Winterthur

Der diskrete Präsident

Felix Landolt darf sich offiziell höchster Winterthurer nennen. Der 62-jährige Architekt ist ein stiller Weltverbesserer. Ein Mann, der in Mozambique Latrinen baute und in Winterthur ein Parkhausprojekt zu Boden brachte.

«Ich könnte genau so gut ein Grüner sein»: Felix Landolt (SP) im Stadtgarten.

«Ich könnte genau so gut ein Grüner sein»: Felix Landolt (SP) im Stadtgarten. Bild: Madeleine Schoder

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Er wählt seine Worte mit Bedacht, spricht immer etwas leise, und wenn er lächelt, wirkt das fast etwas verträumt: Felix Landolt (SP) ist kein Mann der lauten ­Töne. Der 62-Jährige sucht den Dialog und bleibt auch in Konfrontationen sachlich. «Vielleicht liegt das ja an meinem Beruf», sagt er. Landolt, Architekt mit ETH-Abschluss, arbeitet für das kantonale Hochbauamt als Projektleiter. «Da muss ich auch immer ver­mitteln, zwischen Architekten, Nutzern und Bauherr.»Das Gespräch findet am späten Nachmittag in einem Café in der Altstadt statt. Landolt kommt ­direkt aus dem Büro, trägt ein ­lockeres Jackett, ein blaues Hemd aus fairem Handel, trinkt ein Mineralwasser. Er ist zurückhaltend, ein Langweiler aber ist er nicht. Mozambique, Nicaragua, Latrinenbau und Hallen­stadion – er schöpft aus einer ­reichen Lebensgeschichte.

In jungen Jahren radikaler

Landolt kam 1954 in Winterthur zur Welt. Der Vater war Chefarzt der Augenklinik des KSW, die Mutter Hausfrau. Er besuchte die Primarschule, das Gymnasium im Rychenberg, mit Latein. Dann folgte der Bruch: Er ging nach Genf, wo er von 1974 bis 1977 eine Schreinerlehre absolvierte. «Es war die Zeit nach 68», sagt er. Er habe ausbrechen wollen aus der Ordnung und Enge Winterthurs. «Das war damals ja noch eine viel kleinere Stadt.» In dieser Zeit wurde er politisiert. Er las «Die Grenzen des Wachstums», die Studie des Club of Rome zur Weltwirtschaft. Er beteiligte sich in der Anti-Atom-Bewegung. Etwas radikaler als heute sei er schon gewesen, und etwas linker, erzählt Landolt und überlässt den Rest der Fantasie.

Eine Stelle als Schreiner in der Westschweiz sagte er nach der Lehre kurzfristig ab – wegen eines Telefonanrufes aus Winterthur. Ein Freund wollte ihn für eine WG gewinnen, an der Albrechtstrasse im Tössfeld. «Das Haus steht heute noch», sagt Landolt und lächelt in sich hinein. «Damals hörte man noch die Hammerschläge der Grossschmitte von Sulzer.» An der ETH begann er ein Architekturstudium. «Weil es eine der letzten Studienrichtungen zum Generalisten war», so Landolt. Städtebau, Ingenieurwesen, Ästhetik, er sah seine Interessen gebündelt.

Latrinenkarriere

Nach dem Abschluss, Mitte der 80er-Jahre, zog es ihn erneut in die Ferne. Mit seiner späteren Frau, einer Frankfurterin, zog er nach Nicaragua, um in einem Projekt des Arbeiterhilfswerks mitzutun. «Wir haben Siedlungen ­gebaut am Rand des Urwalds», sagt er dazu kurz. In Mozambique, ein paar Jahre später, waren es Latrinen. Für Helvetas entwickelte Landolt ein Projekt, um in dem südostafrikanischen Land die Hygiene zu verbessern. «Ein Sack Zement ergab vier Abdeckungen für Plumpsklos», fasst er zusammen. Landolt ist ein Mann der Fakten.

Das bürgerlich normale Leben brach in den 90r-Jahren an, mit der Geburt der beiden Söhne. Zurück in der Schweiz schaltete er ein Inserat im Stellenanzeiger: «Generalist sucht Arbeit.» Wenig später arbeitete er als Projekt­leiter – für die ETH, dann für das Hallenstadion – und stiess 2001 zu seinem heutigen Arbeitgeber.

In seiner Freizeit griff Landolt wieder zu Saxofon und Klarinette. «Blulaconbas» heisst seine Coverband, wie er sagt, «in Ermangelung eines besseren Namens». «Das steht für Blues, Ländler mit Bass. Wir proben immer am Mittwoch. Etwa viermal im Jahr treten wir auf.»

Ein Faible fürs Grüne

Seine politische Laufbahn begann Landolt 1998 klassisch, als Schulpfleger in Wülflingen. 2007 rückte er in den Gemeinderat nach, wo er rasch zu einem Aktivposten wurde. 20 Vorstösse reichte er in zehn Jahren ein oder mit ein. An den ersten erinnert er sich noch ganz genau. Er forderte Fairtrade-Produkte bei der Stadtverwaltung. «Der Stadtrat sagte damals, man tue schon das mögliche», erzählt er. Er wurde abgewimmelt.

Später engagierte sich Landolt in der Verkehrs- und Energiepolitik sowie im Städtebau. Ab 2008 auch hinter den Kulissen, in der Kommission Bau- und Betriebe, die er seit 2014 präsidierte. Als seinen grössten Erfolg bezeichnet Landolt, dass er das Parkhaus Lind hinter dem Stadthaus verhindern konnte. Im Parlament schmiedete er Mehrheiten gegen die sogenannte Tandemlösung mit zwei neuen Parkhäusern, das zweite davon später im Teuchelweiher gebaut.

Seine Politik betrieb Landolt oft Seite an Seite mit den Grünen. Nach den Differenzen gefragt, sagt er: «Es gibt keine. Ich könnte genauso gut ein Grüner sein.» 1994 aber, als er in die SP eintrat, sei die Situation anders gewesen, da war der liberale Flügel noch nicht abgespalten und die Grünen waren ihm zu wenig sozial.

Ein Mann, ein Laster

Sein Amtsjahr als Gemeinderatspräsident will Landolt unter den Begriff der Vielfalt stellen. «Das schliesst Artenvielfalt ebenso ein wie gesellschaftliche Vielfalt und das Einstehen für den öffentlichen Raum.» Er selbst meidet das Flugzeug, macht Ferien mit Velo und Zug, kauft Bioprodukte, faire Kleidung. Nichts davon reibt er einem unter die Nase. Er bestätigt es, wenn man ihn danach fragt. Die selbstgefällige Weltverbessererpose ist nicht seine Sache.

Ist der höchste Winterthurer etwa ein Mann ohne Laster? Er schüttelt den Kopf. «Die Erklärung von Bern hat einmal verlauten lassen, der halbe Fleischkonsum tue es auch. Das fand ich gut, und ich habe mir das vorge­nommen. Ich bin dabei aber noch nicht ganz so weit, wie ich sein müsste.» (Landbote)

Erstellt: 08.05.2017, 17:22 Uhr

Wahl

Ein Wahlergebnis, das passt

Auch mit seinem Wahlresultat und seiner ­Antrittsrede fiel der neue ­Parlamentspräsident nicht auf.

Sachlich, zurückhaltend, bisweilen etwas blass: Der neue Präsident des Gemeinderats trat bei seiner Wahl so auf wie gewohnt. Seine Antrittsrede gestaltete er gestern Abend recht technisch, indem er Beispiele der Winterthurer Vielfalt aufzählte, etwa von den vielen Bienenarten und Nationalitäten in der Stadt sprach (siehe auch Artikel oben).

Mit seinem Wahlergebnis fiel Felix Landolt ebenfalls nicht aus dem Rahmen, im Gegenteil: Er holte 48 von 54 verwertbaren Stimmen (fünf der 60 Parlamentarier schrieben einen ungültigen Namen auf den Wahlzettel oder legten leer ein, einer fehlte). ­Damit errang der SP-Politiker einen Stimmenanteil, der genau im Mittel der letzten Jahre liegt (seit 2010, vergleiche Grafik).

Allgemein werden bei den Präsidentenwahlen sehr selten Po­litiker abgestraft und die von der interfraktionellen Konferenz aufgestellten Kandidaten diskussionslos gewählt. Ein vergleichsweise schlechtes Resultat erzielte 2010 CVP-Politikerin Ursula Bründler, die nur etwas mehr als vier von fünf Stimmen auf sich vereinte. Ein sehr gutes Resultat, mit nur zwei Gegenstimmen, verbuchte vor Jahresfrist SVP-Par­lamentarierin Chantal Leupi, die gestern ihren letzten Arbeitstag als Präsidentin hatte – nachdem Felix Landolt seinen Blumenstrauss in Empfang genommen hatte, nahm er sogleich auf dem Stuhl des Ratsleiters Platz.

Künzle: «Leupi fiel immer auf»

Leupi, die kürzlich ihr Amtsjahr im «Landboten» positiv bilanzierte (Ausgabe vom Samstag), war zum Scherzen aufgelegt. «Es hat Freude gemacht», sagte sie zu den Ratskollegen, «mit euch am gleichen Strick zu ziehen, wenn auch nicht immer in die gleiche Richtung.»

Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) witzelte in seiner Würdigung ebenfalls, in Anspielung auf die Körpergrösse Leupis: «Ich habe mit ihr auf ­Augenhöhe kommuniziert.» Bei Anlässen habe er immer sofort gesehen, ob die Ratspräsidentin da war, was für die Begrüssungsformel nützlich gewesen sei.

Am Ende ging es beim Apéro im Rathausfestsaal sowie am libanesischen Buffet des Restaurants Eulachstrand fröhlich weiter. (gu)

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