Winterthur

«Dass Christoph Blocher da war, vergesse ich nie»

Das Restaurant La Pergola an der Stadthausstrasse ist eine Institution, die nicht nur wegen des Essens besucht wird, sondern auch wegen der Gastfreundschaft von Mentor Desku.

Mentor Desku im Hinterzimmer seines Restaurants, die farbenprächtigen Wandgemälde hat ein Stammgast gemalt.

Mentor Desku im Hinterzimmer seines Restaurants, die farbenprächtigen Wandgemälde hat ein Stammgast gemalt. Bild: Johanna Bossart

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Im Normalfall betritt niemand das Restaurant, ohne vom Chef persönlich empfangen zu werden. «Ich schaue den Gast an und versuche Stimmung und Wünsche im Gesicht abzulesen», sagt Mentor Desku. Stammgäste begrüsst er mit Namen und weiss, wo sie am liebsten sitzen wollen und was sie gern essen. Und die Gäste kennen und schätzen «Menti», wie er liebevoll genannt wird.

So will sich während unseres Gesprächs am frühen Nachmittag ein alter Herr, der gerade mit seinem Sohn zu Mittag gegessen hat, unbedingt persönlich mit einem Händedruck von ihm verabschieden und sich bedanken.

Aus dem Kosovo in die Schweiz

Deskus Vater kam 1985 aus Kosovo in die Schweiz. Dort hatte er Wirtschaft studiert und als Mathelehrer gearbeitet. In der Schweiz verdingte er sich als Knecht auf einem Bauernhof. Später wechselte er zur «Chemischen» nach Uetikon am See, verdiente gutes Geld und konnte 1988 seine Frau und die vier Kinder nachholen. Der damals siebenjährige Mentor sprach natürlich kein einziges Wort Deutsch.

«Am Sonntag sind wir in die Schweiz gekommen, am Montag musste ich in die Schule.» Der Anfang sei schwer gewesen. Ein Jahr lang habe er einfach überhaupt nicht geredet, aber dann sei es wie von selber gekommen. Damals gab es noch nicht viele Kosovaren in der Schweiz, Deskus waren in Uetikon die ersten.

Die Vorurteile gab es noch nicht. «Wir Kinder sind von den Eltern unserer Gspändli gleichwertig behandelt worden. Die Zeit hat uns positiv geprägt.» Überhaupt habe er wegen seiner Herkunft bis heute selten Ressentiments zu spüren bekommen.

Der Vater habe schon lange den Traum gehabt, ein Restaurant zu führen. 1999 hatte er genug Geld zur Seite gelegt: «Da konnten wir das Pergola von einem Kollegen übernehmen.» Der Umzug von Uetikon nach Winterthur sei nicht einfach gewesen, vor allem natürlich fehle der See.

Zuerst haben nur Vater und Bruder das Restaurant betrieben, Mentor schloss noch seine Kochlehre in Zürich ab und arbeitete dann für ein Jahr in der Küche des Pergola. Als der Chef de Service ging, übernahm er kurz entschlossen den Posten an der Front. «Ich bin eigentlich scheu, aber langsam bin ich da reingewachsen.» Der Anfang verlief nicht ganz wie gewünscht. Am ersten Tag im Service habe er ein ganzes Tablett voller Getränke über einen Kunden ausgeleert und diesem anschliessend in der Stadt neue Kleider besorgen müssen.

«Gesichter, die ich einmal gesehen habe, vergesse ich nie.»

Mentor Desku

Das Erlebnis sei prägend gewesen, aber heute kann er darüber lachen: «Die Arbeit macht mir unheimlich viel Spass. Mein Ziel ist, dass die Gäste zufrieden heimgehen.» Früher habe er sich jeden Namen merken können, den er einmal gehört habe. Seit einer schweren Lungenentzündung mit hohem Fieber habe das Namensgedächtnis etwas gelitten: «Aber Gesichter, die ich einmal gesehen habe, vergesse ich nie.»

Ein Besuch, den er so schnell nicht vergisst, ist der von Christoph Blocher. Weil das Restaurant gegenüber vom Museum Oskar Reinhart liegt, sei Blocher während seiner Ausstellung ein paarmal zu Gast gewesen. Einmal habe er morgens um 9 Uhr mit ihm «käfelet» und sich über seinen Werdegang unterhalten. «Sie sind ein Arbeiter, das finde ich gut», habe Blocher zu ihm gesagt.

Zur Politik ist Mentor Desku durch seine Stammgäste gekommen. Die heutige SVP-Nationalrätin Natalie Rickli war früher mindestens einmal pro Woche im Restaurant, sie habe ihn schon vor Jahren zur SVP geholt. Eine Karriere als Politiker könne er sich durchaus vorstellen, doch dann «müsste ich dort richtig Gas geben».

«Ich bin ein Familienmensch, meine drei Kinder sind das Beste, was mir je passiert ist.» Mentor Desku

An zwei Stellen 150 Prozent zu geben, scheine schwierig. Leiden würde dann wohl vor allem die Familie. Schon jetzt ist er wenig daheim. Lange Zeit hat er sieben Tage die Woche 14 Stunden durchgearbeitet, jetzt sind es noch 10 bis 11 Stunden. Der 36-Jährige ist seit 13 Jahren verheiratet: «Ich bin ein Familienmensch, meine drei Kinder sind das Beste, was mir je passiert ist.»

Die Familie ist auch für das Restaurant wichtig, seine beiden Schwestern arbeiten in der Küche. Die Mutter hat jahrelang die Pizza gemacht, bis sie wegen Schulterproblemen aufhören musste, und der Vater springt bei Bedarf ein. Der Bruder ist inzwischen Banker und kümmert sich um die Finanzen.

Mentor Desku kennt viele Politiker in der Stadt und ist mit dem Stadtpräsidenten per Du. Früher kamen sie alle zum Mittagessen ins Pergola. Seit dem Umzug in den Superblock sei das deutlich weniger geworden und auch die Axa-Mitarbeiter fehlten als Gäste. Das würden wohl alle Restaurants in der Stadt merken.

Stolz ist Mentor Desku auf die Grösse der Speisekarte, dort stehen rund 300 Gerichte, es macht ihm Spass, Neues auszuprobieren. Etwas typisch Kosovarisches ist aber nicht dabei. «Das haben wir noch nie versucht. Wenn man etwas Kosovarisches machen will, braucht man Parkplätze, unsere Landsleute wollen mit dem Auto kommen», sagt Mentor Desku lachend. (Der Landbote)

Erstellt: 20.08.2017, 17:03 Uhr

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