somit auch die Kombination gewonnen. Es ist der Spitlight, der die Tagesergebnisse in einer Grösse von mehreren Hundert Metern auf die Bergwand strahlt. Der Projektor hat die Form einer Rakete. Sie sieht aus, als wäre sie jeweils bei den Siegesparaden auf dem Roten Platz in Moskau dabei: ein bauchiges Geschoss auf einem roten Laster.

Der Spitlight ist der grösste Projektor der Welt. Heute, 60 Jahre später, steht er in Winterthur, unter einem Dach in der Grüze.

Auf dem Fliegersitz

Mark Ofner (65) ist an diesem verregneten Märzmorgen auf dem Motorrad mit Seitenwagen von Zürich nach Winterthur durchs Wasser gespritzt. Er öffnet eine Tür am Stahlkörper der Rakete, zwischen den beiden Lenkflossen: «Platzangst?», fragt er.

«Ich bin 
Elektroniker, kein Künstler.»
Mark Ofner 

Es ist eng in der Rakete. Mit einiger Verrenkung schafft man es auf einen Hocker vor einem doppelten Lenkrad. Der Blick geht durch eine Fliegerkuppel über dem Dach der Rakete nach draussen. Das Glas ist beschlagen, die Sicht eingeschränkt, als flöge man in einem alten Kampfflugzeug durch die Wolken.

Ofner kommt mit hinein und schliesst die Aussentür. Wenn man das äussere Steuerrad dreht, setzt sich die Rakete in Bewegung und kreist auf dem Trägerlaster, ragt mit ihrer Spitze weit über die Ladefläche hinaus. Kippt denn das Ding nicht? Der Erbauer des Spitlight, der Tessiner Gianni Andreoli, war ein gewiefter Ingenieur. Er schuf 1955 mit dem Projektor eine technische Meisterleistung.

Mit dem inneren Steuerrad dreht man die Raketenspitze, auf deren Innenseite der grosse Leitspiegel befestigt ist. Über das doppelte Steuerrad konnte der Operateur Werner Lüthy 1956 das Licht lenken. Wenn der Projektor lief, wurde es brütend heiss in der Rakete drin. Der Operateur und zwei Techniker sassen zu dritt wie in einem Ofenrohr.

Keine-Kunst-Kunst

Ofners Werkstatt ist ein Kunstwerk für sich. Ein Boxsack hängt im Raum. «Wenn das Denken im Kopf klemmt, haue ich den Sack», sagt er. Ein Schiffssteuerrad, Dutzende von Theaterscheinwerfern und noch mehr Displays in jeglicher Form ziehen den Blick an. Hier wurden einst Lebensmittel für Usego verpackt.

Auch Bilder, seltsame Figuren, ein Klavier sowie ein Teich mit Leuchtröhren nehmen Platz ein in der Werkstatt mit den grossen Fenstern. «Ich bin Elektroniker, kein Künstler», sagt Ofner: «Ich mache nur immer den Antrieb, elektrisch oder hydraulisch.»

Ofner befasst sich mit der Innenwelt von Kunstwerken. Da jedoch Funktion Form mitprägt, kann man den Elektroniker durchaus als Mitgestalter von Kunst sehen. In der Werkstatt steht ein Metallkoffer mit einem Bildschirm mit Standbild des Spitlight an seiner Seite. Es ist die «Spendenkasse Spitlight». Wenn man eine Banknote in einen Schlitz steckt, drehen sich die Räder des Lasters. Die «Spendenkasse Spitlight» hat Ofner selbst entworfen, denn er braucht Geld, um den Andreoli Spitlight wieder auf Tournee zu führen, wie einst in den 1950ern.

Ein Professor der Fachhochschule ZHAW wollte vor einigen Jahren mit Studenten als Semesterarbeit eine Ersatzleuchte für den Spitlight bauen. Ofner: «Als sie erfuhren, dass die Lampe in der Rakete eine Leuchtkraft von 300000 Lumen hatte, liessen sie es sein.» Leistungsstarke Projektoren unserer Zeit, wie sie zum Beispiel das Brandenburger Tor in Berlin beleuchten, kommen lediglich auf 20000 Lumen.

Grundsätzlich könnte man den Spitlight auch mit seiner alten Lichtbogenlampe in Betrieb nehmen. Das Licht kommt von einem Funkenstrahl, der von einer Wolframplatte auf einen Kohlenstab springt. Andreoli ist es mit technischen Kniffen gelungen, den Lichtstrahl stabil zu halten und zu verhindern, dass die Projektion flackert. Doch in einer Bogenlampe verbrennt der Kohlenstab allmählich.

Schmuggel ins Tessin

Für die Leuchte im Spitlight sind nur noch drei Stäbe übrig. Abgesehen davon ist es heute keine Sensation mehr, wenn ein Projektor ein starres Bild auf Felswände oder Wolken wirft, so wie der Spitlight einst. Ofner möchte darum den Lenkspiegel durch viele Spiegelfacetten ersetzen. So sollen gerasterte Bilder entstehen, die man elektronisch über Internet und Handys steuern kann. «Ich will Bewegung schaffen. Sonst interessiert sich niemand für die Projektionen.»

Bereits in den 1950ern spielten die Einnahmen aus Vorführungen die Herstellungskosten des Spitlight nicht ein. Andreoli war als Flugzeugingenieur und Techniker erfolgreich, weniger als Geschäftsmann. Die Kreditgeber von Andreoli wollten die Projektor-Rakete beschlagnahmen.

Darauf folgte eine Geschichte wie in einem James-Bond-Film: Auf der Rückfahrt von Cortina d’Ampezzo gelang es dem Ingenieur und seinem Operateur, das Monstergerät über die Grenze ins Tessin zu schmuggeln und vor den Gläubigern zu verstecken.

Später kam der grösste Projektor der Welt noch vereinzelt zum Einsatz, etwa an der Expo in Lausanne 1964. Ab 1968 gammelte der Raketenprojektor in einem Schuppen im Kanton Luzern vor sich hin. Ab 1983 wurde die Konstruktion im Technorama aufwendig restauriert, fand aber auf die Dauer keine Verwendung. Sie wurde wieder eingelagert, bis Ofner sie 2014 entdeckte und übernahm.

Der Winterthurer Dominik Landwehr ist Leiter des Migros-Kulturprozents und grosser Fan des Andreoli Spitlight. In der Veranstaltungsreihe «Digital Brainstorming» organisiert er einen Themenabend zur Projektor-Rakete. «Dieses Techno-Monster ist perfekt analog. Es ist eine Meisterleistung, die wir erst in unserer digitalen Zeit erkennen», sagt Landwehr.

Die Besucher des Themenabends dürfen die Rakete von innen besichtigen und dabei etwas Platzangst erfahren. «Das Leben ist am Ende immer analog», sagt Ofner und schenkt sich schwarzen, heissen Kaffee ein, um sich nach der Motorradfahrt aufzuwärmen.

Themenabende «Spitlight» St.-Galler-Strasse 182, Winterthur. 25.–29. März, jeweils 18–20.30 Uhr, Eintritt: 25 Franken, Reservation erforderlich. Mehr Infos unter www.digitalbrainstorming.ch.

Erstellt: 21.03.2019, 10:52 Uhr

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