Porträt

Der Geschichtenerzähler, der einst als ­Sulzer-Lehrling nach Winterthur kam

Jürg Hablützel ist einer der ältesten Stadtführer bei House of Winterthur und mag es, wenn bei Führungen Diskussionen entstehen. Der 84-Jährige hat sein Leben entschleunigt.

Der geborene Erzähler: Jürg Hablützel im Büro seines Wohnhauses, das schon 120 Jahre alt ist.

Der geborene Erzähler: Jürg Hablützel im Büro seines Wohnhauses, das schon 120 Jahre alt ist. Bild: Madeleine Schoder

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Kaum hat man den Fuss über die Türschwelle seines Hauses im Neuwiesenquartier gesetzt, lernt man die Leidenschaft von Jürg Hablützel kennen: das Erzählen.

Er könne die Geschichte Winterthurs in sechs Sätzen erzählen, sagt er, und doch redet er am Ende lieber ausführlich darüber. Am Ende seiner Stadtführungen hätten die Besucher jeweils selten Fragen. «Ich glaube, viele fühlen sich erschlagen.»

Mit 60 neu orientiert

Mit 84 Jahren ist Jürg Hablützel einer der ältesten Stadtführer bei House of Winterthur. Die Stadt habe ihn schon immer interessiert, das sei erblich bedingt. Hier lebt er, seit er mit 16 Jahren sein Elternhaus in Biel verliess, um bei Sulzer eine Lehre als Maschinenschlosser zu absolvieren. Es folgte das Maschinenbaustudium in Biel, vier Jahre «Lehr- und Wanderjahre» in Paris, Manchester, San Francisco und eine neue Anstellung bei Sulzer.

«Ich glaube, die Leute hören mir gerne zu.» 

Dann die Ernüchterung: Sulzer musste seine Kryotechnik-Abteilung an einen Konkurrenten verkaufen, und Hablützel verlor mit 60 Jahren seine Stelle. «Es war sehr hart, aber mir hätte nichts Besseres passieren können.» Er bewarb sich erfolgreich um eine Stelle als Stadtführer. «Ich glaube, die Leute hören mir gerne zu.»

Das Haus, in dem Hablützel mit seiner Frau lebt, ist 120 Jahre alt. Wenn Hablützel durch die Räume mit den hohen Decken und den antik aussehenden Gemälden an den Wänden geht und von seinen Urgrosseltern und deren Kindern erzählt, fühlt man sich wie auf einer Museumsführung.

Dann setzt sich Hablützel an den grossen runden Tisch in seinem Büro, auf dem sich Schwarzweissbilder stapeln, und serviert Winterthurer Wasser. Hinter ihm reihen sich im Büchergestell 18 Bände mit der Überschrift «Goethes Werke», gleich neben Werke von Hermann Hesse und Theodor Fontane. «Meine Frau ist der Bücherwurm unter uns.» Bei dieser Gelegenheit zitiert Hablützel aber doch noch die ersten Zeilen von Goethes Gedicht «Gesang der Geister über den Wassern».

Als ehemaliger Sulzer-Angestellter möge er die Sulzer-Führungen am liebsten, sagt Hablützel. Als er als Kind mit seiner Familie in Winterthur Ferien machte, habe ihn der Pfadifreund des Vaters, der bei Sulzer arbeitete, in den Hallen herumgeführt. Er war stolz, als die Hallen plötzlich zu seinem Arbeitsplatz wurden. «Eine Lehre bei Sulzer, das war schon was.»

«Bei solchen Frauen braucht es keine Gleichstellungsgespräche. Die waren jedem Mann ebenbürtig.»

Auch die Eulach-Führung zum Thema Wasser habe er gerne. Dabei gebe er den Zuhörern immer folgende Dreierregel mit auf den Weg: Drei Minuten ohne Sauerstoff, drei Tage ohne Wasser, drei Wochen ohne Nahrung. So lange könne der Mensch überleben. «Viele vergessen, dass Wasser viel wichtiger ist als Essen.»

Wasser habe in seinem Leben immer eine wichtige Rolle gespielt. Er habe einen grossen Teil seiner Kindheit auf dem Segelboot verbracht, später besass er selbst eines auf dem Untersee, das er im letzten Frühling verkauft hat. «Jetzt genügen mir die Erinnerungen. Wenn in Winterthur eine Bise weht, stelle ich mir vor, auf dem See zu sein.» In vielen Belangen hat Hablützel sein Leben ruhiger gestaltet.

Aktuell mache er etwa 35 Führungen im Jahr, das seien weniger als auch schon. «Es kommt mir entgegen, dass ich hier etwas entlastet bin.» Als Wanderleiter der Wandergruppe der Stadtkirche halte er sich fit, neben dem Badmintonspielen mit den Kindern seiner Tochter, die im Haus den oberen Stock bewohnen.

«Meine Enkel halten mich jung.» Dass er sich mit 60 nochmals neu orientieren musste, habe ihn geformt. «Ich habe durch eine Notlage eine neue Welt kennen gelernt. Sicher auch deshalb bin ich heute noch so gut beieinander.»

Zu Dialogen kommt es selten

Hablützel hat schon Hochzeitsgesellschaften, Klassenzusammenkünfte und Firmenanlässe durch Winterthur geführt. Am liebsten erinnert er sich an die Momente, in denen ein Dialog stattfand. «Das kommt selten vor.»

Nie vergessen werde er die fünf Frauen des Vereins Freundinnen junger Mädchen, mit denen er interessante Gespräche geführt habe. «Bei solchen Frauen braucht es keine Gleichstellungsgespräche. Die waren jedem Mann ebenbürtig.» Grundsätzlich komme es aber selten vor, dass die Besucher mehr wüssten als er.

Erstellt: 25.07.2019, 18:25 Uhr

House of Winterthur sucht Stadtführerinnen und Stadtführer

Ab sofort sucht House of Winterthur neue Stadtführer und Stadtführerinnen für das nächste Jahr. Der Verein plant die Ausbildung von fünf bis zehn Interessenten.

Grund dafür sei der Anstieg an Stadtführungen, sagt der Kommunikationsverantwortliche Thomas Hunziker. Von 502 Stadtführungen im Jahr 2013 ist die Zahl fünf Jahre später auf 691 Führungen angestiegen. Ausserdem sei bei den 19 derzeit aktiven Stadtführern mit einer Pensionswelle zu rechnen. «Einige kommen in ein Alter, wo sie selber sagen, dass sie nicht mehr allzu lange weitermachen werden.»

Der Verein suche Kandidaten, die Winterthur kennen und fähig sind, auf Leute zuzugehen. Am wichtigsten seien aber das Interesse und die Leidenschaft für die Sache. «Das gewisse Herzblut für Winterthur ist für uns zentral.»

Die Schulung soll von Januar bis Mitte Mai 2020 stattfinden. Die Stadtführerin Ursula Burkhalter vermittelt den didaktischen Teil, während Historiker Peter Niederhäuser die Teilnehmer im historischen Bereich schult. Für einen Teil der Ausbildungskosten werden die Interessenten selber aufkommen.

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