Sessionsinterview

«Den Worten der FDP glaube ich nicht»

Für SP-Nationalrätin Mattea Meyer haben die Schülerstreiks der letzten Wochen den Bürgerlichen einen Denkzettel verpasst. Bevor sie die Klimapolitik der FDP ernst nimmt, will sie Taten sehen. Und das nicht nur beim Klima.

Die Winterthurer SP-Nationalrätin Mattea Meyer will, dass unsere Finanzplätze dazu verpflichtet werden, nicht mehr in Erdöl oder Kohle zu investieren.

Die Winterthurer SP-Nationalrätin Mattea Meyer will, dass unsere Finanzplätze dazu verpflichtet werden, nicht mehr in Erdöl oder Kohle zu investieren. Bild: pd

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Aufgrund der Schülerstreiks der letzten Wochen sprechen wir wieder mehr übers Klima. Wann waren Sie das letzte Mal an einer Demo für unsere Umwelt?
Mattea Meyer: An der Klima-Demonstration Anfang Februar konnte ich leider nicht teilnehmen, aber am 15. März findet wieder eine grosse Kundgebung statt. Die habe ich mir dick in der Agenda eingetragen.

Wie wichtig sind Umweltthemen in der neuen Session, die am Montag gestartet ist?
Sehr wichtig. Die Protestbewegungen der Schülerinnen und Schüler haben der rechtsbürgerlichen Mehrheit tatsächlich einen Denkzettel verpasst.

Sie sprechen den von Präsidentin Petra Gössi angestossenen Kurswechsel der FDP an, die nun klimafreundlich auftreten möchte. Nehmen Sie das ernst?
Die FDP war in der laufenden Legislatur nie auf der Seite des Klimas, weder beim CO2-Gesetz noch beim Pariser Klimaabkommen. Wenn es nicht reine Wahltaktik ist, will ich Taten sehen.

Und für welche Klimapolitik stehen Sie?
Ich will, dass unsere Finanzplätze dazu verpflichtet werden, nicht mehr in Erdöl oder Kohle zu investieren. Die grossen Konzerne generieren ein Vielfaches des CO2-Ausstosses im Vergleich zur Gesellschaft.

… und trotzdem fängt es beim Einzelnen an. Was tun Sie fürs Klima?
Selbstverständlich versuche ich, meinen Beitrag zu leisten. Ich habe kein Auto, fahre Velo oder nehme den Zug und fliege sehr ungern und selten. Ich bin zwar nicht Vegetarierin, aber ich achte darauf, was bei mir auf den Teller kommt.

Klimaschutz ist nicht ?Privatsache.
Nein, es braucht politische Lösungen. Das fordern auch die streikenden Schülerinnen.

Sie setzen sich auch für die vier Wochen Vaterschaftsurlaub ein, über die wir bald abstimmen. Wäre es nicht konsequenter, eine mehrmonatige Elternzeit zu fordern, wie das Deutschland kennt?
Die Annahme der Initiative wäre ein erster, kleiner Schritt in die richtige Richtung. Weniger als vier Wochen geht nicht. Der fehlende Vaterschaftsurlaub zementiert schon sehr früh, wer in der Beziehung grösstenteils die unbezahlte und wer die bezahlte Arbeit leistet. Das ist diskriminierend. Auf längere Sicht ist eine Elternzeit, die sich Vater und Mutter gleichermassen aufteilen können, ganz klar anzustreben.

Schon vier Wochen Vaterschaftsurlaub würden die Wirtschaft jährlich 420 Millionen Franken kosten …
Wie die Mutterschaftsentschädigung könnte ein Vaterschaftsurlaub über die Erwerbsersatzordnung finanziert werden. Wir erlauben uns, unzählige junge Männer jedes Jahr drei Wochen für Wiederholungskurse ins Militär zu schicken. Der Dienst an der Waffe ist uns wichtiger, als dass junge Väter für ihre kleinen Kinder da sein können.

Erst vor zwei Jahren scheiterte die Vorlage für zwei Wochen Vaterschaftsurlaub.
Wegen der Stimmen der «Familienpartei» CVP. Ihr Argument war unter anderem, Elternwerden sei Privatsache. Dass sich junge Väter selbst organisieren und unbezahlt Urlaub nehmen sollen. Aber dann bleibt Vaterschaftsurlaub ein Privileg für jene, die es sich leisten können.

Setzen sich viele männliche Parlamentarier für einen Vaterschaftsurlaub ein?
Leider ist es nach wie vor so, dass wir im Parlament eine bürgerliche Mehrheit älterer Herren haben, für die es selbstverständlich ist, dass die Frau zu Hause bleibt und ihnen den Rücken stärkt.

In einem Interview mit der WOZ meinten Sie, dass in den Diskussionen rückblickend immer ein Mann die «gute Idee» hatte. Wo zum Beispiel?
Ich erlebe das immer wieder an Sitzungen, eine Frau sagt etwas, ein Mann nimmt die Idee auf, und alle Nachfolgenden beziehen sich dann auf den Mann. Auch linke Politiker sind nicht vor solchen Rollenbildern gefeit.

Wie reagieren Sie dann?
Das Schwierige ist, dass man das meistens zu spät merkt. Und wenn man reagiert, dann ist man die Spielverderberin. In der ganzen #MeToo-Debatte vor rund einem Jahr habe ich gemerkt, dass vielen dieses Problem gar nicht bewusst war.

Wie meinen Sie das?
Die Privilegierten, in vielen Fällen die Männer, entwickeln weniger ein Unrechtsbewusstsein, weil sie weniger davon betroffen sind. Mit der #MeToo-Debatte konnten wir ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Gleichstellung nicht nur Sache der Frau ist. Männer müssen sich ihrer Rolle ebenso bewusst werden.

Indem sie beispielsweise …
… nicht mehr auf Podien gehen, in denen sich nur Männer gegenseitig die Welt erklären. Ich kenne SP-Politiker, die sich weigern, an einem Podium teilzunehmen, wenn keine Frau eingeladen wurde. Das finde ich gut.

Mit 7 zu 30 sind die Frauen im Ständerat besonders stark untervertreten. Die Gender-Partei SP nominiert nun für die Nachfolge im Aargau mit Cédric Wermuth einen Mann statt einer Frau.
Die Delegierten entscheiden, wen sie nominieren. Man muss das gesamthaft betrachten: In den vergangenen Jahren hat die SP die Hälfte aller Ständerätinnen gestellt, die es überhaupt gibt.

Acht SP-Männer und vier SP-Frauen sitzen im Ständerat. Keine der Frauen tritt bei den Wahlen im Herbst wieder an.
Dennoch hat die SP viele starke Frauen, um die Ständeratssitze zu verteidigen. Im Tessin hat unsere Nationalratspräsidentin Marina Carobbio gute Chancen. In Basel-Stadt wurde Eva Herzog aufgestellt. In den Kantonen Neuenburg, Jura und Waadt stehen Frauen in der Poleposition.

Sie sagten, Ihnen gefalle, dass man als Nationalrätin gehört wird, eine Stimme hat. Wie meinen Sie das?
Ich engagiere mich seit langem für Sans-Papiers, also Menschen ohne Aufenthaltsrecht. Die Mehrheit der zuständigen Kommission wollte vor einem Jahr, dass Sans-Papiers-Kinder in der Schule bei der Migrationsbehörde gemeldet werden müssten und dann ausgeschafft würden. Als Nationalrätin konnte ich das zusammen mit anderen zum Glück verhindern. Aber es ist schon frustrierend: Wir konnten zwar Schlimmeres abwehren, haben aber auch nichts zum Besseren gewendet.

Sie sind eine der lautesten Verfechterinnen für mehr Steuertransparenz und die Abschaffung von Steuerprivilegien. Trotzdem werden Sie oft zu Gleichstellungsthemen befragt. Nervt Sie das?
Diese Themen sind wichtig. Es irritiert mich aber, wenn ich als junge Frau immer wieder gefragt werde, wie ich Familie und Politik unter einen Hut bringe, während junge Politiker, die ebenfalls eine Familie haben, selten damit konfrontiert werden.

Man kann schlecht für Gleichstellung einstehen und zu Hause ein konservatives Modell leben.
Das ist klar. Ich stehe auch dazu, wie ich das organisiere. Trotzdem wird es nicht als gleich normal erachtet, dass sich eine junge Frau als Mutter weiterhin in der Politik engagiert. Bei einem Mann ist das kein Thema.

Nach mehreren Jahren als Co-Präsidentin der SP Winterthur geben Sie diese Funktion per Ende März ab. Warum?
Es war ein sehr schönes Amt, das ich unglaublich gerne und lange ausgeübt habe. Ich bleibe aktives Mitglied bei der SP Winterthur, aber ich freue mich, wieder mehr Zeit für anderes zu haben – auch als Nationalrätin bin ich immer mehr gefordert.

Dann werden Sie bei den nächsten Wahlen wieder antreten?
Wenn ich nominiert werde, sehr gerne.

Erstellt: 04.03.2019, 18:24 Uhr

Politik

Galladés Parteiwechsel erhitzt die Gemüter nach wie vor

«Tschüss, SP!», so lautete der Titel der SRF-Sendung «Arena» am vergangenen Freitag. Moderator Jonas Projer hatte das Thema kurzfristig geändert, da Chantal Galladé am letzten Dienstag ihren Parteiwechsel zu den Grünliberalen bekannt gegeben hatte. Galladé selber zeigte in der Sendung wenig Verständnis für die teils zornigen Reaktionen mancher Genossinnen und Genossen auf ihren «persönlichen Entscheid» – und warf ihnen indirekt Intoleranz vor. Mattea Meyer wies gestern diesen Vorwurf zurück. «Ich erlebe eine SP, die grosszügig mit Meinungsverschiedenheit umgeht», sagt die SP-Nationalrätin. Entscheidend sei, dass man sich der internen Diskussion stelle. «Mich irritiert, dass Chantal Galladé erklärt, dass es vor allem europapolitische Fragen seien, die sie zum Austritt bewogen haben. Denn sie hat sich innerhalb der Partei kaum je dazu geäussert.» (tm)

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