Winterthur

Der Ansammler – ein Buch erzählt Bruno Stefaninis Leben

Der Historiker Miguel Garcia hat ein Buch über den Winterthurer Milliardär veröffentlicht. Er schildert Stefanini in vielen Facetten. Eine zeigt ihn als fast manischen Sammler von Kunstwerken, Kuriositäten und Häusern aller Art.

Hochzeitskarte von Bruno Stefanini und der 14 Jahre jüngeren Veronika Winiger im Oktober 1961. Die zivile Trauung fand in Raron VS statt. Ein Gedicht Rilkes, der dort begraben liegt, zierte die Karte.

Hochzeitskarte von Bruno Stefanini und der 14 Jahre jüngeren Veronika Winiger im Oktober 1961. Die zivile Trauung fand in Raron VS statt. Ein Gedicht Rilkes, der dort begraben liegt, zierte die Karte. Bild: Bild aus dem besprochenen Buch

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«Ein unermüdlicher Pionier und glühender Patriot» mit 1500 Diensttagen in der Armee sei Bruno Stefanini gewesen, er konnte «grosszügig, bisweilen geradezu masslos sein», war aber auch «knallhart und stellte Erfolg und Rendite über alles». Handkehrum war er misstrauisch selbst engen Freunden gegenüber, liess «niemanden zu nahe an sich heran», «isolierte sich und lebte zurückgezogen in Einsamkeit», schreibt der Autor Miguel Garcia und lässt die Ex-Frau des Porträtierten sagen: «Bruno Stefanini ist der faszinierendste und der schwierigste Mensch, den ich kenne.»

Es sind diese Charakterisierungen und Meinungen von Familienmitgliedern und Bekannten Stefaninis, die Garcias Buch lebendig und lesenwert machen. Und die Anekdoten, die der Autor da und dort eingeflochten hat und die man bisher so nicht kannte.

Zurückweisung in der Jugend

Zum Beispiel wie er als 18-jähriger Gymnasiast Rektor Geilinger verärgerte mit einer Party in der alten Friedhofkapelle und deswegen als einziger Partygänger die Schule verlassen musste. Wie er dann aber am Institut Minerva büffelte, um gleichzeitig wie seine Klassenkollegen an der ETH das Studium zu beginnen, das er freilich nicht beendete, wie auch ein zweites an der Uni nicht.

Die Zurückweisung als Sohn eines italienischen Fremdar­beiters durch die bürgerlichen Stadtoberen habe er nie ganz verwunden, folgert Garcia. Stefaninis lebenslanges Verhalten sei «eine kompensatorische Überanpassung eines Secondos aus einfachen Verhältnissen», zitiert der Autor Bekannte und wieder die Exfrau Veronika: «Er hat sich ein Nest gebaut aus materiellen Dingen, weil er in seiner Jugend zu wenig Geborgenheit bekam.»

Ihre Jugend verbrachten Bruno Stefanini und sein Bruder Aldo in der Altstadt, vor allem im Salmen an der Marktgasse, der italienischen Genossenschaftsbeiz, die sein Vater führte. Dieser war jahrzehntelang ein führender Kopf der Società Cooperativa, und die beiden Buben mussten im Salmen mit anpacken. Über Verflechtungen mit anderen Genossenschaften kam Vater Giuseppe Ste­­­fa- nini während des Weltkriegs zu Geld und ersten Liegenschaften. Im Jahr 1946 überschrieb er seinem Sohn zwei Mehrfamilienhäuser an der Wartstrasse. «Zehn Jahre später überholte Bruno seinen Vater mit einem Vermögen von 327 000 Franken», so Garcia, und «noch einmal fünf Jahre später war er Millionär.»

Ein Lebemann, kein Ehemann

In jenen Jahren muss Stefanini ein Lebemann gewesen sein, «die schillerndste Figur im Winterthur der Nachkriegszeit», wie sich eine alte Bekannte erinnert. Er fuhr einen silbernen 356er-Porsche und hatte ein Boot auf dem Bodensee, wo er Feste feierte.

1961, als er die erste Million beisammenhatte, heiratete er die 14 Jahre jüngere Veronika «Vroni» Winiger; das Paar hatte drei Kinder. «Mein Vater war eigentlich kein Familientyp», sagt die Tochter Bettina, die heute um die Stiftung des Vaters kämpft. Und Stefaninis Ex-Frau, die schon damals sehr fortschrittlich dachte, erzählt von den konservativen Vorstellungen ihres damaligen Gatten. Zehn Jahre blieb das Paar zusammen, die letzten Jahre in der verfallenen Villa am Bäumliweg, die schon damals nicht gut im Schuss war. 1971 hatte die Ehefrau genug und zog mit den Kindern weg aus Winterthur nach Bern.

«Die Trennung von seiner Familie war ein tiefer Schnitt in ­seiner Biografie», schreibt Garcia. Und noch erschütternder muss der Selbstmord des ältesten Sohnes 1988 gewesen sein. Eine offizielle Mitteilung von dessen Tod habe es im Büro Stefaninis nie ­gegeben. Der jüngere Sohn leidet nach einem Sportunfall unter einer Hirnverletzung und arbeitet heute für die Stiftung des Vaters.

Zwei ganz ergiebige Quellen

Ein grosser Teil des neuen Buches ist natürlich dem Immobilienimperium Stefaninis und seiner umfangreichen Sammlung von Kunst und Antiquitäten gewidmet. Wich­tige Informationen und Einsichten liefern hier zwei Wegbegleiter, die teilweise zu Vertrauten, ja Freunden wurden, aber zeitweise auch im Streit lagen mit dem eigenwilligen Stefanini: der (verstorbene) Geschäftspartner Hans Jenny, mit dem er sich oft auch über lebensanschauliche Themen austauschte, und Jürg A. Meier, der viel über Stefaninis Sammeltick zu erzählen weiss. Er nennt ihn keinen eigentlichen Sammler, sondern einen Ansammler, der Kulturgut nicht erhalten, sondern behalten wollte.

Im Grunde ein Geheimnis

Es ist das Verdienst des jungen Historikers Miguel Garcia, dass er nicht bloss neue Fakten recherchierte und alte aufwärmte, sondern auch hinter die Fassade des Unnahbaren zu schauen versuchte. Besonders aufschlussreich in dieser Hinsicht ist der aufgear­bei­te­te Briefwechsel Stefaninis mit Jenny, worin er sich als Mann mit breitem Wissen, mit Fragen zum Leben und – man glaubt es kaum – auch mit einer gewissen Empathie zeigt. Garcia hat während der dreijährigen Arbeit mit rund 100 Personen gesprochen. Die Hälfte der Gespräche dienten der Verifizierung von einzelnen Aspekten, die anderen lassen Stefanini als Mann erscheinen, dessen Wesen im Grunde ein Geheimnis bleibt.

Ihn selber befragen konnte Gar­cia nicht. Der 92-jährige ist krank und hätte – das wird bei der Lektüre deutlich – wohl auch kaum für ein Interview zur Verfügung gestanden.

Miguel Garcia, «Bruno Stefanini: Ein Jäger und Sammler mit hohen Idealen», NZZ-Verlag, ca. 32 Fr.

Erstellt: 02.03.2016, 22:31 Uhr

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