Interview

«Das zeugt doch auch von Stärke»

SP-Co-Präsidentin Mattea Meyer erklärt, warum die Partei umschwenkt und doch noch eine Kandidatin für das Stadtpräsidium aufstellt. Die «stramm bürgerliche» Annetta Steiner könne man keinesfalls unterstützen.

Mattea Meyer, Co-Präsidentin SP: «Die SP und die Grünen sind nicht niemand.»

Mattea Meyer, Co-Präsidentin SP: «Die SP und die Grünen sind nicht niemand.» Bild: Madeleine Schoder

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Bei der SP scheint man sich nicht entscheiden zu können. Ist das nicht etwas peinlich?
Mattea Meyer: Ich kann nachvollziehen, dass man das Vorgehen bei der Präsidentschaftskandidatur kritisiert. Wir haben einen Entscheid getroffen und nun wollen wir ihn korrigieren, das ist nicht ideal. Es zeugt doch aber auch von Stärke, wenn man auf einen Beschluss zurückkommt, sobald sich die Situation verändert.

Schon bei der Aufstellung Ihrer Stadtratskandidatin im Sommer haben Sie gezaudert und mussten die Nomination vertagen.
Wir verschoben die Nomination damals schlicht darum, um uns noch mit Grünen, AL und EVP ­absprechen zu können.

Es gab keinen internen Streit um den richtigen Kandidaten?
Nein, keineswegs.

«Der bürgerliche Stadtrat hat Entscheide getroffen, die deutlich machen, dass es eine soziale und ökologische Gegenposition auch beim Präsidium braucht.»

Was hat dazu geführt, dass Sie Ihren Entscheid zur Präsidentschaftskandidatur überdachten?
Drei Dinge: Erstens hat der bürgerliche Stadtrat in den letzten Wochen Entscheide getroffen, die deutlich machen, dass es eine soziale und ökologische Gegenposition auch beim Präsidium braucht. Ich denke da an den Entscheid, den ökologischen Wärmeverbund Aquifer zu stoppen, und an die neue Wohnbaustrategie, die Luxuswohnungen fördern will anstatt dringend benötigte bezahlbare Wohnungen. Zweitens hat sich mit dem Antritt von Annetta Steiner das Kandidatenfeld erweitert. Und drittens gab es zahlreiche Stimmen, die sich für eine linke Präsidentschaftskandidatur gemeinsam mit den Grünen aussprachen.

Sind die inhaltlichen Argumente nicht vorgeschoben? Entscheidend ist doch die Kandidatur von Annetta Steiner.
Es ist richtig, dass sich mit der Kandidatur von Annetta Steiner die Situation grundlegend verändert hat. Eine Unterstützung von Michael Künzle kommt für uns nicht in Frage. Die laufende Legislatur ist geprägt von Abbau, Stillstand und Begünstigung der eigenen Klientel. Doch auch Annetta Steiner können wir nicht als Stadtpräsidentin empfehlen. Sie vertritt vor allem finanzpolitisch bürgerliche Positionen, war die treibende Kraft hinter den pauschalen Sparanträgen in früheren Budgetdebatten. In Winterthur ist die GLP auch in ökologischen Fragen keine verlässliche Partnerin der Linken. Die Partei konnte sich ja bei der letzten Ersatzwahl nicht entscheiden, ob sie den Grünen Jürg Altwegg oder Daniel Oswald von der SVP, der den Klimawandel in Frage stellt, unterstützen wollte.

Haben Sie nicht weit genug ­vorausgedacht? Es war doch im Vornhinein denkbar, dass die Grünliberalen fürs Präsidium kandidieren würden.
Die Grünliberalen sind ja bekannt dafür, dass sie sich mit ihren Nominationsentscheidungen viel Zeit lassen und abwarten, bis sich die anderen Parteien festgelegt haben. Wir wussten nicht, ob und mit wem sie antreten. Es ist für uns nicht unerheblich, wer ­genau aus dieser Partei antritt.

«Christa Meier bringt als langjährige Gemeinderätin Führungs­erfahrung, politisches Gespür und Gestaltungswillen mit.»

Ist die Präsidiumskandidatur von Christa Meier nicht eine ­Alibikandidatur? Stadträtin Yvonne Beutler hätte doch die besseren Chancen gehabt.
Christa Meier bringt als langjährige Gemeinderätin Führungs­erfahrung, politisches Gespür und Gestaltungswillen mit. Natürlich haben wir auch mit den amtierenden Stadträten gesprochen, so wie wir das immer tun.

Doch Beutler widersetzte sich einer Kandidatur, weil sie sich nicht verheizen lassen wollte. Michael Künzle ist zu populär.
Das sagen jetzt Sie. Yvonne Beutler selbst hat betont, auch gegenüber Medienvertretern, dass sie Finanzvorsteherin bleiben und ihre Arbeit fortsetzen will.

Wollte Christa Meier schon vor dem ersten Parteientscheid antreten und man bremste sie aus?
Nein. Wir haben den damaligen wie den aktuellen Entscheid gemeinsam gefällt.

Aber sie stellte sich schon ­damals zur Verfügung?
Christa Meier möchte Stadtpräsidentin werden. Über das Vorgehen waren wir uns stets einig.

Stadtpräsident Künzle ist so populär, dass man ihn kaum schlagen kann. Teilen Sie diese Einschätzung?
Gar nicht. Bei der letzten Wahl vor vier Jahren gab es keinen offiziellen Gegenkandidaten, dennoch entfielen rund 8000 Stimmen auf Vereinzelte und nur rund doppelt so viele auf Künzle. Und seither ist der Unmut über die zögerliche Politik nicht kleiner geworden. Diesmal gibt es nun eine starke Gegen­kandidatur von links.

Und eine aus der Mitte. Um ­bessere Chancen zu haben, hätte man die Stimmen der Unzufriedenen bündeln sollen.
Die SP und die Grünen sind nicht niemand. Wir haben gegen 40 Prozent Wähleranteil, und bei der letzten Ersatzwahl setzte sich der grüne Kandidat klar durch.

Herrscht aus Ihrer Sicht Wechselstimmung in Winterthur?
Ganz klar. Ich höre oft, dass in Winterthur nicht weiter gejammert werden, nicht weiter Stillstand herrschen soll. Der Ärger über die verantwortungslose bürgerliche Sparpolitik, über abmontierte Bänkli und gestrichene Schulweglotsen, ist gross.

(Landbote)

Erstellt: 25.10.2017, 18:40 Uhr

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