Winterthur

Der dienstälteste Pfarrer geht in Pension

Am Zweiten Advent hält Christian Eggenberger seine letzte Predigt als gewählter Pfarrer in der Reformierten Kirche Töss. Er hat Lampenfieber, auch nach 33 Jahren Berufserfahrung.

Christian Eggenberger ging oft schnell rüber,  in die Kirche, um seine Predigt zu üben. Morgen verabschiedet er sich in Töss von seiner Gemeinde.

Christian Eggenberger ging oft schnell rüber, in die Kirche, um seine Predigt zu üben. Morgen verabschiedet er sich in Töss von seiner Gemeinde. Bild: Enzo Lopardo

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Gottesdienste feiern ist für Christian Eggenberger eine seiner schönsten pfarramtlichen Tätigkeiten, auch wenn ihm vorgängig das Schreiben der Predigten jeweils auf dem Magen liegt. Er freut sich, wenn dieser Druck, die richtigen Worte zu finden, nicht mehr da sein wird. «Ich bin ein theoretischer Perfektionist», sagt Pfarrer Eggenberger, der morgen von Dekan Pfarrer Arnold Steiner in einem feierlichen Gottesdienst aus dem Amt entlassen wird.

«Ich bin ein theoretischer  Perfektionist»

Christian Eggenberger, 
Pfarrer in der reformierten Kirche Töss

Während auf der einen Seite Freude über die bevorstehende Entlastung steht, kommt auch Wehmut auf. Mit der Pensionierung geht der Auszug aus dem Pfarrhaus einher. Er und seine Frau haben eine Wohnung in Seen gefunden. Die vielen Kontakte und spannenden Begegnungen von Amtes wegen in der Kirche und im Quartier werde er vermissen.

Liebesglück in der Singwoche

Eggenberger erinnert sich amüsiert, wie er ohne viel Hausrat 1983 in das grosse Pfarrhaus eingezogen war. In die Mitte des unmöblierten Wohnzimmers stellte er eine Kerze und erklärte den Raum zu seiner persönlichen Kapelle. In die Küche schob er eine alte, knarrende Kirchenbank. Sozial Benachteiligte aus dem Quartier klopften manchmal beim neuen Pfarrer und boten ihm ihre Dienste für Hilfsarbeiten an. Er lud sie zum gemeinsamen «Znacht» in seine Küche ein. Eigentlich hatte er nur ein Jahr in Töss bleiben wollen, um erste Erfahrungen zu sammeln. Doch dann lernte er in einer Singwoche in St. Moritz Eva kennen, die in Töss als Primarlehrerin arbeitete. Der Anker war geworfen. Die beiden heirateten. Ein Sohn und zwei Töchter sind im Pfarrhaus gross geworden.

Das Arbeiterquartier Töss hatte dem jungen Verweser aus Grabs im Rheintal auf Anhieb gut gefallen. Er kannte Winterthur kaum, obwohl seine Mutter eine Tössemerin war. Ihr Vater hatte in der ehemaligen Färberei beim «Metzgerbrückli» Richtung Nägelsee gearbeitet. Nach der Schulzeit hatte sie eine Haushaltstelle im Rheintal angenommen und dort ihren Mann kennengelernt, einen Fabrikarbeiter, der nebenher eine Korbflechterwerkstatt betrieb. Da ihre Eltern früh verstarben, hatte sie kaum noch Beziehungen zu Winterthur.

«Ich hatte keine Ahnung vom Unterrichten» Christian Eggenberger, 
ehemaliger Primarlehrer

Eggenberger stammt aus einfachen Verhältnissen. Den Besuch des Wirtschaftsgymnasiums in Sargans verdankt er einem Holzunternehmer aus der Region, der sich als Mäzen für begabte Kinder engagierte. Nach der Matur war Eggenberger etwas ratlos. «Ich war ein Allrounder.» Er suchte zuerst eine Studienrichtung mit technisch-naturwissenschaftlicher Ausrichtung – doch es gefiel ihm nicht. Da gerade Lehrermangel herrschte, nahm er eine Stelle an einer Primarschule an. «Ich hatte keine Ahnung vom Unterrichten. Aber liebe Lehrerkollegen unterstützten mich.» Er habe «gechrampft» wie verrückt. In dieser Zeit begann er, theologische Literatur zu lesen. Sie half ihm, sich mit seiner Herkunft, die stark religiös geprägt war, auseinanderzusetzen und eröffnete ihm den Einstieg ins Theologiestudium, das ihn nach Bern, Tübingen und Zürich führte.

Männer, die sich nicht trauen

Gerne blickt er auf seine Amtszeit zurück, auf all die Täuflinge – sein letzter Täufling war vor kurzem sein erstes Enkelkind –, auf die Konfirmanden, die Brautpaare, die Projekte wie etwa die 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft, als er im OK für den kirchlichen Jubiläumsteil zuständig war und einen Grossanlass in den kurz zuvor leer geräumten Sulzerhallen organisiert hatte. Oder auf die von ihm in den 1990er-Jahren gegründete Männergruppe, als er realisierte, dass Männer, die sich für Fragen der Lebensgestaltung interessieren, sich in geschlechtergemischten Gruppen nicht getrauen, darüber zu sprechen. Eggenberger war einer der Pioniere auf diesem Gebiet.

«Zeichnen ist für mich eine Art Meditation» Christian Eggenberger, 
Hobbyzeichner

Von den 33 Jahren im Amt hat er 31 Jahre ununterbrochen mit seinem Amtskollegen Pfarrer Helge Fiebig zusammengearbeitet. Vieles hat sich verändert in dieser Zeit. Durch die Einführung des religionspädagogischen Gesamtkonzepts wurde die Jugendarbeit «verschult», die Kirchenpflege bekam mehr Verantwortung auferlegt, Kommissionen wurden gegründet. «Das brachte Vor- und Nachteile.» Vermissen wird Eggenberger die redaktionelle Arbeit für die vierzehntäglich erscheinenden Gemeindeseiten sowie die musikalischen Kirchenprojekte. Vermissen wird er auch «seine Kirche», die er aus seinem Studierzimmer drei Jahrzehnte lang im Blick hatte. Oft ging er schnell rüber, um eine Predigt laut einzustudieren oder ein Lied einzuüben.

Vom Pfarrhaus nimmt er seit Monaten malend Abschied. Malen und Zeichnen als Freizeitbeschäftigung begleitet ihn seit Jugendtagen. «Zeichnen setzt ein genaues Schauen voraus, verhilft bildlich zu ordnen, Eindrücke zu verarbeiten. Es ist auch eine Art Meditation.» Dies will er künftig intensivieren wie auch das Velofahren und Joggen. Und als neue Aufgabe haben er und seine Frau die Betreuung ihres ersten Enkels an einem Tag in der Woche übernommen.

Erstellt: 02.12.2016, 15:26 Uhr

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