Porträt

Das verschmähte Zugpferd

Als Kämpfer gegen Radikalisierung war Blerim Bunjaku in den letzten Jahren auf allen Kanälen auf Sendung. Bei seinen Parteigenossen kam dieser Einsatz nicht nur gut an. Jetzt verlässt Bunjaku die SP, und spart nicht mit Kritik.

«Shipi» mit Velo: Blerim Bunjaku (38) radelt jeden Tag zu seinem Firmensitz beim Hauptbahnhof.

«Shipi» mit Velo: Blerim Bunjaku (38) radelt jeden Tag zu seinem Firmensitz beim Hauptbahnhof. Bild: Madeleine Schoder

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Am Dienstag gab die SP Winterthur an ihrer Delegiertenversammlung bekannt, dass Christa Meier für den Stadtrat kandidiert. Gleichzeitig wurde die Wahlliste für den Gemeinderat abgesegnet. 60 Namen stehen auf der Liste, einer ist nicht dabei: Blerim Bunjaku. Der IT-Unternehmer mit albanischen Wurzeln sitzt für die SP in der Schulpflege Seen-Mattenbach. Aus seinen Ambitionen macht der 38-Jährige keinen Hehl. Mehrfach sagte er: «Ich möchte in den Gemeinderat und später in den Kantonsrat.» Als in den Sommerferien endgültig klar wurde, dass die Partei nicht mitspielt, gab Bunjaku seinen Austritt bekannt. «Unter diesen Umständen sehe in der Partei keine Zukunft für mich.»

6200 Leute folgen Blerim Bunjaku auf Facebook. Er war überregional eines der bekanntesten Gesichter der SP. Sein Talent, sich medienwirksam zu inszenieren bewies er schon 2015, damals noch in der EVP. Seine Firma Enyx entwickelte eine «Schweizermacher»-App, mit der man für den Staatskunde-Einbürgerungstest üben kann. Das machte landesweit Schlagzeilen und Bunjaku gelang in der EVP-Kantonsratsliste der Sprung von Platz 10 auf Platz 3. Im Vorjahr war er noch von Platz 9 auf Platz 31 abgesackt, weil manche Wähler der EVP-Basis den (nicht praktizierenden) Muslim von der Liste strichen.

Als Muslim gegen Islamismus

Im Sommer 2015 wechselte er nach Meinungsverschiedenheiten mit seiner Partei zur SP. Seither ist seine Bekanntheit nur gestiegen. Als bekannt wurde, dass Winterthurer Jugendliche in den Jihad gezogen waren, war Bunjaku der erste, der eine Meldestelle für gefährdete Jugendliche forderte. Als nichts passierte, gründete er sie kurzerhand selbst und verwendete mehrere Stunden täglich darauf, sich zu vernetzen, Moscheen ins Boot zu holen und besorgte Eltern und Verwandte zu beraten. In einigen Fällen, behauptet Bunjaku zumindest, habe sein Verein «Fairwinti» radikalisierte Jugendliche im letzten Moment von der Reise abbringen können. Früher als selbst die SVP hatte Bunjaku schon die Schliessung der An-Nur-Moschee und ein Verbot der Koran-Verteilaktion «Lies!» gefordert.

«Die Politik ist heute zu abgehoben, nicht mehr volksnah.»Blerim Bunjaku

Während der Winterthurer Stadtrat sich selbst einen mehrmonatigen Maulkorb auferlegte, wandten sich die Medien mit Vorliebe an Bunjaku. Insbesondere im Fernsehen kam der jugendlich wirkende Unternehmer gut an, ein Muslim und Familienvater, der Extremisten bekämpft und nie um ein markiges Zitat verlegen ist. Bunjaku sparte nicht an Kritik am Stadtrat, was Parteikollege Nicolas Galladé als Sozialvorsteher geärgert haben dürfte. Galladé (und auch Stadtpräsident Michael Künzle) schienen im Vergleich zum quirligen Strippenzieher Bunjaku als Verharmloser und lahme Enten. Als die Stadt Ende 2016 die Gründung einer Fachstelle für Extremismus bekannt gab, ein Jahr nach Bunjakus Vereinsgründung, war die erste Ausreisewelle längst vorbei.

Warum hatte es für Bunjaku keinen Platz auf der SP-Gemeinderatsliste? «Er ist ein Talent und wir hätten gerne mit ihm geplant», sagt Co-Präsident Christoph Baumann, «aber langfristig.» Zu den Gründen für die Nicht-Nomination will er sich nicht äussern. Bunjaku sagt, man habe ihm die Absage damit begründet, dass «die Vertrauensbasis» innerhalb der Partei noch wachsen müsse und er noch relativ neu dabei sei.

Desinteresse und Kollegenneid

«Richtig willkommen und unterstützt habe ich mich in der SP in den letzten zwei Jahren nicht gefühlt», sagt Bunjaku. «Niemand ist auf mich zugekommen, niemand hat sich für meine Projekte oder mein Wissen interessiert. Oft bin ich sogar bei den bürgerlichen Parteien auf offenere Ohren gestossen.» Er vermutet, dass ihm Parteimitglieder seine mediale Aufmerksamkeit missgönnten und bisherige Gemeinderäte fürchteten, vom Newcomer aus ihrem Ratssitz gedrängt zu werden. Für die Parteispitze, die bei der SP wie bei vielen Parteien eisern darauf bedacht ist, die Kommunikation nach aussen zu steuern, war Bunjaku unberechenbar, ein Freigeist und Einzelkämpfer, der sich in einem heiklen Dossier (Extremismus) immer wieder pointiert äusserte.

Der «Shipi», der Velo fährt

Im Gemeinderat hätte Bunjaku vor allem für die Integrationsförderung kämpfen wollen, insbesondere auf Stufe Quartierentwicklung, nah bei den Leuten. «Wenn wir von Integration reden, denken wir an Flüchtlinge, aber was ist mit der Integration derer, die schon Jahre und Jahrzehnte da sind und kaum deutsch können? Hier müsste man fördern, aber auch fordern.» Als Schulpfleger sehe er, dass in den Elternräten quasi nur Schweizer Eltern sitzen, ein Austausch finde kaum statt. Er glaubt: «Die Politik ist zu abgehoben und nicht mehr volksnah.» Er engagiert sich in albanischen Moscheen für Gratis-Deutschkurse und deutschsprachige Predigten. Sein zweites grosses Anliegen ist die Wirtschaftspolitik: «Winterthur ist ein toller Standort für Unternehmen, das müsste man noch bekannter machen.»

Vor Rückschlägen ist aber auch Strahlemann Bunjaku nicht gefeit. 2016 wäre seine Firma beinahe zerbrochen. Sein Buchhalter habe sein Vertrauen missbraucht, sagt Bunjaku. Er musste sein Büro am Katharina-Sulzer-Platz räumen und mit seiner Firma nochmals klein anfangen, in temporären Büros am Bahnhof. Inzwischen habe sich seine Firma gefangen, sagt er. Zur Arbeit fährt er aus Hegi mit dem Velo. Von albanischen Bekannten sei er auch schon dafür geneckt worden, dass er nicht Auto fahre, sagt er und lacht: «Man stelle sich das vor: ein Shipi, der Velo fährt!»

Er erinnert an Nik Gugger

Von der Politik zu lassen, kam für ihn nicht in Frage. Nach der Absage der SP will Bunjaku trotzdem zur Wahl antreten, als Parteiloser, und zwar gleich für den Stadtrat. Courage oder Grössenwahn? Vielleicht ein wenig von beidem. Bunjaku erinnert in vielen Punkten an einen anderen Winterthurer Politiker, Nik Gugger (EVP), der in früheren Jahren ein politischer Ziehvater für ihn war. Wie Gugger hat er Wurzeln ausserhalb der Schweiz. Wie Gugger ist er Unternehmer mit sozialem Anspruch. Wie Gugger ist er ein begnadeter Netzwerker, der viel und gerne von sich erzählt. Und wie Gugger scheut er sich nicht, seinen Ehrgeiz offen zu zeigen. Manche rümpfen in Winterthur die Nase und denken: So ein Plauderi. Aber Gugger verpasste als Vertreter einer Kleinpartei nur knapp die Wahl in den Stadtrat. Bald sitzt er im Nationalrat. (Landbote)

Erstellt: 24.08.2017, 17:35 Uhr

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