Wirtschaft

«Der Entscheid fiel in Peking»

Winterthur Gas & Diesel ist ein Exot in der Stadt. Die Schiffsmotoren-Firma gehört zu 100 Prozent dem chinesischen Staat. Kürzlich wurde CEO Martin Wernli Knall auf Fall entlassen, nun nimmt der Interimschef aus China Stellung.

«Falls es das Aktionariat will, habe ich keine andere Wahl»: Das sagt Shuofan Chen über seine mögliche Ernennung zum CEO.

«Falls es das Aktionariat will, habe ich keine andere Wahl»: Das sagt Shuofan Chen über seine mögliche Ernennung zum CEO. Bild: Marc Dahinden

Herr Chen, der langjährige CEO Martin Wernli ist seit September nicht mehr bei Winterthur Gas & Diesel. Hat der die Firma freiwillig verlassen?
Shuofan Chen: Nein, es war die Entscheidung des Aktionariats, Herrn Wernli von seinen Aufgaben zu entbinden (WinGD ist zu 100 Prozent im Besitz der chinesischen Staatswerft CSSC, Anm. d. Red.)

Was waren die Gründe?
Ich kann als Finanzchef von WinGD nichts zu den Details sagen, der Entscheid fiel in Peking. Meine Einschätzung ist: Seit dem Einstieg bei WinGD im Jahr 2015 musste die CSSC Dutzende Millionen in die Firma einschiessen, trotzdem verliert WinGD noch immer Geld.

Wer wird sein Nachfolger?
Dazu kann ich nichts sagen. Es ist aber klar, dass der Nachfolger wohl nicht aus dem lokalen Markt kommen wird. Es wird jemand sein, zu dem die CSSC in Peking Vertrauen hat.

Wie wäre es mit Ihnen? Sie sind Mitglied des Aktionariats und haben die Verhandlungen bei der Firmenübernahme geleitet.
Wenn es für die Firma von Nutzen ist, würde ich die Position selbstverständlich übernehmen. Falls es das Aktionariat will, habe ich keine andere Wahl.

«Winterthur wird auch in Zukunft der Hauptsitz bleiben. Es gibt keine Anzeichen, dass sich dies ändern könnte.»

Sie haben nicht nur eine Laufbahn bei der chinesischen Staatswerft hinter sich, sondern zuvor auch als Diplomat für China in Brüssel und im Aussenministerium in Peking gearbeitet. Helfen Ihnen heute die dort geknüpften Kontakte?
Was mir sicher hilft, sind die Freundschaften, die ich in EU-Institutionen in Brüssel geknüpft habe. Dort habe ich viel gelernt über die Arbeitsweise und das Leben in Europa.

Egal unter welchem neuen CEO: Wie sicher ist es, dass WinGD auch weiterhin sein Hauptquartier in Winterthur hat?
Ich denke, Winterthur wird auch in Zukunft der Hauptsitz bleiben. Es gibt keine Anzeichen, dass sich dies ändern könnte.

Weshalb? Was ist das grosse Plus in Winterthur?
Die Firma hat mehrere Besitzerwechsel durchgemacht, von Sulzer zu Wärtsilä und zur CSSC. Aber der Sitz blieb immer hier, für über ein Jahrhundert. Die Schweiz ist ein gutes Zuhause für unsere Technologie- und Wissensabteilung und um Spitzenkräfte anzulocken. Im Bezug auf Winterthur denke ich, dass zu den 270 lokalen Arbeitsplätzen bis 2020 noch mehr dazukommen werden.

«Ich denke, dass zu den 270 Winterthurer Arbeitsplätzen bis 2020 noch mehr dazukommen.»

In welchem Bereich soll dieser Ausbau stattfinden? Der Verkauf von Zweitakt-Schiffsmotoren harzt ja seit einigen Jahren.
Tatsächlich schwächelt der Schiffsmotoren-Markt, das Jahr 2015 war der Tiefpunkt. Sich ganz auf die Zweitaktmotoren zu verlassen, reicht also definitiv nicht mehr aus. Unser Plan ist es deshalb, neue Einkommensquellen zu erschliessen, über Details kann ich nicht sprechen, aber das wird dem Hauptquartier zugute kommen. Auch die Testanlage für Schiffsmotoren in Oberwinterthur soll ausgebaut werden.

Obwohl das Geschäft mit Schiffsmotoren lange Tradition hat, wird die Digitalisierung auch bei Ihnen eine grosse Rolle spielen. Werden Sie in technologische Neuerungen investieren?
Die Digitalisierung hilft, die Entwicklung und Produktion von Schiffsmotoren zu vereinfachen und zu optimieren, aber das Grundprodukt wird davon noch länger nicht direkt betroffen sein. Für die nahe Zukunft sehe ich eher eine Investition in den Bereich Garantieservice, der heute extern abgewickelt wird. Schiffsmotoren müssen ja eine enorme Leistung erbringen, sie laufen rund um die Uhr in Schiffen, die auf allen Ozeanen fahren. Bei der Wartung hat WinGD noch Potential, dafür müssen unsere Aussenposten in China, Japan, Dubai oder Singapur ebenfalls ausgebaut werden.

Aktuell erhält WinGD ja noch finanzielle Unterstützung direkt vom chinesischen Staat. Was sind die Bedingungen?
Was meinen Sie mit dem «chinesischen Staat»? Die CSSC als Eigentümerin von WinGD ist zwar ein Betrieb im Staatsbesitz, agiert aber als eigenständiges Unternehmen. Die Unterstützung und die Entscheidungen kommen von der CSSC, nicht vom Staat.

Die CSSC baut nicht nur die in Winterthur entwickelten Zweitakt-Motoren, sondern auch schnellere Viertakt-Motoren, wie sie für Chinas Marine gebraucht werden. Hat WinGD in irgendeiner Weise mit dem chinesischen Militär zu tun, gibt es eine direkte Unterstützung?
Nein, seit den Anfängen unter Sulzer hat man hier immer auf die zivile Seefahrt fokussiert.

«Das Militär kann auch im Supermarkt Gipfeli kaufen, ist dann der Bäcker ein Unterstützer des chinesischen Militärs?»

Aber auch das chinesische Militär braucht beispielsweise Transportschiffe, für die WinGD die Motoren entwickelt.
Das Militär kann auch im Supermarkt Gipfeli kaufen, ist dann der Bäcker deswegen ein Unterstützer des chinesischen Militärs?

In Winterthur ist WinGD als chinesische Firma ein Exot. Wie viele der Mitarbeiter kommen eigentlich aus China?
Ein Drittel der 270 Angestellten sind Schweizer, ein weiteres Drittel ist Deutschsprachig und das letzte Drittel ist international. Aktuell haben wir nur fünf Personen, die ursprünglich aus China stammen. Ich bin aber der einzige, der keinen Schweizer Pass hat, ich habe noch immer eine B-Bewilligung, die ich jedes Jahr erneuern muss.

Sind Sie in regelmässigem Kontakt mit den lokalen Behörden, beispielsweise dem Stadtrat?
Ich habe Stadtpräsident Michael Künzle erst einmal getroffen, bei der Übernahme im Januar 2015, wir hatten eine sehr angenehme Unterhaltung. Nun hat mich sein Büro erneut kontaktiert, in den nächsten Wochen treffen wir uns. Herr Künzle hat ebenfalls viele Fragen zur Entwicklung von WinGD und zum Abgang von Martin Wernli.

«Wir werden immer mehr chinesische Investoren in der Schweizer Wirtschaft sehen.»

Haben Sie die Stadt Winterthur über den Wechsel in der Geschäftsleitung informiert?
Nein, wir haben nur unsere Geschäftspartner informiert, Herr Künzle hat wohl von anderer Seite davon gehört

Seit 2015 leben Sie in Winterthur, wie gefällt es Ihnen hier?
Es gefällt mir sehr gut, Winterthur ist klein, jeder kennt jeden.

Wie attraktiv ist die Schweiz für chinesische Firmen?
Das Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und China zeigt immer mehr Wirkung. Es ist zum Beispiel sehr erfreulich, dass Air China seit dem Sommer Direktflüge von Peking nach Zürich anbieten kann. Ich denke, wir werden immer mehr chinesische Investoren in der Schweizer Wirtschaft sehen. Für mich gibt es nur eine verstörende Sache.

Und die wäre?
Es hat, gerade in Winterthur, viel zu viele Raucher, sie rauchen selbst in der überdachten Bahnhofsunterführung. Verglichen mit Grossbritannien oder Deutschland ist das extrem.

(Der Landbote)

Erstellt: 18.11.2017, 09:30 Uhr

Hinwendung nach China

Der Interimschef von Winterthur Gas&Diesel kennt Europa aus Diplomatenjahren.

Der Kranich steht in der chinesischen Kultur unter anderem für die höchste Beamtenklasse. Im grossen Sitzungszimmer von Winterthur Gas & Diesel ist er mehrfach zu sehen, auf Bildern oder auch auf farbig bemalten Schüsseln.

Die Dekoration passt zur jüngsten Geschichte des Unternehmens: Erst vor rund drei Jahren übernahm bei der ehemaligen Sulzer-Firma die China State Shipbuilding Corporation CSSC die Mehrheit, ein gigantisches Unternehmen in chinesischem Staatsbesitz.

Sonst hat sich das Gebäude, das sich hinter dem Einkaufszentrum Neuwiesen und gegenüber dem Verwaltungshaus Superblock befindet, wenig verändert seit der Ära unter dem finnischen Motorenbauer Wärtsilä, der seine letzten Firmenanteile erst vor eineinhalb Jahren an die CSSC verkaufte.

Seitdem der langjährige CEO Martin Wernli im September überraschend entlassen wurde, ist Shuofan Chen als Finanzchef und Interims-CEO der neue starke Mann im Haus. Im Gegensatz zu Wernli hat er auch bei der CSSC einen offiziellen Posten und wohl auch Kontakte zur chinesischen Politik. Bevor er als Chefunterhändler die Übernahme von WinGD im Jahr 2015 vorbereitet hatte, war er bereits Finanzmanager bei der chinesischen Staatswerft. Zuvor absolvierte Chen eine Diplomatenlaufbahn. Er arbeitet als diplomatischer Angestellter im chinesischen Aussenministerium in Peking und in der chinesischen Botschaft in Brüssel.

Unter Chen beschäftigt WinGD aktuell 380 Angestellte weltweit, davon 270 in Winterthur. Aussenbüros existieren in China, Korea, Japan, Hongkong, Dubai, Singapur. Die Firmenübernahme 2015 sorgte für Aufsehen. Doch eine «Hinwendung nach China» ist auch bei anderen Winterthurer Firmen zu beobachten. So nennt die Industriefirma Burckhardt Compression aus Oberi China den «wichtigsten Wachstumsmarkt».

Winterthurer Tradition mit chinesischer Zukunft

WinGD ist die Nachfolgefirma der traditionsreichen Dieselsparte des Sulzerkonzerns, einer Firma, die in Winterthur Industriegeschichte geschrieben hat:

1898 wurde der erste Sulzer-Dieselmotor gebaut. Die Maschine revolutionierte die Schiffahrt, die bis dahin noch auf Dampfmaschinen gesetzt hatte. Bis das erste grosse Diesel-Frachtschiff in See stach dauerte es allerdings noch bis ins Jahr 1912. Nach dem Zweiten Weltkrieg boomte das Geschäft, Sulzer war in den 1960er-Jahren gar Weltmarktführer, in den 1980er-Jahren kam die Krise und der Abstieg. 1997 übernahm die finnische Wärtsilä die Dieselsparte. 2014 wurden die ersten Übernahmepläne der chinesischen CSSC publik.mpl/bä

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