Sommerserie

Das Weltgeschehen von einst lagert im zweiten Untergeschoss

Dass auch «Altpapier» wertvoll sein kann, beweist das unter-irdische Archiv des «Landboten»: Es hortet seit 1862 die News von gestern und ist damit auch eine wichtige historische Quelle.

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Drastischer als in einem Medienhaus wird einem die Schnelllebigkeit der Zeit wohl nirgends vor Augen geführt: Während in den Redaktionsräumen des «Landboten» am Garnmarkt in der Altstadt in den oberen Geschossen laufend Nachrichten produziert und zu Papier gebracht (oder in digitaler Form verbreitet) werden, endet schon bald einiges davon in grossen Altpapier-Sammelkörben im zweiten Untergeschoss. Aber eben nicht alles: In den daneben liegenden Archivräumen wird nämlich jede einzelne Ausgabe der Zeitung gesammelt und der Nachwelt erhalten.So ist eine regelrechte Schatzkammer der grossen Ereignisse der Weltpolitik (und der kleinen des lokalen Geschehens) entstanden: Auf massiven Gestellen reihen sich die grossformatigen, schweren Folianten aneinander, zu denen die Jahrgänge des «Landboten» gebunden werden. Das erfolgte lückenlos ab 1862, vereinzelt sogar seit den 1850er-Jahren.

Einer, der sich damit auskennt, ist Jean-Pierre Gubler, der von 1990 bis 2013 beim «Landboten» arbeitete. «Ich wurde damals explizit als Archivar und Dokumentalist angestellt, doch ergab es sich schnell, dass ich auch für das Lokalressort zu schreiben begann», erzählt er. Daneben hatte er weitere Aufgaben: Er betreute die Leserbriefe, die Redaktions-Führungen oder die Aktion «De chlii Landbot» für Schulen.

Recherchen für Geburtstagskinder – und Gerichte

Die Geschichte des Landboten und die Veränderung der Medienlandschaft lässt sich im Ar-chiv gut ablesen: In den Anfängen bestand die Zeitung lediglich aus vier Seiten, so dass pro Jahr ein Sammelband ausreichte. In den 1960er Jahren umfasste ein Jahrgang bereits sechs Bände. Seit den 80er- und 90er-Jahren füllt sogar jeder Monat einen eigenen Band – doch seit der Jahrtausendwende werden diese Bücher wieder dünner.

«Die Inserate des ausgehenden 19. Jahrhunderts gefallen mir besonders gut»Jean-Pierre Gubler

Auch wurden die Archivexemplare früher noch (sicherheitshalber in dreifacher Ausführung) im Haus gebunden, denn zum Verlag gehörte damals auch eine Buchbinderei: «Sie befand sich im obersten Stock unter dem Dach», so Gubler.

Zu seiner Zeit wurde das Archiv – auch mangels digitaler Quellen - noch regelmässig ge-braucht: «Wir erhielten viele Anfragen aus dem Leserpublikum», erinnert er sich. Entweder ging es dabei um die Dokumentation historischer Ereignisse oder die Wünsche betrafen Persönliches, wie Jubiläen, Geburts- und Jahrestage. «Ein Service, den ich damals anbot, waren Geburtstagszeitungen: Ich kopierte das Gewünschte und übergab es den Bestellern eigenhändig», sagt er, «Für die Recherchen konnte ich mir Zeit nehmen, das gehörte zum Leserservice.» Manchmal unternahm er sogar Abklärungen für Gerichtsfälle oder Erbschaften, denn die ersten oder letzten Spuren eines Menschen finden sich oft in der Zeitung .

Handabzüge sind kein alter Plunder

Ein Kellergeschoss höher gibt es noch weiteres ein Archiv, allerdings ein viel kleineres: In Schubladenschränken ist das alte, physische Bildarchiv untergebracht. Es enthält die Schwarzweiss-Abzüge, die die «Landbote»-Fotografen nach ihren Einsätzen (oft spät abends) in der Dunkelkammer eigenhändig anfertigten. Als Jean-Pierre Gubler seine Stelle antrat, gab es nur «Schuhschachteln voller Bilder»: «Da Ordnung reinzubringen war ja der Grund für meine Anstellung», erinnert er sich. Ob er denn an einem Ordnungsfimmel leide? «Überhaupt nicht», sagt er, «Aber an einer Zeitungsleidenschaft.»

Er entwickelte darauf das Ablagesystem mit Hängeregistern und erstellte auf einem frühen Apple-Computer ein Inhaltsverzeichnis dazu: «Ohne das findet man hier gar nichts», lacht er - und fügt mit leiser Wehmut an: «Aber hier sucht ja sowieso kaum noch jemand etwas: Schon als man das Bildarchiv hier herunterzügelte, wurde es nicht mehr gebraucht.» Es habe sogar Stimmen gegeben, die «den alten Plunder» fortschmeissen wollten, wogegen sich Gubler vehement wehrte. Heute hat man den Wert der alten Bilder wieder erkannt und stellt sie auch dem Bildarchiv der Stadtbibliothek zur Verfügung.

Stelleninserat: «Sauberes Mädchen gesucht»

Jean-Pierre Gubler hat sich als langjähriger Archivar ein umfassendes Wissen über Geschichte und Inhalte des Landboten angeeignet – und dabei auch einige Lieblinge gefunden: «Von der Sprache her gefallen mir die Inserate des ausgehenden 19. Jahrhunderts besonders gut», sagt er, «Spannend finde ich sie aber auch wegen der Inhalte: Da gab es grosse Inserate von Schiffsagenturen in Hamburg und Bremen, die um Auswanderer warben.“ Doch genauso gern mag er auch die Annoncen von lokalen Textilhändlern, die «neueste Stoffe aus Paris» anpriesen - oder Stelleninserate wie «Gesucht sauberes Mädchen.» (Landbote)

Erstellt: 14.08.2017, 17:03 Uhr

Viel Weltpolitik und wenig Lokales

Zeitungen wurden vor hundert und mehr Jahren nach anderen Kriterien gemacht und sahen ganz anders aus. So gab es im redaktionellen Teil lange keine Bilder (bald aber in den Reklamen), die Texte waren ungegliedert und deshalb ziemlich unübersichtlich. Die Weltpolitik erhielt relativ viel Gewicht, während lokale Ereignisse nur als kleine Notiz vermerkt werden, oft Tage später.

Nicht immer findet man im «Landbote»-Archiv also genau das, was man sucht: So wird über die letzte Postkutsche («Eilpostwagen»), die am 1. August 1903 von Winterthur nach St. Gallen verkehrte, kein Wort verloren, obwohl damit eine Ära zu Ende ging. Dafür wird über den Beinahe-Zusammenstoss eines Güterzugs mit einem Personenzug «beim neuen Friedhof» (heute Areal KS Rychenberg) berichtet.

Ebenso fehlt eine grosse Reportage über die Einweihung der ersten Winterthurer Strassenbahn von Winterthur nach Töss am 13. Juli 1898. Dafür wird am 5. Juli 1898 kurz über die «Vor-Kollaudation» (also den Test) der Strecke berichtet, die «in Gegenwart eines Mitglieds des löbl. Stadtraths» stattgefunden habe.

Ein wirklicher Land-Bote

Dafür offenbaren sich auch traurige Zeitphänomene, wie um 1850 die Auswanderung aus der Not: «Da Hs. Georg Mülli, Schreiner, von Schöfflisdorf, mit seiner Familie nach Nordamerika auszuwan-dern gedenkt, so werden die Gläubiger desselben damit aufgefordert, ihre Forderungen bei der unterzeichneten Gerichtskanzlei schriftlich anzumelden». Die vielen amtlichen Anzeigen von Gerichten und Notariaten im weiten Umkreis – von Frauenfeld über Eglisau und Regensberg bis Stäfa und Wädenswil – zeigen auf, dass der «Landbote» seinem Namen (und seinem Untertitel «Zürcherisches Volksblatt») gerecht wurde und ein grosses Einzugsgebiet bediente. Zur selben Zeit befasst sich übrigens ein redaktioneller Artikel mit der Frage, ob vom Staat «die liederlichen, arbeitsscheuen Leute, die schlechten Bürger, die dem Staatshaushalte zur Last fallen, oder die Arbeitsunfähigen jenseits des Ozeans versorgt werden könnten». Heute würde man von wohl Ausschaffung sprechen. Immerhin kommt der Autor zum Schluss: «Dass dieses aber lediglich ein frommer Wunsch bleiben muss, dass der Staat, und namentlich der republikanische Staat, Niemanden zwingen darf, gegen seinen freien Willen auszuwandern».

Reklame zum Schmunzeln

Wem darob das Lachen vergangen ist, der findet es bei den Annoncen wieder. 1849 wird eine «Gute Zahntinktur» angeboten, die nicht nur die Eigenschaft hat, «ganz schwarze Zähne in kurzer Zeit rein und weiss zu machen, sondern auch in Fäulnis übergegangene Zähne reiniget»: Die (Zahn-) Medizin steckte damals noch in den Kinderschuhen - und auch die Schönheitsideale waren noch ganz andere. «Gegen Sommersprossen, Leberflecken oder andere Hautunreinigkeiten» half «Eau d’Atirona». Und am 17. Juli 1874 lesen wir in den Kleinanzeigen, dass der «Coiffeur-Dessinateur» Etter im Neuwiesenquartier «fortwährend abgeschnittene oder ausgefallene Frauenzimmerhaare zu möglichst hohen Preisen» kauft.

Lange vor der Einführung des Fussballs fand auch der Sport Eingang in die Zeitung; allerdings standen Schwing- oder Turnfeste im Vordergrund. So am 2. August 1859, als auf der Frontseite vom Schwingfest in Zürich berichtet wurde. Die Rede ist dabei von den «herkulischen Kräften» des erst 21 Jahre alten Christian Siegenthaler, der den Entlebucher Ausschwinger Wobmann, „auf den Kurzen nehmend zweimal in die Höhe hebt wie ein Fäschkind (Wickelkind)». (amh)

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