Wirtschaft

«Das Winterthurer Geld bewegt sich am Rand der Legalität»

Kleingewerbler an der Neustadtgasse verbreiten den Eulachtaler als neue Winterthurer Währung. Eigentlich nichts weiter als ein Gutschein, urteilt ZHAW-Professorin ­Suzanne Ziegler, die dennoch rechtliche Bedenken hat.

Geld ausgeben statt sparen, anlegen, spekulieren: Laut ZHAW-Professorin Suzanne Ziegler ist dies die Grundidee verschiedener Regionalwährungen.

Geld ausgeben statt sparen, anlegen, spekulieren: Laut ZHAW-Professorin Suzanne Ziegler ist dies die Grundidee verschiedener Regionalwährungen. Bild: Enzo Lopardo

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das lokale Gewerbe will den ­Eulachtaler wiederbeleben. Darf eigentlich jeder sein eigenes Geld herausgeben?
Suzanne Ziegler: Nein, es ist verboten, Geld zu drucken. Das darf nur die Nationalbank. Das wissen die Macher des Eulachtalers natürlich und haben diesen darum als Gutschein gestaltet. Wenn die Eulachtalernote ihre Ablauffrist erreicht hat, kann sie mit einem Aufkleber verlängert werden.

Und das ist erlaubt?
Problematisch ist, dass eigentliche Bankoten gedruckt werden, was an sich verboten ist. Die Nationalbank hat in der Schweiz das Notenmonopol. Offensichtlich drückt man beide Augen zu bei kleinen Regionalwährungen mit sehr kleinem Umlaufvermögen.

Was hat denn die Nationalbank gegen Regionalwährungen?
Sie betreibt die Geld- und Währungspolitik, indem sie die Geldmenge steuert. Darin wäre sie eingeschränkt, wenn es starke Parallelwährungen gäbe.

«Eigenes Geld zu drucken ist verboten. Das darf in der Schweiz nur die Nationalbank.»Suzanne Ziegler

Wenn ich Sie richtig verstehe, ist der Eulachtaler eigentlich gar keine Währung, sondern ein Gutschein.
Ja, juristisch sind es Gutscheine, so wie die Bons der Jungen Altstadt, die allerdings in mehr Geschäften akzeptiert werden. Der Eulachtaler ist quasi die Komplementärwährung zur Komplementärwährung.

Die Macher sagen, der Eulach­taler sei krisensicher, da unabhängig vom Franken. Stichwort: Finanzkrise. Ist das nur Blabla?
Grundsätzlich ist es ein Vorteil von Alternativwährungen, dass sie sich von anderen Währungen lösen können. Auf dem Balkan werden Sparkontos häufig in Euro geführt statt beispielsweise in Dinar oder Kuna, weil die Menschen der Stabilität ihrer Landeswährung nicht immer vertrauen.

Der Eulachtaler ist rechtlich umstritten.

Die Leute fürchten eine starke In­flation, also dass ihr Geld schnell an Wert verliert.
Ja. In Asien und Lateinamerika kommt traditionell der US-Dollar zum Einsatz, früher in der DDR die Westmark. Oder denken Sie an die Hyper­inflation in Deutschland in den 1920er-Jahren, wo man begann, Zigaretten und Schmuck als Parallelwährungen zu verwenden. Aktuell in der Schweiz darf man sich allerdings sicher fragen, ob die Loslösung vom Franken nötig ist oder ob nicht eher die Nachteile der Alternativwährung überwiegen.

Damit meinen Sie gewiss, dass der Eulachtaler etwas unpraktisch ist. Man kann ihn nicht am Bankomaten beziehen, sondern nur in einigen Läden, und man hat dann immer zwei Währungen im Portemonnaie.
Grundsätzlich hat Geld mehrere Funktionen. Es ist unter anderem ein Zahlungsmittel und es dient zur Wertaufbewahrung. Für den zweiten Zweck taugt der Eulachtaler nicht, für den ersten schon, allerdings nur in wenigen Läden. Man kann damit ja nicht in der Migros einkaufen gehen, das Geld ist nicht allgemein akzeptiert. Den Schweizer Franken dagegen müssen die Läden akzeptieren, es besteht eine Annahmepflicht.

«Der Eulachtaler ist quasi die Komplementärwährung zur Komplementärwährung.»

Suzanne Ziegler

Der Eulachtaler hat auch ein Verfallsdatum.
Der Verfall ist bei Regionalwährungen sehr häufig. Sie sind als sogenanntes Schwundgeld konzipiert: Man soll nicht sparen, anlegen und spekulieren können, sondern man soll das Geld aus­geben müssen. Es gibt auch keinen Anspruch, die Taler in Franken zurückzuwechseln.

Eine Regionalwährung nutzt also vor allem den Händlern, nicht den Käufern?
Ja, sie steht im Dienst der Wirtschaft. Eine historisch wichtige Alternativwährung ist der WIR, der auf die Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre zurückgeht. Auch hier ist die Idee: Die Benutzer sollen das Geld nicht horten, sondern im eigenen Kreis ausgeben, also im Schweizer Kleingewerbe.

Der Kunde ist eingeschränkt.
Ja, darum ist der WIR auch tendenziell weniger Wert als der Franken. Dennoch kann er, und so auch der Eulachtaler, einen Kundennutzen haben, nämlich einen ideellen. Man bringt seine Verbundenheit zum ansässigen Gewerbe zum Ausdruck.

Gibt es eigentlich Alternativwährungen, die sich durch­gesetzt haben?
Durchaus. Von Parallelwährungen im Ausland haben wir schon gesprochen. Regionale Währungen gibt es, allerdings mit sehr kleinen Umlaufvermögen, in vielen Ländern der Welt. Auch religiöse Gemeinschaften wie die Amish in den USA verwenden eigene Währungen. Bei uns sind die Reka-Schecks sehr beliebt, ­sicher auch darum, weil viele Arbeitgeber sie vergünstigt an die Mitarbeiter abgeben.

Beim Eulachtaler gibt es leider keinen solchen Rabatt ...
Doch, einige Läden gewähren offenbar Rabatte von fünf oder zehn Prozent. Das soll die Währung attraktiver machen.

Im Internet gibt es Bitcoins.
Es gibt ganz viele Kryptowährungen. Bei diesen existiert kein physisches Geld, sondern es werden zum Beispiel computergenerierte Codes zur Bezahlung eingesetzt. Diese Währungen sind spannend, weil sie übernational sind und die nationalen Notenmonopole nicht gelten. Supranationale Währungen könnten theoretisch sogar den US-Dollar ersetzen.

Sie trauen den Bitcoins also mehr zu als dem Eulachtaler?
Jedenfalls haben Bitcoins das Potenzial, die regulären Wäh­rungen zu gefährden, der Eulachtaler sicher nicht.


Suzanne Ziegler ist Dozentin und Leiterin der Abteilung Banking, Finance und Insurance an der ZHAW. Die 54-Jährige arbeitete früher bei der schweizerischen Nationalbank. (Der Landbote)

Erstellt: 23.06.2017, 15:32 Uhr

Stichwort Eulachtaler

Gegen das Geld von der Neustadtgasse

Der Eulachtaler wurde 2014 von Läden an der Neustadtgasse lanciert. Mit der Währung wollen die Macher das sozial verantwortliche und umweltfreundliche Kleingewerbe unterstützen.

Nun will man für eine grössere Verbreitung des Geldes sorgen. Es sind die Gründung einer «Eulachtaler-Gemeinde» geplant sowie eine öffentliche Aktion im September zur Steigerung der Bekanntheit. Das Ziel ist es laut Sabine Heusser Engel vom Verein ­Living Room, 500 Personen für die «Gemeinde» zu gewinnen, die einen Jahresbeitrag von 50 Franken bezahlen.

Das Logo von Firmen, die einen Förderbeitrag von mindestens 1000 Franken leisten, soll auf den neuen Geldscheinen figurieren, die Anfang 2018 gedruckt werden. Aktuell akzeptieren gegen 20 Geschäfte den Eulachtaler; beziehen können die Kunden das Geld in denselben Läden. Das Umlaufvermögen beträgt zurzeit gut 10000 ET. Es ist durch Leistungsgarantien gedeckt.

Der Eulachtaler erhält Unterstützung von Politikern, vor allem aus dem linken Spektrum. Die Projektbroschüre enthält auch ein Statement von Stadtpräsident Michael Künzle (CVP): «Der Eulachtaler ist eine gute Idee, weil er ein Zeichen für Winterthurs Selbstbewusstsein ist und weil er dem lokalen Gewerbe Aufmerksamkeit bringt.»

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!