Untertor

Der Coiffeursalon – eine verschwundene Welt

1990 haben Hanny und Peter Arbeth ihren Coiffeursalon am Untertor 20 geschlossen. Geblieben sind viele Erinnerungen, auch an eine Schönheitskultur, wie es sie heute nicht mehr gibt.

Hanny und Peter Arbeth in ihrem Zuhause in Winterthur – ein alter Stuhl erinnert an die glanzvollen Zeiten ihres Salons am Untertor.

Hanny und Peter Arbeth in ihrem Zuhause in Winterthur – ein alter Stuhl erinnert an die glanzvollen Zeiten ihres Salons am Untertor. Bild: Natalie Guinand

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Es duftet nach Dauerwellen, Parfümen und Rasierwasser. Elegant gekleidete Damen, einfache Frauen oder «Fräuleins» betreten das Geschäft, werden empfangen und entschwinden ins Obergeschoss.

Die Herren hingegen steuern direkt den hinteren Bereich im Parterre an, wo man Scheren klappern und Haarschneideapparate surren hört. Coiffeusen und Coiffeure wuseln herum, die Kasse klingelt, und die Chefin ruft «Service!» – die Kundschaft hat Trinkgeld hinterlassen. Worauf es wie ein Echo im Chor erschallt: «Merci!»

«Der Coiffeurbesuch war ein Ritual der Weiblichkeit, ein Hauch von Luxus und eine kleine, persönliche Auszeit»Hanny Arbeth

Der grosse Coiffeursalon in diesem Stil ist eine verschwundene Kultur: Bis in die 1970er-Jahre gingen Frauen regelmässig zum Friseur; manche sogar jede Woche. Und sei es auch nur, um sich die Haare «waschen und legen» oder frisieren («strähle») zu lassen.

So ging es auch im grossen Coiffeursalon Arbeth am Untertor zu: «Der Coiffeurbesuch war ein Ritual der Weiblichkeit, ein Hauch von Luxus und eine kleine, persönliche Auszeit», sagen Hanny und Peter Arbeth. «Die Frisuren waren aufwendiger, und es gab noch kaum Do-it-yourself-Produkte: Heute kann man ja vieles selber machen.»

Zeichnungen zeigen den Salon zur Blütezeit. Foto: Natalie Guinand

Stark verändert hat sich auch das Umfeld, in dem ihr Salon stand: «Am Untertor gab es früher alles in unmittelbarer Nachbarschaft: Lebensmittel, Kleider, Papeteriewaren, Uhren, Schmuck, Metzgereien, Schuhe, Blumen, Kinderkleider; sogar einen Innenarchitekten», erinnert sich Hanny Arbeth. «Wir mussten die Altstadt gar nicht verlassen, um uns einzudecken.» Ihr Mann Peter Arbeth sagt: «Stimmt, alles war da. Und: Man kannte sich untereinander. Aber schon vor vierzig Jahren sagte ich: Der Mittelstand geht unter, in Zukunft wird es nur noch grosse Ketten geben. Und so ist es ja dann auch gekommen.»

Der Brand und die Hilfe

1898 sei es gewesen, als sein Grossvater August Arbeth am Obertor 15 einen Coiffeursalon eröffnet habe, erzählt Arbeth. «1901 zog er an den Neumarkt um, und genau zwanzig Jahre später verlegte er seinen Salon ans Untertor 20, wo am 11. Oktober 1921 Eröffnung gefeiert wurde.» Zuerst wurden dort nur Herren bedient, später kamen auch Damen dazu. «Denn meine Grossmutter war ebenfalls Coiffeuse», sagt Peter Arbeth.

1935 übernahm der Sohn (Peter Arbeths Vater, der ebenfalls August hiess) das Geschäft. In der Nachkriegszeit baute er mehrmals um und kräftig aus: 1952 kam zum Parterre der 1. Stock, der allein der Verschönerung der Damen diente. Danach folgte eine regelrechte Umbaukampagne, die Ende 1956 mit der Neugestaltung des Herrensalons im hinteren Teil des Parterres abgeschlossen wurde. Damit wäre die Bauerei fürs Erste einmal abgeschlossen gewesen – wenn es nicht am 24. Januar 1957 zu einem Vollbrand gekommen wäre, der alles zerstörte.

Der Salon der Familie Arbeth nach dem Brand 1957. Foto: Stadtbibliothek

Eine schlimme Erinnerung? «Finanziell schon, denn die Versicherung deckte nicht alles», sagt Peter Arbeth. «Aber immerhin konnten wir bereits 36 Stunden später zwei Häuser weiter den normalen Betrieb wieder aufnehmen.»

Kleider Frey hatte einen Neubau geplant, und die beiden dafür vorgesehenen Liegenschaften standen bereits leer – so half man sich unter Nachbarn. Neun Monate später konnten die Arbeths wieder in ihr Haus zurück: In dieser aus heutiger Sicht unglaublich kurzen Zeit wurde eigentlich ein Neubau erstellt.

«Wir sind damals schon ein bisschen verrückt gewesen. Ich träume sogar heute noch, ich würde arbeiten»Hanny Arbeth

1957 trat Peter Arbeth bei seinem Vater in die Lehre zum Coiffeur ein, die er 1960 erfolgreich abschloss. Als er 1963 von seinen Lehr- und Wanderjahren zurückkehrte, brachte er neben vielen Erinnerungen und Erlebnissen auch seine «Verlobte» und heutige Ehegattin Hanny (für Hannelore) mit. Die gelernte Kosmetikerin wurde gleich im Familienbetrieb integriert und übernahm zunächst die Parfümerie im Parterre. Im zweiten Stock wurde für den Sohn ein eigener Salon eingerichtet, während der erste Stock das Reich des Vaters blieb.

Der schwarz-weisse Teppich

Überhaupt die Bauerei! 1969 wurde die Parfümerie umgebaut, weitere Umbauten folgten 1976, 1982, 1984 (da wurde der Damensalon im zweiten Stock zur Kosmetikabteilung umgebaut). Und 1986: Da liessen die Arbeths für ihre neue Parfümerie in England eigens einen schwarz-weiss gemusterten Teppich weben: «Der war sonst halt nirgends zu haben, also liessen wir ihn anfertigen», erzählt Hanny Arbeth. Sie seien damals schon «ein bisschen verrückt» gewesen, aber ein Coiffeurgeschäft müsse halt modisch immer à jour sein.

Was Rang und Namen hatte

Nur vier Jahre später gaben die Arbeths ihr renommiertes und gut laufendes Geschäft auf – aus gesundheitlichen Gründen. Zwar wäre ihre Tochter ebenfalls ausgebildete Coiffeuse gewesen, doch wollte sie die Verantwortung für den grossen Betrieb nicht alleine schultern – wofür die Eltern Verständnis hatten. Ein trauriger Schritt? «Wir sind damals schon ein bisschen verrückt gewesen.», sagt Hanny Arbeth. «Ich träume sogar heute noch, ich würde arbeiten!»

Alles, was in Winterthur Rang und Namen hatte, sei damals bei ihnen ein und aus gegangen. «Am schönsten aber war, dass auch die einfache Verkäuferin oder die Serviertochter von nebenan zu uns kamen», sagt sie und erinnert sich an einen Spruch, den ihr der Schwiegervater mit auf den Weg gegeben hatte. «Der Fünfliber ist von allen gleich!»

Erstellt: 30.04.2019, 10:00 Uhr

Das Untertor

Eine Gasse und ihre Geschichten. Folge 1

Die Zeiten ändern sich. Das manifestiert sich auch in der Winterthurer Altstadt: Der Detailhandel verliert gegenüber dem E-Commerce an Boden, Kundenströme verlagern sich ins Internet, Umsätze sinken, Geschäfte müssen schliessen, Ladenlokale an bester Lage stehen leer. Halten können sich am ehesten internationale Ketten – es sind dieselben, denen man auch in vielen anderen Städten im In- und Ausland begegnet.

Der einstige Angebotsmix mit Spezialitätengeschäften für alles Erdenkliche ist längst verschwunden und mit ihm auch viele der traditionsreichen, seit Generationen inhabergeführten Familienbetriebe. Doch Veränderung gab es in den Innenstädten schon immer: von einer geradezu dörflichen Gemeinschaft zum Nebeneinander von Weltmarken, von handwerklicher Arbeit zum Handel, von den Boomjahren zur Krise und zurück.

In einer losen Serie erzählen wir in den nächsten Wochen Geschichten vom Untertor, von seinen Unternehmen und den Familien, die dahinter stehen. Es sind Geschichten, die ein altes Sprichwort in Erinnerung rufen: Handel ist Wandel – und damit auch die Gewissheit, dass immer etwas Neues entsteht. (amh)

Herausgepickt

Eine Erinnerung ans Ondulieren

Neben seiner normalen Ausbildung zum Coiffeur lernte Peter Arbeth (siehe Haupttext) von seiner Grossmutter zusätzlich ein altes, heute fast schon vergessenes Handwerk: das Ondulieren. «Dazu wurden die Onduliereisen – eine Art Lockenwickler mit einer Klammer dran – erwärmt. Dann wurden die Haare damit gewickelt und durch die Wärme nachhaltig in Form gebracht», erzählt Arbeth. «Die Kunst dabei war es, die genau richtige Temperatur zu erwischen!» Diese habe man erfühlt, indem man sich das heisse Eisen unter die Nase gehalten habe. War es noch zu warm, wirbelte man es mit einer rotierenden Bewegung durch die Luft, um es abzukühlen. Dementsprechend sagte Arbeths Grossmutter auch stets: «Wenn du ondulierst, muss man dich hören!» Damit meinte sie eben das metallisch scheppernde Schleudergeräusch, mit dem das Eisen auf die richtige Temperatur gebracht wurde. (amh)

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