Winterthur

Der Bücherkoffer ist leer

Seit Anfang Jahr ist der «Bücherkoffer» am Kirchplatz geschlossen. Auch wenn das Ende geplant war – erneut verliert der Buchhandel in Winterthur an Vielfalt.

Sylviane Louis und Robert Jourdan am Ende eines Abenteuers: Vor ihrer Pensionierung wagten sie für einige Jahre die Selbstständigkeit.

Sylviane Louis und Robert Jourdan am Ende eines Abenteuers: Vor ihrer Pensionierung wagten sie für einige Jahre die Selbstständigkeit. Bild: Nathalie Guinand

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Es war eine Nischen-Bücherei, in den Räumen eines Reisebüros. Reiseführer mit passender Belletristik, Krimis aus vieler Herren Länder und eine Kartografie-Abteilung, die Stammkunden schätzten. Nun ist der Bücherkoffer am Kirchplatz geschlossen, eine Nachfolge gibt es nicht.

Doch das Aus ist kein dramatisches und unerwartetes, wie es Buchhandlungen in den vergangenen Jahren so oft ereilte; das Aus ist ein geplantes. Als Sylviane Louis und Robert Jourdan den Bücherkoffer 2011 gegründet hatten, gaben sie sie ihrem Liebhaber-Projekt eine Alterslimite, diese ist nun erreicht.

Lohn mit Einbussen

Bereits bei der Gründung waren Louis und Jourdan alte Hasen im Winterthurer Buchhandel. Lange Jahre waren sie Angestellte bei der Buchhandlung Vogel. Als diese 2008 von der deutschen Kette «Thalia» übernommen wurde, wagten sie den Schritt in die Selbständigkeit, mittlerweile sind beide im Pensionsalter.

«Wer die Pension nicht wie wir in Griffweite hat, für den wäre das wohl etwas schwieriger»

«Finanziell sind wir knapp rausgekommen», sagt Robert Jourdan. Für einen Gewinn habe es nie gereicht und das sei auch nie geplant gewesen. Und der Lohn? «Den gabs, aber mit Einbussen.» Deshalb haben die beiden gar nicht erst Nachfolger gesucht. «Wer die Pension nicht wie wir in Griffweite hat, für den wäre das Finanzielle wohl etwas schwieriger», sagt Jourdan.

Hoster, Schwert, Ex-Libris

Obwohl die Schliessung keine erzwungene war, reiht sich das Ende des Bücherkoffers ein in den Trend der Verdünnung des Winterthurer Buchhandels. Die Buchhandlung Vogel an der Marktgasse, wo die beiden einst arbeiteten, ist nur ein Beispiel. Nach der Vogel-Übernahme fusionierte Thalia bekanntlich mit Orell Füssli, worauf der Konzern plötzlich zwei Buchhandlungen an der Marktgasse besass – und die grössere dicht machte.

Schon viel früher, im Jahr 2001, musste die Buchhandlung Hoster (gegründet 1772) ihr Geschäft aufgeben. Weitere Schliessungen betrafen die Buchandlung im Schwert am Obertor, die Ex Libris-Filiale im Graben oder auch die Evangelische Buchhandlung im Rathausdurchgang. Neben der Orell Füssli-Filiale verfügen somit in der Altstadt noch die Buchhandlung an der Obergasse, das Geschäft «Buch am Platz» und die Weltbild-Filiale über ein allgemeines Sortiment.

Branche ist stabilisiert

Die Konzentration auf wenige, grössere Player ereignete sich praktisch überall im Schweizer Buchhandel. Die Gründe für die Krise waren vielfältig: das Ende der Buchpreisbindung, die Abwanderung zu Online-Warenhäusern oder der Frankenschock. Aktuell spricht der Buchhändlerverband aber von einem «abgeschwächten Negativtrend». Der Strukturwandel in der Branche sei grösstenteils vollzogen.

«Der Buchhandel hat seine grössten Krisen hinter sich.»

Dem pflichtet Daniela Binder von der Buchandlung «Obergass Bücher» bei. Es sei schade um jede Buchhandlung, die schliesse, sagt Binder. Aber: «Der Buchhandel hat seine grössten Krisen hinter sich. Wer diese überlebt und seine Kosten fest im Griff hat, der hat eine Zukunft.»

Ihrem eigenen Geschäft gehe es wirtschaftlich «sehr gut», sagt Binder. Sie profitiere von der guten Lage aber auch vom Aus der grossen Orell-Füssli-Filiale vor vier Jahren. Aber für das Überleben einer Buchhandlung brauche es mehr: «Die Leute wünschen und schätzen die persönliche Auswahl und Beratung, zudem machen wir zum Beispiel auch regelmässige Veranstaltungen im Laden.»

Gut läuft das Geschäft auch in den Orell-Füssli-Filialen an der Marktgasse und im Rosenberg. Die Mitarbeiterzahl sei seit Jahren konstant «bei erfreulicher Entwicklung», heisst es auf Anfrage. In der Marktgasse-Filiale werde nun die Ladenfläche modernisiert. Filial-Schliessungen seien kein Thema.

Erstellt: 25.01.2019, 15:44 Uhr

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