Winterthur

Der Entertainer mit dem Hang zum Sparen

Mit seiner lockeren Art ist Stadtrat Stefan Fritschi über die bürgerliche Basis hinaus beliebt. Er gilt als aufgeschlossen, aber sehr auf Effizienz fixiert. Nach dem Departementswechsel bewirbt er sich für die dritte Amtszeit, seine schwierigste bisher.

Stadtrat Stefan Fritschi (FDP) ist ein Quell der Unterhaltung in der Winterthurer Politik. Zur Erneuerungswahl tritt er mit dem Ziel an, Stadtwerk zurück auf Kurs zu bringen, vielleicht durch einen Ausbau der Geschäftsfelder.

Stadtrat Stefan Fritschi (FDP) ist ein Quell der Unterhaltung in der Winterthurer Politik. Zur Erneuerungswahl tritt er mit dem Ziel an, Stadtwerk zurück auf Kurs zu bringen, vielleicht durch einen Ausbau der Geschäftsfelder. Bild: Foto: Marc Dahinden

So tritt er auf: Der Anzug sitzt nicht immer perfekt bei Stefan Fritschi, die Frisur sowieso nicht, und dass er ein wenig nuschelt, ist nicht wegzudiskutieren. Trotzdem gibt es keinen Besseren im Stadtrat, wenn es um öffentliche Auftritte geht. Fritschi hört man gerne zu, denn er spricht frei, unverstellt und ist nie um einen Spruch verlegen. Probleme redet er nicht klein, Lösungen nicht allzu schön. Und wenn er zu einer Pointe ansetzt, sieht man sie kommen: an Mundwinkeln, die es früh nach oben zieht, und einem Blitzen in den Augen.

Damit punktete er: Nach seiner Wahl in den Stadtrat 2010 stand Fritschi sieben Jahre lang dem Departement Schule und Sport vor, bis er im letzten Sommer den Posten als Werkvorsteher übernahm, den Matthias Gfeller (Grüne) nach der Wärmering-Affäre hatte räumen müssen. Fritschi vergrösserte damit seinen politischen Spielraum, handelte sich aber auch neue Risiken und viel Arbeit ein. Der Wechsel kann je nach Standpunkt als willkommener Absprung oder als Indiz für seinen Gestaltungswillen gelesen werden. Fritschi begründet ihn, darauf angesprochen, mit einer Zuckerbriefweisheit: «Man muss im Leben seine Chancen nutzen, etwas Neues kennenzulernen.»

Im Schuldepartement war Fritschis Bilanz lange Zeit gut. Er führte das Departement, das er einst contre coeur übernommen, engagiert und dossierfest und ohne selbstverschuldete Querelen. Im Sport konnte er dazu beitragen, die Hallenknappheit zu entschärfen, beispielsweise mit der Unterstützung des neuen Sportkomplexes Win4 in der Grüze. Mit seinen Provisorien fand er schnelle und günstige Antworten auf die Schulraumknappheit, auch wenn seine kostengetriebenen Lösungen nicht überall gut ankamen.

Damit eckte er an: Generell geriet Fritschi in seiner zweiten Legislatur häufiger in die Kritik. So etwa, als er, um dem EHCW mehr Geld zuzuspielen, in ein Namenssponsoring für die Eishalle Deutweg einwilligte – ohne im Parlament eine Diskussion über die Rahmenbedingungen zu führen. Er sagt dazu, für eine Diskussion habe die Zeit nicht gereicht. Er wollte das Geld, von dem ein Zehntel in die Stadtkasse fliesst, ins Trockene bringen. Als Sportvorsteher musste Fritschi auch den Entscheid des Stadtrats vertreten, dem angeschlagenen Handballklub Pfadi Winterthur mit einem Spezialbeitrag unter die Arme zu greifen. Er sprach damals von einer «absoluten Ausnahme», Kritiker von stadträtlicher Günstlingswirtschaft.

«Er ist sehr nett im Umgang und er hat keine Allüren. Aber er ist vorsichtig bis übervorsichtig.»Benedikt Zäch, SP-Gemeinderat

In die Schlagzeilen geriet nach seinem Departementswechsel auch das Vorzeige-Projekt Sirma. Fritschi hatte damit die Sonderschulkosten in Winterthur stabilisieren wollen, ein Ansinnen, das aber klar scheiterte. Er habe immer betont, Sirma sei ein Versuch, sagt Fritschi dazu. «Die Zahlen zeigen jetzt, dass die Entwicklung nicht so gut ist wie erhofft – wie überall sonst im Kanton.»

Als neuer Werkvorsteher verärgerte Fritschi nicht unerwartet Linke und Grüne, als er offene Energieprojekte seines Vorgängers stoppte, darunter das Projekt für den Wärmeverbund Aquifer im Neuwiesenquartier. Fritschi begründet den Schritt ökonomisch: Öl und Gas seien gerade günstig, Wärmeverbünde hätten es darum schwer, neue Kunden zu erreichen. «Und ein Wärmeverbund ohne Anschlüsse ist auch nicht ökologisch.»

Das muss man wissen: Stefan Fritschi ist ein Pfarrerssohn, verheiratet und Vater dreier schulpflichtiger Kinder. Fast die ganze Familie teilt seine Leidenschaft für den Orientierungslauf. «Wir reisen am Wochenende zusammen an Orientierungsläufe in der Schweiz und nehmen in verschiedenen Kategorien teil», erzählt er. «Nur die Jüngste interessiert sich noch nicht so.»

Mit seinen 45 Jahren ist Fritschi ein alter Fuchs im Winterthurer Politikbetrieb. Er sass elf Jahre für die FDP im Gemeinderat, davon die letzten vier als Fraktionspräsident, bevor er in den Stadtrat gewählt wurde. Fritschi, der immer in den Kategorien Effizienz und Machbarkeit denkt, hat einen ETH-Abschluss als Betriebs- und Produktions-Ingenieur. Vor seiner Zeit als Stadtrat arbeitete er mehrere Jahre für den in Oberwinterthur ansässigen Medizinaltechnikkonzern Zimmer Biomet, wo er unter anderem für den Produktentwicklungsprozesse verantwortlich war.

Das sagt er über sich selbst: Fritschi sieht die Herausforderungen in der nächsten Amtszeit, um die er sich bewirbt, vor allem bei Stadtwerk: «Das Wichtigste ist, das Vertrauen der Bevölkerung zurückzugewinnen, dass wir wieder ein Betrieb sind, auf den man in der Stadt stolz sein kann.» Aber auch die kriselnden Bereiche Energie-Contracting und Telecom will er profitabeler machen. Fritschi liebäugelt sogar mit der Idee, die Geschäftstätigkeit von Stadtwerk auszuweiten und auf dem Glasfasernetz selber Dienstleistungen anzubieten. «Das erhöht die Wertschöpfung.» Gleichzeitig will er dafür sorgen, dass die Stadt ihre Dienstleistungen möglichst ohne Ausnahmen von Stadtwerk bezieht.

Bei Stadtbus liege sein Augenmerk darauf, die Kundenzufriedenheit zu verbessern und damit höhere Vergütungen vom ZVV zu bekommen, sagt Fritschi. Bei Stadtgrün sind die Projekte schon gesetzt: der Abschluss des Eulachparks und die Weiterentwicklung des Wildparks Bruderhaus. Auch eine Idee, die den Ex-Schulvorsteher erkennen lässt, hat Fritschi: Er will die Stadtgrün-Mitarbeiter als Naturschutzpädagogen in die Schulen schicken und sie dabei eng mit der Museumspädagogik zusammenarbeiten lassen. Über die Schule, sagt Fritschi, erreiche man alle Schichten.

Das sagen die anderen: Sympathien für Fritschi gibt es, wegen seiner offenen Art, auch bei der Linken. So beschreibt Benedikt Zäch (SP) Stefan Fritschi als sehr nett im Umgang, als jemand, der auf die Leute zugehe und keine Allüren habe. Fritschi sei allerdings nicht der Typ, der grosse Reformen durchfechte. Er vermeide Konflikte und sei «vorsichtig, bis übervorsichtig», vor allem in Bezug auf die Finanzen. Als Beispiel nennt Zäch das Projekt Aquifer.

Auch Markus Nater (GLP), der mit Zäch in der Kommission Bau und Betriebe sitzt, kritisiert, dass Fritschi das Wärmeverbund-Projekt abrupt gestoppt hat. Als Werkvorsteher sei Fritschi bisher lediglich als Gewinn-Optimierer aufgefallen. «Seine ökologische Seite habe ich noch nicht gespürt», sagt Nater, der Fritschi für seine politische Erfahrung, seinen Wortwitz und seinen Führungsstil durchaus auch schätzt.

Gabriela Gisler (SVP), die Fritschi in der Kommission für Bildung, Sport und Kultur als Schulvorsteher erlebt hat, attestiert ihm eine ausgesprochene Fixierung auf Effizienz. «Seine Lösungsansätze sind finanzpolitisch immer sehr kostenbewusst», sagt Gisler, deren Partei selbst oft das Sparen propagiert. Fritschi sei in der Kommission immer sehr gut vorbereitet gewesen und habe nie nur die Parteilinie vertreten, sondern seine Rolle als Vertreter der ganzen Bevölkerung verstanden.

Das bleibt in Erinnerung: Ein Entertainer ist Fritschi auch abseits der Politik. In der Veranstaltungsreihe «Frühschicht» gab er vor ein paar Monaten Einblick in seinen Werdegang, der ihn unter anderem für ein Jahr nach Japan führte. Dort sei man als ausländische Arbeitskraft primär ein Quell der Unterhaltung, sagte Fritschi. «Ich war im Sinfonieorchester, im Segelklub, im Teeklub und im Sumoklub – nicht als Kämpfer, als Zuschauer.» Er erzählte auch, wie er als Student bei den Winterthur-Versicherungen tätig war. «Wenn die Angestellten unterschriftenberechtigt wurden, schenkte man ihnen ein Paar Armlehnen für ihren Bürostuhl. «Meine Aufgabe war es auch, die Lehnen anzuschrauben.»

Videoserie Wahlen 2018

Peinlichkeiten? Obergrenze? Sparen? Zähneputzen? – Wir haben den Stadtrats-Kandidaten zwei Minuten lang auf den Zahn gefühlt. Heute: Stefan Fritschi (FDP). Video: mcl/far (Landbote)

Erstellt: 08.01.2018, 15:14 Uhr

Wahlen vom 4.3.2018

Der «Landbote» stellt alle Kandidierenden für die Stadtratswahlen vor. In Videos testen wir deren Schlagfertigkeit.

Smart-Spider-Profil

Wirtschafts- und Gesellschaftsliberal

Das Spinnendiagramm zeigt bei Stefan Fritschi eine grosse Ausgewogenheit. Fast zwei Drittel der Fragen hat er mit «eher ja» und «eher nein» beantwortet. Deutlich zutage tritt das Bekenntnis zu einer liberalen Gesellschaft. Fritschi befürwortet das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare und sagt «eher ja» zur Cannabislegalisierung. Liberal ist auch seine Haltung gegenüber den Unternehmen: Er lehnt einen bezahlten Vaterschaftsurlaub ab, ebenso einen Mindestlohn von 4000 Franken – und tritt eher für mehr Firmenparkplätze ein.

Beim KSW und beim Stadttheater befürwortet er eine Verselbstständigung, bei Stadtwerk sagt er dazu «eher ja». Demgegenüber lehnt er staatliche Interventionen wie eine Unterstützung des gemeinnützigen Wohnbaus ab. Auf nationaler Ebene ist Fritschi gegen eine Begrenzung der Zuwanderung auf Kosten der Bilateralen und eher gegen die Kündigung des Schengen-Abkommens. (mcl)

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