Winterthur

Der Amtsjüngste will weiterregieren

Er ist noch am wenigsten lange im Amt, trotzdem machte Jürg Altwegg bereits von sich reden. Gleich zweimal präsentierte der Vorsteher des Departements Schule und Sport Vorhaben, die einer genaueren Prüfung nicht stand hielten.

Sportanlagen wie hier im Deutweg, die von der Allgemeinheit benutzt werden dürfen, findet Schul- und Sportvorsteher Jürg Altwegg eine gute Sache. Bild: Marc Dahinden

So tritt er auf: Jürg Altwegg ist keiner, der sofort jeden Raum einnimmt, den er betritt. Man merkt seinen Auftritten an, dass er noch weniger Erfahrung hat als seine Stadtrats-Kolleginnen und -Kollegen. Es scheint manchmal gar, als würde er sich in der Öffentlichkeit unwohl fühlen, als wäre der Anzug, in dem er steckt, ein Fremdkörper. Er wirkt, gerade im Vergleich zum persönlichen Kontakt, ungewohnt hölzern. Das heisst jedoch nicht, dass Altwegg unsicher ist. Wenn er spricht, tut er dies ruhig und ohne sichtliche Nervosität.

Allerdings auch ohne allzu grosse Emotionen. Man fragt sich, ob Altwegg so richtig auf den Tisch hauen und ausrufen kann.

Damit punktete er: Die Zeit seit seinem Amtsantritt im Juli ist noch zu kurz, als das Altwegg sich schon mit Geschäften hätte profilieren können. Grundsätzlich kam Altwegg aber bei vielen gut an, weil er ein Pragmatiker und kein Prinzipienreiter ist.

«Auch wenn es streng ist, ich habe den Wechsel noch keine Sekunde bereut.»Jürg Altwegg

Grüne Anliegen sind ihm zwar wichtig, doch er sagte auch schon, wenn ein Anliegen zu 80 Prozent grün sei, reiche ihm das. Diese Einstellung ermöglicht es, auch Kompromisse zu schliessen.

Damit eckte er an: Bereits gehen zwei Schnellschüsse auf Altweggs Konto. Kaum im Amt bestürmte ihn ein Kreisschulpflegepräsident, die ausgestopften Tiere aus den Schulhäusern zu verbannen, sie seien arsenhaltig. Altwegg reagierte umgehend und teilte mit, er habe beschlossen, die Tiere aus den Schulhäusern entfernen zu lassen. Die Meldung schaffte es sogar auf das Webportal der deutschen Zeitschrift «Spiegel». Doch es kam zu einem Proteststurm.

Er habe übereilt gehandelt, die Tiere hätten doch auch einen pädagogischen und finanziellen Wert, hiess es. Altwegg krebste darum wenig später zurück. Er habe nach Rücksprache mit Sachexperten und Schulen beschlossen, den Entscheid zu revidieren. Im Rückblick sagt er selbstkritisch, er hätte damals, an seinem erst zweiten Tag im Amt, wohl Ruhe bewahren sollen. Aber die jetzige Lösung sei gut und es habe ja niemand Schaden genommen.

Als Schnellschuss erscheint rückblickend auch sein Alternativvorschlag zur Traglufthalle, den er anlässlich seiner 100-Tage-Bilanz lanciert hatte. Er regte an, das Hallenbad beim Schulhaus Wülflingerstrasse auszubauen. Doch nach einer genaueren Prüfung musste er das Vorhaben wieder verwerfen. Es war in vielerlei Hinsicht unrealisitisch.

Das muss man wissen: Jürg Altwegg hat Jahrgang 1970. Aufgewachsen ist er in Nürendsorf, erst das Studium am Technikum brachte ihn nach Winterthur. Viele bringen seinen Namen in Verbindung mit dem Mehrgenerationenhaus «Giesserei», das er als Projektleiter begleitete und in dem er mit seiner Partnerin auch wohnt. Bevor Altwegg Stadtrat wurde, war er zuletzt als Fachredaktor tätig für die Fachzeitschrift «ET-Elektrotechnik».

«Altwegg hat versprochen in ökologischen Fragen stets sinnvolle Entscheide zu treffen.»Martin Zehnder (GLP)

Seine politische Karriere begann im Vorstand der Grünen Winterthur, 2007 rutschte er in den Gemeinderat nach, wo er auch sechs Jahre Fraktionspräsident war. Ein halbes Jahr sass er zudem im Kantonsrat. Und 2017 gewann er die Ersatzwahl in den Stadtrat.

Das sagt er über sich selbst: Altwegg sieht sich als pragmatischen Teamplayer. «Alleine geht’s nicht», ist er überzeugt. Auch als Chef sei er kooperativ, aber er könne durchaus auf den Tisch hauen wenn nötig. Im Stadtrat fühlt Altwegg sich wohl, er sagt aber, er sei noch daran, sich einzuleben. «Um sich einen Überblick über das ganze Departement zu verschaffen braucht man locker ein ganzes Jahr.»

Trotzdem merke er, dass seine Schonzeit nun abgelaufen sei: «Der Ton ist rauer geworden.» Grundsätzlich schätze er Harmonie. «Doch Politik lebt nun mal vom Diskurs auch innerhalb der Verwaltung. Für mich hört es aber dort auf, wo Angriffe persönlich werden. Das bringt mich in Rage», sagt Altwegg.

An seinem Amt mag er, dass er politisch und strategisch arbeiten kann. «Auch wenn es streng ist, habe ich den Wechsel noch keine Sekunde bereut.» Die grösste Veränderung seit seinem Amtsantritt sei gewesen, dass er seine Zeit kaum noch selber gestalten könne. Die Agenda werde einfach gefüllt, Hobbies kämen dadurch eher zu kurz. «Aber für meine Partnerin reserviere ich immer mindestens einen Tag am Wochenende.»

Noch kein Jahr ist es her, als sich Jürg Altwegg über seine Wahl in den Stadtrat freute. Nun hofft er, nicht bei erster Gelegenheit wieder abgewählt zu werden.

Angst, im März nicht wiedergewählt zu werden, hat er nicht. «Aber Respekt vor Überraschungen. Abgewählt zu werden, wäre ein Frust.» Dass er gleich gegen drei SP-ler antreten muss, sieht Altwegg nicht als Problem: «Wer diese Namen auf den Wahlzettel schreibt, wird wohl auch meinen dazusetzen.»

Das sagen die andern: Von seinen ehemaligen Gemeinderatskollegen, die in der Kommission Bildung, Sport und Kultur (BSK) sitzen, erhält Jürg Altwegg grösstenteils Lob. Andreas Geering (CVP) sagt, Altwegg habe sich gut eingearbeitet und wisse über die Geschäfte, die er in der Kommission vorstelle, Bescheid. Auch in seinem Auftritt habe er sich dem Stadtrat angepasst. Gestört hat Geering Altweggs Vorpreschen mit seiner Alternative zur Traglufthalle.

Man habe das Gefühl, er erledige den Auftrag des Gemeinderats, einen Gegenvorschlag auszuarbeiten, nur widerwillig. Yvonne Gruber (BDP) attestiert Altwegg, er habe sich in der BSK bislang souverän präsentiert und sei gut vorbereitet gewesen. Sie schätze es, dass er nicht zu ideologisch auftrete. «Man spürt seine persönlichen Ansichten noch nicht so.» Ursina Meier (SP) findet ebenfalls, Altwegg sei gut vorbereitet und kompetent. Zudem spüre man, dass er sich mit seinen Mitarbeitenden identifiziere und sich für sie einsetze.

Kritischer äussert sich Martin Zehnder (GLP). Er habe Altwegg bisher als ruhigen Sitzungsteilnehmer erlebt. «Er muss ich wohl noch einarbeiten.» Sein erster Entscheid zu den ausgestopften Tieren lasse zudem annehmen, dass er dem Amt noch nicht ganz gewachsen sei. Doch Zehnder ist auch zuversichtlich: «Altwegg hat versprochen in ökologischen Fragen stets sinnvolle Entscheide zu treffen.»

Das bleibt in Erinnerung: Altwegg war zur Wahl im Frühjahr 2017 als Ausserseiter angetreten, obwohl es um den Sitz seines Parteikollegen Matthias Gfeller ging. Doch statt zu einer Pflichtübung wurde die Wahl für Jürg Altwegg zu einer Kür. Schon im ersten Wahlgang lag er auf Rang 3, zwar mit deutlichem Abstand zum SVP-Kandidaten Daniel Oswald, aber nur knapp hinter SP-Kandidatin Christa Meier und deutlich vor dem Grünliberalen Michael Zeugin.

Nach dem Rückzug von Meier startete Altwegg durch und überflügelte im zweiten Wahlgang Daniel Oswald deutlich. Altwegg konnte seine Stimmenzahl fast verdreifachen, während sein Konkurrent kaum mehr zulegen konnte. Nach seinem Start im Departement Schule und Sport zog dann jedoch bald der Alltag ein.

Altwegg musste zu einigen heiklen Themen Stellung nehmen: Das Konzept Sirma, dass die Integrationskraft der Regelschule stärken wollte, war fehlgeschlagen und die Schulraumplanung zeigte etwa in Sennhof Mängel. Auch wenn er diese Geschäfte von seinem Vorgänger Stefan Fritschi übernommen hatte, musste er sich Kritik gefallen lassen.

Videoserie Wahlen 2018

Peinlichkeiten? Obergrenze? Sparen? Zähneputzen? – In einer Video-Serie testen wir die Schlagfertigkeit der Stadtrats-Kandidaten in zwei Minuten. Heute: Jürg Altwegg. Video: mif

(Der Landbote)

Erstellt: 03.01.2018, 13:42 Uhr

Wahlen vom 4.3.2018

Der «Landbote» stellt in den nächsten Wochen alle Kandidierenden für die Stadtratswahlen vom 4. März mit Porträts und Videos vor.

Heute: Jürg Altwegg (Grüne).

Smart-Spider-Profil

Ein klassischer Grüner

Der Smartspider zeigt’s: Jürg Altwegg macht sich stark für Ulweltschutz und eine liberale Gesellschaft. Der Spider ist fast deckungsgleich mit jenem der Grünen Partei, nur bei der liberalen Gesellschaft ist der Wert noch etwas ausgeprägter.

Auch die Unterschiede zur SP sind nicht riesig. Christa Meier etwa hat einen ähnlichen Smartspider, allerdings mit noch ausgeprägteren Werten beim ausgebauten Sozialstadt und der Offenen Aussenpolitik. Auffällig ist, dass Altwegg sich oft nicht recht festlegen mochte. Rund die Hälfte der Fragen beantwortete er mit «eher Ja» oder «eher Nein».

So sagte er «eher Ja» zu Hochhäusern aufgrund der Verdichtung oder «eher Nein» zu Schulweghilfen. Auch für ein zweites Hallenbad gab es nur ein «eher Ja». Klar seine Haltung bei Verkehrsfragen. Der Langsamverkehr soll stärker gefördert werden und eine Sperrung der Stadthausstrasse würde er begrüssen.

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