Wissenschaft auf der Bühne

Das Technorama zündet die nächste Stufe

Experimente als Show und Popcorn mit minus 196 Grad: Das Technorama verwandelt das Casinotheater wieder in ein Grossraumlabor. Die wissenschaftlichen Vorstellungen haben dieses Jahr einen Nebeneffekt: Sie sind der Startschuss zum Crowdfunding für die geplante Wunderbrücke.

Beim zweiten Anlauf glückt der Start: Marco Miranda und Thorsten D. Künnemann vom Technorama schiessen eine Pet-Flaschen-Rakete durch den Casino-Saal.

Beim zweiten Anlauf glückt der Start: Marco Miranda und Thorsten D. Künnemann vom Technorama schiessen eine Pet-Flaschen-Rakete durch den Casino-Saal. Bild: Stjepan Lukac/Technorama

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Es dampft und zischt auf der Startrampe. Ganz hinten im Casinosaal soll in den nächsten Sekunden eine Pet-Flasche starten. Irgendetwas geht schief. Fehlzündung. Die Rakete spickt nach hinten in den Vorhang. «Hartnäckigkeit ist eine der wichtigen Eigenschaften von Forscherinnen und Forschern», doziert Raketentechniker und Technorama-Direktor Thorsten D. Künnemann. Das beruhigt das raunende Publikum. Zweiter Versuch. Nochmals giesst Dr. Marco Miranda, sonst Labortechniker, heute wissenschaftlicher Conferencier, flüssigen Stickstoff mit Minus 196 Grad in die mit handwarmem Wasser halb gefüllte Flasche. Die 180 Zuschauerinnen und Zuschauer halten den Atem an. Diejenigen in der Schusslinie ziehen die Köpfe ein. Miranda schüttelt, der Stickstoff kocht über, die Flasche saust an einer Schnur quer durch den Saal. Experiment geglückt, Publikum klatscht.

3 Gänge und 25 Experimente auf der Menukarte

«In Vino Scientia» heisst die Reihe der Wissenschaftssoirées des Technoramas. Bereits zum neunten Mal experimentieren die Tüftler des Science Centers in Oberwinterthur live auf der Bühne des Casinosaals. Auf der Menukarte stehen drei Gänge aus der Casinoküche und 25 Experimente, davon mehrere im Selbstversuch. Sogar die Musik stammt grösstenteils aus der Technorama-Werkstatt: Am Saxophon ist Marketingchef Roy Schedler, am Mikrofon singt Sarah Schneider, virtuose Besucherbetreuerin und Star des Abends. Nur Caspar Fries am Klavier ist auch im richtigen Leben Musiker. Jazz, Zauber der Wissenschaft und ein saftiges Filetstück vom Thurgauer Rind: «In Vino Scientia» ist fast immer ausverkauft.

Doch die Gäste der Premiere gestern Abend haben keinen Eintritt bezahlt. Die Gala ist gleichzeitig Technorama-Forum, der jährliche Kunden- und PR-Anlass des Science Centers. Zwei Stadtratsmitglieder sind da, alt Bildungsdirektor Ernst Buschor (CVP) sitzt hinten nahe der Raketenstartrampe und der FDP-Kantonsrat und bald schon höchste Zürcher Dieter Kläy verwandelt zusammen mit der Winterthurer Gemeinderatspräsidentin Annetta Steiner (GLP) ein Glasrohr mit Rapsöl, farbigem Wasser, einer Brausetablette und seiner Handylampe in eine kunstvolle Leuchte.

Auch die Lehrerinnen und Lehrer spenden

Darum der offizielle Teil: Stiftungsratspräsident Werner Inderbitzin zündet die nächste Stufe der Geldsammelaktion für den Ausbau des Parks und für die geplante Wunderbrücke. In Oberi buddeln schon die Bagger. Dabei sind erst 14,636 Millionen Franken beisammen, 16,1 Millionen müssen es werden. Für die Differenz setzt man auf Kleinspenden aus der Technorama-Familie, die an diesem Abend in Spendierlaune ist. Ex-Tagi-Chefredaktorin Esther Girsberger stiftet eine Erle und eine Weissbuche: «Auch wir Zürcher kommen ins Technorama.» Die grössten Beträge, ein Stück Park mit einem Baum namens Flügelnuss sowie fünf Meter Wunderbrücke (je 5000 Franken), spenden Stephan Illi, Unternehmensberater aus Männedorf, und Verbandspräsident Beat Zemp im Namen der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer. Zemp ist extra aus dem Baselbiet angereist.

Der Bau hat bereits begonnen: Die Arbeit der Bagger im Technorama-Park im Zeitraffer. Video: Technorama

Genug gespendet. Jetzt demontiert Technorama-Technikerin Charlotte Rummel eine Glühbirne. Ohne Glas als Schutz – Puff! – ist der Glühdraht in einer Millisekunde Blitz und Rauch. Als nächstes bastelt das Forscher-Trio Leuchtkugeln mit Helium und Stickstoff. Wer die Technorama-Shows serienmässig getestet hat, mag feststellen: Es ist nicht die knalligste Soirée der letzten Jahre. Der Mittelteil mit Gastreferent und Verhaltensökonom Gerhard Fehr ist kopflastig. Da hätte man sich lieber noch eine hausgemachte Explosion gewünscht.

Popcorn, das aus der Nase dampft

Doch wenn man beim Dessert aus der Nase dampft, weil man mit Stickstoff gekühltes Popcorn im Mund hat, wenn die Technorama-Band spielt und sich Rummel und Miranda in zwei Meter Höhe als Glühwürmchen aneinander kuscheln, wenn der ganze verdunkelte Saal mit luciferinen Enzymen experimentiert und farbig leuchtet, dann spürt man wieder, dass diese Mischung aus Wein, Wissenschaft und Gesang einzigartig ist.

Weitere Vorstellungen von «In Vino Scientia» im Casinotheater von heute Mittwoch bis Samstag, 10. bis 13. April. Letzte Tickets erhältlich.

Erstellt: 10.04.2019, 10:16 Uhr

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