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«Das Winterthurer Geld bewegt sich am Rand der Legalität»

Kleingewerbler an der Neustadtgasse verbreiten den Eulachtaler als neue Winterthurer Währung. Eigentlich nichts weiter als ein Gutschein, urteilt ZHAW-Professorin ­Suzanne Ziegler, die dennoch rechtliche Bedenken hat.

Interview: Christian Gurtner
Geld ausgeben statt sparen, anlegen, spekulieren: Laut ZHAW-Professorin Suzanne Ziegler ist dies die Grundidee verschiedener Regionalwährungen.
Geld ausgeben statt sparen, anlegen, spekulieren: Laut ZHAW-Professorin Suzanne Ziegler ist dies die Grundidee verschiedener Regionalwährungen.
Enzo Lopardo

Das lokale Gewerbe will den ­Eulachtaler wiederbeleben. Darf eigentlich jeder sein eigenes Geld herausgeben?Suzanne Ziegler:Nein, es ist verboten, Geld zu drucken. Das darf nur die Nationalbank. Das wissen die Macher des Eulachtalers natürlich und haben diesen darum als Gutschein gestaltet. Wenn die Eulachtalernote ihre Ablauffrist erreicht hat, kann sie mit einem Aufkleber verlängert werden.

Und das ist erlaubt?Problematisch ist, dass eigentliche Bankoten gedruckt werden, was an sich verboten ist. Die Nationalbank hat in der Schweiz das Notenmonopol. Offensichtlich drückt man beide Augen zu bei kleinen Regionalwährungen mit sehr kleinem Umlaufvermögen.

Was hat denn die Nationalbank gegen Regionalwährungen?Sie betreibt die Geld- und Währungspolitik, indem sie die Geldmenge steuert. Darin wäre sie eingeschränkt, wenn es starke Parallelwährungen gäbe.

«Eigenes Geld zu drucken ist verboten. Das darf in der Schweiz nur die Nationalbank.»

Suzanne Ziegler

Wenn ich Sie richtig verstehe, ist der Eulachtaler eigentlich gar keine Währung, sondern ein Gutschein.Ja, juristisch sind es Gutscheine, so wie die Bons der Jungen Altstadt, die allerdings in mehr Geschäften akzeptiert werden. Der Eulachtaler ist quasi die Komplementärwährung zur Komplementärwährung.

Die Macher sagen, der Eulach­taler sei krisensicher, da unabhängig vom Franken. Stichwort: Finanzkrise. Ist das nur Blabla?Grundsätzlich ist es ein Vorteil von Alternativwährungen, dass sie sich von anderen Währungen lösen können. Auf dem Balkan werden Sparkontos häufig in Euro geführt statt beispielsweise in Dinar oder Kuna, weil die Menschen der Stabilität ihrer Landeswährung nicht immer vertrauen.

Die Leute fürchten eine starke In­flation, also dass ihr Geld schnell an Wert verliert.Ja. In Asien und Lateinamerika kommt traditionell der US-Dollar zum Einsatz, früher in der DDR die Westmark. Oder denken Sie an die Hyper­inflation in Deutschland in den 1920er-Jahren, wo man begann, Zigaretten und Schmuck als Parallelwährungen zu verwenden. Aktuell in der Schweiz darf man sich allerdings sicher fragen, ob die Loslösung vom Franken nötig ist oder ob nicht eher die Nachteile der Alternativwährung überwiegen.

Damit meinen Sie gewiss, dass der Eulachtaler etwas unpraktisch ist. Man kann ihn nicht am Bankomaten beziehen, sondern nur in einigen Läden, und man hat dann immer zwei Währungen im Portemonnaie.Grundsätzlich hat Geld mehrere Funktionen. Es ist unter anderem ein Zahlungsmittel und es dient zur Wertaufbewahrung. Für den zweiten Zweck taugt der Eulachtaler nicht, für den ersten schon, allerdings nur in wenigen Läden. Man kann damit ja nicht in der Migros einkaufen gehen, das Geld ist nicht allgemein akzeptiert. Den Schweizer Franken dagegen müssen die Läden akzeptieren, es besteht eine Annahmepflicht.

«Der Eulachtaler ist quasi die Komplementärwährung zur Komplementärwährung.»

Suzanne Ziegler

Der Eulachtaler hat auch ein Verfallsdatum.Der Verfall ist bei Regionalwährungen sehr häufig. Sie sind als sogenanntes Schwundgeld konzipiert: Man soll nicht sparen, anlegen und spekulieren können, sondern man soll das Geld aus­geben müssen. Es gibt auch keinen Anspruch, die Taler in Franken zurückzuwechseln.

Eine Regionalwährung nutzt also vor allem den Händlern, nicht den Käufern?Ja, sie steht im Dienst der Wirtschaft. Eine historisch wichtige Alternativwährung ist der WIR, der auf die Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre zurückgeht. Auch hier ist die Idee: Die Benutzer sollen das Geld nicht horten, sondern im eigenen Kreis ausgeben, also im Schweizer Kleingewerbe.

Der Kunde ist eingeschränkt.Ja, darum ist der WIR auch tendenziell weniger Wert als der Franken. Dennoch kann er, und so auch der Eulachtaler, einen Kundennutzen haben, nämlich einen ideellen. Man bringt seine Verbundenheit zum ansässigen Gewerbe zum Ausdruck.

Gibt es eigentlich Alternativwährungen, die sich durch­gesetzt haben?Durchaus. Von Parallelwährungen im Ausland haben wir schon gesprochen. Regionale Währungen gibt es, allerdings mit sehr kleinen Umlaufvermögen, in vielen Ländern der Welt. Auch religiöse Gemeinschaften wie die Amish in den USA verwenden eigene Währungen. Bei uns sind die Reka-Schecks sehr beliebt, ­sicher auch darum, weil viele Arbeitgeber sie vergünstigt an die Mitarbeiter abgeben.

Beim Eulachtaler gibt es leider keinen solchen Rabatt ...Doch, einige Läden gewähren offenbar Rabatte von fünf oder zehn Prozent. Das soll die Währung attraktiver machen.

Im Internet gibt es Bitcoins.Es gibt ganz viele Kryptowährungen. Bei diesen existiert kein physisches Geld, sondern es werden zum Beispiel computergenerierte Codes zur Bezahlung eingesetzt. Diese Währungen sind spannend, weil sie übernational sind und die nationalen Notenmonopole nicht gelten. Supranationale Währungen könnten theoretisch sogar den US-Dollar ersetzen.

Sie trauen den Bitcoins also mehr zu als dem Eulachtaler?Jedenfalls haben Bitcoins das Potenzial, die regulären Wäh­rungen zu gefährden, der Eulachtaler sicher nicht.

Suzanne Ziegler ist Dozentin und Leiterin der Abteilung Banking, Finance und Insurance an der ZHAW. Die 54-Jährige arbeitete früher bei der schweizerischen Nationalbank.

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