Winterthur

«Den Gymnasien droht ein Qualitätsverlust»

Die Sparpläne der Zürcher Regierung gefährden die Qualität der Gymnasien, sagt Rita Oberholzer, die Rektorin der Kantonsschule Im Lee. Einfache Sparrezepte gebe es nicht.

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Der Widerstand gegen die vom Kanton Zürich angekündigten Kürzungen im Bildungsbereich ist gross und laut. Dabei ist noch unklar, wo gespart wird. Ist dieser Protest nicht übertrieben?

Rita Oberholzer: Ich denke, das ist er nicht, weil das Ausmass der Sparmassnahmen horrend ist. Mit 5 Prozent müssen wir mehr einsparen als jemals zuvor. Wir haben ja schon in den letzten Jahren sparen müssen, die Kürzungen beliefen sich aber auf 1,2 bis 1,8 Prozent. Deshalb können wir jetzt auch sehr gut abschätzen, was 5 Prozent bedeuten. Der Protest ist auch deshalb laut, weil wir wollen, dass sich die Bevölkerung Gedanken macht, wie wichtig Bildung ist. Es geht uns dar­um, zu zeigen, dass wir schon heute an eine Grenze gekommen sind. Wir geben heute für einen Gymnasiasten weniger aus als vor 15 Jahren.

Insgesamt aber sind die Bildungsausgaben überproportional zum Schülerwachstum gestiegen. Wie kommt das?

Ich kann nur für das Gymnasium sprechen. Und in den Mittelschulen sind die Kosten pro Schüler gesunken. Wir haben allerdings höhere Schülerzahlen und damit auch höhere Kosten. Der Grund dafür ist die demografische Entwicklung und nicht der Prozentsatz der Maturanden, der in den letzten Jahren nicht signifikant gestiegen ist. Wir haben die Zunahme nicht selbst verursacht.

Und doch: Pro Schüler wird heute mehr in Bildung investiert. Wegen der Hochschulen?

Es ist eindeutig so, dass Universitäten und Fachhochschulen eine massive Zunahme der Studierenden hatten. Das heisst aber nicht, dass dieses Wachstum unbegründet ist. Die Hochschulbildung ist politisch gewollt.

Plädieren Sie dafür, die Gymnasien vom Sparen auszunehmen?

So würde ich das nicht fordern. Aber man muss genau hinschauen. Die Frage lautet: Wo kann man ohne Qualitätseinbussen sparen? Bei einem Sparauftrag von 5 Prozent glaube ich nicht, dass das ohne Qualitätsverlust geht. Uns ist klar, dass der Kanton die Finanzen im Griff haben muss. Aber es geht nicht, vorschnell zu entscheiden, wo wie viel gespart wird.

Ihre Kritik geht an die Bildungsdirektion.

Ja. Der Kanton geht davon aus, dass die Kosten in der Mittelschule durch das prognostizierte Schülerwachstum um 18 Millionen Franken pro Jahr ansteigen. Der Plan lautet nun einfach, die Kosten auf dem heutigen Niveau einzufrieren. Dabei wurde nicht geprüft, ob das überhaupt machbar ist.

Wenn mehr Schüler kommen, war­um erhöhen Sie dann nicht die Klassengrössen?

Weil das alles andere als einfach ist. Wir haben heute schon einzelne Klassen mit 26 Schülerinnen und Schülern. Mehr bringen wir zumindest in der Kantonsschule Im Lee gar nicht in die Zimmer. Zudem lassen sich Schüler nicht beliebig verteilen. Wir sparen nicht viel, wenn wir drei Schüler aus dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Profil in eine musische Klasse schicken. Diese drei müssten dann in einigen profilspezifischen Lektionen separat unterrichtet werden.

Kostenoptimierte Klassengrössen kollidieren also mit der Wahlfreiheit in der Bildung?

Das ist noch nicht einmal der Kern des Problems. Wir haben heute extrem viele Fluktuationen: Schüler, die die Probezeit nicht bestehen, repetieren, ein Austauschjahr machen oder wegziehen. Man kann aber nicht einfach eine Klasse auflösen, nur weil sie zwei Schüler weniger zählt.

Wäre das US-Modell eine Lösung: Klassen abzuschaffen und nur noch Fächer anzubieten?

Ich glaube nicht, dass das viel ändern würde. Wenn ich beispielsweise Schüler für eineinhalb Klassen habe, die Musik besuchen möchten, mache ich dann eine Klasse und verbiete den anderen das Fach oder mache ich zwei? Wir haben jetzt schon Si­tua­tio­nen, wo Schüler aus strukturellen Gründen nicht die Fächer belegen können, die sie wollen.

Und wie kommt das an?

Schülerinnen und Schüler, die Eltern und auch die Lehrpersonen sind unzufrieden. Und oft wehren sie sich, da sie alle der Meinung sind, dass die Jugendlichen das Fach besuchen können müssen, für das sie motiviert sind.

Aus Lehrerkreisen verlautet gelegentlich, viel Geld werde auf Ebene der Verwaltung, etwa im Mittelschulamt, verpulvert. Teilen Sie diesen Eindruck?

Aus der Distanz heraus hat man schnell den Eindruck, andernorts könne noch gespart werden. Was es bei Lehrerinnen und Lehrern gibt, ist eine Skepsis gewissen Projekten gegenüber, etwa ge­gen­über der Gesundheitsförderung oder den externen Evaluationen. Diese Dinge brauchen Geld, ich bin mir aber nicht sicher, ob das am Ende grosse Beträge sind.

Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) hat durchblicken lassen, dass sie Freifächer streichen will. Hand aufs Herz: Verschlechtert das wirklich die Qualität der Schule

Wenn wir alle Freifächer abschaffen würden, hätten wir immer noch nur die Hälfte des nötigen Geldes eingespart. Und so unwichtig, wie man etwa meint, sind Freifächer nicht. Es wäre etwa Latein betroffen, das wir meistens nur im Freifach anbieten können, das aber für gewisse Studienrichtungen an Universitäten Voraussetzung ist. Auch das Freifach Technologien der Zukunft zu streichen, wäre unschön. Wir haben das Fach eingeführt, um mathematisch-naturwissenschaftliche Kompetenzen zu fördern, wie das vom Bildungsrat verlangt wurde. Man landet bei den Freifächern schnell bei der Grundsatzfrage: Wollen wir begabte Schülerinnen und Schüler in der Schule fördern? Oder ist das Privatsache – mit dem Risiko, dass diese Schüler gelangweilt sind und dumm tun.

Von aussen wirkt der Widerstand gegen das Sparpaket mehr von Lehrern und Rektoren als von Schülern und Eltern getrieben. Ist dieses «Wehret den Anfängen» auch ein Versuch, Lohnkürzungen abzuwehren?

Ich glaube nicht, dass es dar­um geht. Uns treibt die Sorge an, den Hochschulzugang und das Qualitätsniveau zu halten. Wir haben ja durch die Verkürzung des Gymnasiums bereits einen Verlust hinnehmen müssen.

Aber wäre es nicht sinnvoll, bei den Löhnen zu sparen? In vielen Branchen sind die Saläre unter Druck und Bewerber für Mittelschulstellen findet man genug.

Auch in den Mittelschulen hat es in der Vergangenheit immer wieder Lohnmassnahmen gegeben. Es ist allerdings überhaupt nicht leicht, gute Lehrpersonen zu finden. Unter den Bewerbern gibt es immer Leute, die nicht wissen, was sie sonst machen sollen – das ist für den Lehrerberuf nicht die richtige Voraussetzung.

Silvia Steiner schliesst selbst Schulgelder fürs Gymnasium nicht aus. Was halten Sie davon?

Die Frage ist, wie gross der Gewinn tatsächlich wäre. Schon heute gibt es viele Familien, die auf Stipendien oder andere Unterstützung angewiesen sind, um Bücher und Studienwochen zu finanzieren. Ihre Zahl würde wohl noch zunehmen.

Vor dem Gesamtbild der heutigen Si­tua­tion: Machen Sie sich um die gymnasiale Bildung im Kanton ernsthaft Sorgen?

Wenn die 5 Prozent Sparauftrag wirklich kommen, ja. Dann stellt sich noch die Frage: Ist das nur vorübergehend bis 2019 oder will man die Kosten ungeachtet der Bevölkerungsentwicklung länger einfrieren? Es ist ein Unterschied, ob wir uns drei Jahre durchbeissen müssen oder ob der Kostendeckel zum Courant normal wird. (Landbote)

Erstellt: 14.01.2016, 09:05 Uhr

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