Winterthur

Der etwas dünnhäutige Stadtvater

Gleich zwei Frauen wollen Michael Künzle (CVP) das Amt des Stadtpräsidenten streitig machen. Es ist das erste Mal seit seinem Amtsantritt im Jahr 2012, dass er herausgefordert wird. Doch Künzle sieht der Wahl gelassen entgegen.

Das Bäumli mit Blick über die ganze Stadt  Winterthur ist Michael  Künzles  Lieblingsort, auch wenn manchmal Nebel die Sicht trübt.

Das Bäumli mit Blick über die ganze Stadt Winterthur ist Michael Künzles Lieblingsort, auch wenn manchmal Nebel die Sicht trübt. Bild: Enzo Lopardo

So tritt er auf: Michael Künzle tritt gern als volksnaher Stadtvater auf und schon allein dank seiner äusserlichen Erscheinung nimmt man ihm diese Rolle ab. Wie ein richtiger Pater familias, scheint er ungehalten zu werden, wenn seine «Familie» nicht so richtig folgen will.

Auf Kritik reagiert er oft dünnhäutig und mit Unverständnis, schnell einmal wirkt er gereizt. Er geht gern unter Menschen und hat immer ein offenen Ohr für ihre Anliegen. Künzle ist Mitglied in unzähligen Vereinen, man trifft ihn im Bus und auf allen möglichen Anlässen. Im Gegensatz dazu, sieht seine Präsenz in den sozialen Medien eher mager aus.

Damit konnte er punkten: Selbst seine Kritiker bescheinigen Künzle, dass er stets versucht ein Stadtpräsident für alle zu sein und sich, wann immer möglich, gewissenhaft für die Bevölkerung einsetzt. Positiv fiel auf, dass er in der Wärmeringaffäre um Stadtrat Matthias Gfeller der Öffentlichkeit volle Transparenz über den Untersuchungsbericht gewährte.

«Ich gehe gern unter Leute und höre mir ihre Sorgen und Wünsche an»

Es ist sein Verdienst, dass der Umzug der Stadtverwaltung in den Superblock nach anfänglichen Problemen reibungslos verlief. Ein geschickter Schachzug war, dass Künzle sich entschied mit seinem Team ein gemeinsames Büro zu teilen und dies auch kommunizierte.

Das Museumskonzept, dass sein Vorgänger angestossen hatte, wurde unter seiner Leitung unter Dach und Fach gebracht.

Damit eckte er an: Die Idee, das Theater abzureissen und stattdessen ein Kongresshotel mit Theaternutzung zu bauen, stiess in der Bevölkerung auf unerwartet grossen Widerstand. Künzle hielt der Idee lange die Stange, war aber klug genug, die Pläne zu verwerfen.

Viel Kritik, vor allem in den Medien, hat ihm die sehr zurückhaltende Kommunikation zum Jihadismus eingetragen. «Aus Sicherheitsgründen konnten wir anfangs nicht kommunizieren», so Künzle. Als früherer Staatsanwalt habe er gewusst, wie die Polizei arbeitet und wie wichtig es sei, gewisse Informationen nicht preiszugeben. Auch der Stadtrat habe nie alles gewusst.

Die Kompetenzen und die Informationen lagen vor allem bei den Sicherheitsbehörden von Bund und Kanton Zürich. Auf besorgte Anfragen aus der Bevölkerung habe er so gut wie möglich direkt Auskunft gegeben. Im Nachhinein räumt er ein, dass man die Fachstelle für Extremismus und Gewaltprävention, auf die er heute stolz ist, vielleicht schon früher hätte einrichten sollen.

Das muss man wissen: Der 52-jährige Jurist ist der CVP verbunden seit er denken kann. Schon als kleiner Bub habe er seinem Vater, dem Aktuar der CVP Kloten, geholfen Parteibriefe zu verschicken und daheim beim Mittagstisch mit ihm diskutiert. Auch wenn er mit seinem Vater nicht immer ganz einer Meinung war, heute steht Künzle voll und ganz hinter der CVP und ihren Idealen: «Für mich ist Familie das Wichtigste».

Künzle lebt mit seiner Frau und den vier Kindern in Oberwinterthur. 1999 wird er Gemeinderat, 2005 Polizeivorsteher, 2012 löste er Ernst Wohlwend als Stadtpräsident ab. Künzle ist beliebt bei den Wählern. 2014 knackte er mit 20420 Stimmen als erster Stadtrat die 20 000 Marke, in der konkurrenzlosen Präsidiumswahl brilliert er mit 16 969 Stimmen.

Das sagt er über sich selbst: «Ich gehe gern unter Leute und höre mir ihre Sorgen und Wünsche an». Er erwartet das gleiche auch von seinen Amtskolleginnen und -kollegen, denn von jedem Anlass komme der Stadtrat mit mindestens einem «Auftrag» aus der Bevölkerung zurück. «Wir müssen die Leute spüren und manchmal ist es von Bedeutung, zu erklären, warum wir jetzt genau so handeln». Künzle ist eine gute Stimmung im Gremium wichtig. Auch will er, «nicht ewig nur herum diskutieren, sondern Prozesse zum Entscheid bringen». Von allen bisherigen und neuen Kandidatinnen und Kandidaten für den Stadtrat sei er sicher derjenige mit der grössten Erfahrung.

In sozialen Medien ist Mike Künzle nicht sonderlich präsent. Lieber geht er unter die Leute, wie hier, als er zu Wahlkampfzwecken Gipfeli in Winterthur verteilte. Quelle: Facebook-Gruppe mit dem Ziel der Wiederwahl von Künzle.

Die beiden Gegenkandidatinnen machen ihm kein Bauchweh, aber er nimmt diese Kandidaturen ernst. «Ich bin überzeugt, dass ich genug Punkte gesammelt habe für eine Wiederwahl», sagt er. Bei ihm daheim spiele der Wahlkampf momentan sowieso keine grosse Rolle. Die älteste Tochter heiratet im nächsten März, und die jüngere organisiert die Hochzeit. «Dieses Thema gibt familienintern viel mehr Anlass zu Diskussionen».

Stolz ist Künzle auf das neue Kulturleitbild, das Museumskonzept und die neuen Subventionsverträge mit Kulturinstitutionen. «So ist es gelungen, die Vielfalt der Kulturstadt zu sichern». Dafür habe er sich als Stadtpräsident stark eingesetzt, wie auch für mehr Arbeitsplätze und anstehende Arealentwicklungen und Verkehrsprojekte. Die Entwicklung der Stadt sei auf gutem Wege, auch wenn die ZHAW jetzt in der Lokstadt abgesprungen ist: «Das ist wirklich ärgerlich». Immerhin investiere der Kanton mit der ZHAW stark in die Stadt.

Sein grösstes Highlight der letzten Amtszeit ist die Zusammenlegung der Vereine Standortförderung und Winterthur Tourismus zum House of Winterthur. «So können wir die Stadt und die Region in den Bereichen Wirtschaftsförderung, Kultur, Bildung und Tourismus weiter stärken».

Das sagen die anderen: Neben grosser Volksnähe, Vertrauenswürdigkeit und gewissenhaftem Einsatz für Winterthur wird Künzle von allen Seiten gute Dossierkenntnis und Vorbereitung bescheinigt. Auch dass er vor dem Gemeinderat die Verantwortung für den ganzen Stadtrat übernimmt, wird positiv gesehen.«Es gelingt ihm, die unzähligen Ansprüche an ihn und an die Stadt zu kanalisieren und bestmöglich zu erfüllen. Da geht es nicht nur um politische Forderungen, sondern auch darum, dass alle Beteiligten sich ernst genommen fühlen», sagt Simon Büchi, (SVP).

«Manchmal kann er konstruktive, sachliche Kritik schlecht annehmen»Katrin Cometta (GLP)

«Künzle packt die richtigen Themen an und hat Mut, auch unbeliebte Massnahmen wie die Sparpakete durchzuziehen, sagt Stefan Feer (FDP). «Bei gewissen Themen der vergangenen Legislatur wurde meiner Meinung nach zum Teil etwas spät kommuniziert. Wenn man in der Politik noch nichts sagen darf oder kann, sollte man dies auch entsprechend mitteilen.»

Von anderer Seite werden Künzle mangelnde Kritikfähigkeit bzw. Überempfindlichkeit vorgeworfen. «Manchmal kann er konstruktive, sachliche Kritik schlecht annehmen und nimmt sie teilweise als persönlichen Angriff wahr», sagt Katrin Cometta (GLP). Kein Interesse zeige Künzle an urbanen progressiven Themen wie Gleichstellung oder moderne Familienmodelle. Aus Comettas Sicht ist er nicht der Mann der grossen Visionen: «Er verwaltet eher das aus seiner Sicht Bewährte.» Als Mensch brauche Künzle viel Zustimmung und wirke manchmal etwas dünnhäutig. «Unter Druck reagiert er nicht sehr souverän» , sagt Christian Griesser (Grüne).

Barbara Huizinga (EVP) empfindet den Stadtpräsidenten als sehr solide und fokussiert. Wie ein Fels in der Brandung sei er. Aber manchmal eben wie ein Fels auch statisch und unverrückbar. Sein Umgang mit kritischen Fragen im Parlament wirke manchmal so, als würde er unangenehme Situationen nur aussitzen wollen.

Das bleibt in Erinnerung:Die abtretende Gemeinderatspräsidentin Chantal Leupi (SVP), gross blond und mit einer Vorliebe für die Farbe Pink, bekam von Künzle zum Abschied unter anderem den Barbie-Mann Ken geschenkt. Leupi nahm es mit Humor, die Ratslinke schäumte.

Das 750-Jahr-Stadtjubiläum hat er voll zu seiner Sache gemacht, die anderen mitgerissen. Am Festakt selbst hatte er dann unter sengender Sonne einen wahrhaft stadtväterlichen Auftritt.

Videoserie Wahlen 2018

Peinlichkeiten? Obergrenze? Sparen? Zähneputzen? – In einer Video-Serie testen wir die Schlagfertigkeit der Stadtrats-Kandidaten in zwei Minuten. Heute: Michael Künzle. Video: elo/huy

(Der Landbote)

Erstellt: 05.01.2018, 15:30 Uhr

Wahlen vom 4.3.2018

Der «Landbote» stellt in den nächsten Wochen alle Kandidierenden für die Stadtratswahlen vom 4. März mit Porträts und Videos vor.

Heute: Michael Künzle (CVP).

Smart-Spider-Profil

Ein konservativer CVPler

Die tiefsten Werte zeigt Michael Künzles Smartvote-Diagramm auf der Achse «Liberale Gesellschaft». Hier gehört der amtierende Stadtpräsident zum konservativen Flügel seiner Partei: Er will nicht, dass gleichgeschlechtliche Paare Kinder adoptieren können, ist gegen eine Geschlechterquote für städtische Kaderstellen und auch zu einem Vaterschaftsurlaub von vier Wochen sagt er «eher Nein». In den Themen «Law & Order» sowie in der Finanzpolitik positioniert sich Künzle klar bürgerlich. Er ist für den Ausbau der Videoüberwachung in Winterthur, für eine härtere Bestrafung von Vandalismus und gegen die Liberalisierung des Cannabis-Konsums. Bei den Finanzen befürwortet er eine griffige Schuldenbremse für die Stadt. In den anderen Bereichen ist Künzle ein typischer Mittepolitiker. Das zeigt sich etwa in der Verkehrspolitik: Er will sowohl den Langsamverkehr fördern, als auch die Zahl der Parkplätze in der Innenstadt erhöhen.

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