Portrait

Der hemdsärmlige Herr Konsul

Felix Trinkler ist Ehrenkonsul von Tadschikistan in der Schweiz. Der ehemalige Baumwollhändler ist mit dem Präsidenten befreundet und liefert ihm für Staatsempfänge Geschirr, Gläser und Besteck.

Fühlt sich in Duschanbe sicherer als nachts am Bahnhofplatz: Tadschikistans Ehrenkonsul Felix Trinkler in seinem Winterthurer Büro.

Fühlt sich in Duschanbe sicherer als nachts am Bahnhofplatz: Tadschikistans Ehrenkonsul Felix Trinkler in seinem Winterthurer Büro. Bild: Marc Dahinden

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Ein unauffälliges Bürohaus am Bahnhofplatz. Im Erdgeschoss ein Coiffeur, oben Arztpraxen. Und im dritten Stock, neben dem Spuren-Verlag, liegt das Konsulat von Tadschikistan. Der Konsul, Felix Trinkler, 69 Jahre alt, öffnet selbst die Tür, Mitarbeiter hat er keine. «Honorarkonsul kommt nicht von Honorar, sondern von Ehre», sagt er und lacht. Seit 1997 füllt der frühere Baumwollhändler das Ehrenamt aus.

Trinkler hat halblange graue Haare, einen Bart und ein fröhliches Gesicht. Auf seinem grossen Schreibtisch herrscht ein buntes Durcheinander von Briefen und Stempeln. An der Wand hängen eine tadschikische Fahne und ein etwas verblichenes Bild von Prä­sident Emomali Rachmon, den Trinkler auch schon hier empfing. Die restliche Wandfläche ist mit Gemälden geschmückt, die fast immer Hunde als Motiv haben.

Aber was macht Konsul Trinkler hier? Nicht Pässe ausstellen jedenfalls, dafür ist seit einigen Jahren die UNO-Vertretung in Genf zuständig. Ohnehin leben kaum Tadschiken in der Schweiz. Trinkler kennt nur einen persönlich – seinen Gärtner. «Den habe ich indirekt mit seiner Schweizer Frau zusammengebracht», sagt er. Aber das ist eine andere Geschichte.

Er empfängt hier Staatsgäste

Nein, Trinklers Hauptaufgabe ist es, Vertreter der tadschikischen Regierung oder der Nationalbank in der Schweiz zu empfangen und zu betreuen. Das kommt nicht selten vor, so ist ja die Bank für internationalen Zahlungsausgleich in Basel und Präsident Rachmon auch mal in der Schweiz, um Urlaub zu machen. Mit ihm ist Trinkler seit Jahren eng befreundet.

Tadschikistan und Felix Trinkler, das ist eine Liebesgeschichte. «Wenn ich drei Monate lang nicht dort war, werde ich unruhig», sagt er. Er schwärmt von atemberaubenden Berglandschaften und der Gastfreundschaft der Tadschiken. «Der Gast gilt bei ihnen als der Gesandte Gottes», sagt er.

Nach dem Fall der Sowjetunion war Trinkler einer der ersten Westeuropäer, die das abgelegene Land bereisten. Der gelernte Banker war für die Winterthurer Firma Paul Reinhart AG tätig. «Früher liefen alle Geschäfte über Moskau. Plötzlich war unklar, wer zuständig war.» Trinkler sollte hinreisen, die Produzenten treffen und sicherstellen, dass die Lieferungen nicht abreissen.

Auf in den «wilden Osten»

Das musste man ihm nicht zweimal sagen. Abenteuerlust liege ihm im Blut, sagt Trinkler. Als ­20-Jähriger habe er an einem Freitag spontan beschlossen zu reisen. Am Abend sass er im Orientexpress nach Istanbul, was ihn fast seine lange Hippiemähne gekostet hätte. Nun also der «wilde Osten» hinter dem eisernen Vorhang. Russisch konnte Trinkler nicht – das würde er dann schon lernen. Baumwolle war ­damals das einzige Exportgut Tadschikistans, der ärmsten Ex-Sowjetprovinz. Jahrzehntelang hatten Russen die Fäden gezogen – jetzt sollten die Tadschiken plötzlich selbst geschäften. «Sie waren sehr unerfahren und naiv», sagt Trinkler. «Viele wurden übers Ohr gehauen.» Weil er im Namen Reinharts an langfristigen Geschäftsbeziehungen interessiert war und zudem viel ­Erfahrung mit Währungsgeschäften mitbrachte, war Trinkler bald ein gefragter Mann und enger Freund der neuen Nationalbankführung. Seine Deals brachten das, was das junge Land am dringendsten brauchte: ausländische Devisen.

Der, der alles besorgen kann

Aber nicht nur das: Trinkler stand bald im Ruf, fast alles or­ganisieren zu können. Als den Arbeiterinnen auf den Baumwollplantagen die Gummigaloschen ausgingen, die man früher aus Moskau geliefert bekommen hatte, fand Trinkler einen indischen Hersteller und liess mehrere Flugzeugladungen einfliegen. Sein grösster Trumpf war dabei sein bodenständiges Auftreten: Während andere ausländische Handelsvertreter sich wie kleine Kolonialherren aufführten, war Trinkler einer, der mir den Arbeitern und Köchinnen plauderte und selbst die Baumwollproben aus den gepressten Ballen zupfte.

Trinkler, der seit Jahren ohne Eskorte durchs Land fährt, sagt: «Ich fühle mich in der Hauptstadt Duschanbe sicherer als nachts am Winterthurer Bahnhofplatz.» Brenzlig sei es nur während des Bürgerkriegs 1992 bis 1997 ge­wesen. «Da habe ich mehrmals einen Maschinengewehrlauf im Rücken gehabt.»

Eine Diktatur? – «Nein!»

Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten schreibt in seiner Lagebeurteilung zu Tadschikistan, dass sich die innenpolitische Lage nach dem Friedensabkommen «grundsätzlich positiv entwickelt» habe. Amnesty International zeichnet ein düstereres Bild: «Die Behörden schränkten die Rechte auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit weiterhin drastisch ein, um kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen. Polizei und Sicherheitsdienste verfolgten Menschenrechtsanwälte und deren Angehörige mit unverminderter Härte.» Trinkler will das so nicht stehen lassen. Die Bevölkerung stehe hinter Präsident Rachmon, weil es diesem gelungen sei, nach dem Bürgerkrieg Stabilität zu schaffen. Er sei ein seriöser Mann, nicht ohne Humor. Mit Putin verbinde ihn eine gute Freundschaft, auch weil dieser darauf zählt, dass die Regierung in Duschanbe das Aufflammen islamistischer Tendenzen verhindert. Die überwiegende Mehrheit der Tadschiken sind Muslime. «Die gehen aber etwa ähnlich oft in die Kirche wie die Schweizer», sagt Trinkler und lacht. Kopftücher trügen die Frauen eigentlich nur beim nächtlichen Putzen der Strassen gegen den Staub.

Wenn Putin oder andere Staatsoberhäupter zu empfangen sind, wollen die tadschikischen Offiziellen sie standesgemäss empfangen. Rasch erwuchs für Trinkler daraus ein Nebengeschäft, für das er 2001 seinen Job bei Reinhart aufgab: Seine Felixtrade AG beschaffte und im­portierte in halb Europa grosse Mengen hochwertiger Waren, Palettenweise Geschirr und Besteck, und wenn gewünscht, flog Trinkler auch gleich die Köche mit ein. Oder er vermittelte jungen tadschikischen Kochtalenten über Gastroswiss Praktika in Schweizer Restaurants, wo sie die Kunst der internationalen Küche lernten.

Sammlermünzen für Russland

Inzwischen sind die Lager voll, und das kulinarische Niveau könne sich sehen lassen. Generell ­sehe die Hauptstadt jedes Mal moderner aus, und die nationale Airline – geführt vom Schwiegersohn des Präsidenten – hat mehrere nagelneue Boeing 737 geleast, nachdem er, Trinkler, in halb Osteuropa nach guten Occasionsflugzeugen geschaut habe.

Drum hat Trinkler, mit 69 längst im Pensionsalter, sich ein neues Standbein aufgebaut: Er verkauft Sammlermünzen, für deren Design er Künstler im Osten findet und die er in Deutschland und Litauen produzieren lässt. Sein bester Kunde ist dabei die russische Sberbank (Sparkasse), welche die Münzen über ihr Filialnetz weitervertreibt.

Der Konsul ist ein Mann mit vielen Leidenschaften, so besitzt er auch mehrere Oldtimer, mit denen er von seinem Haus in Welsikon bei Dinhard zur Arbeit fährt. Prinzipiell könnte er diese als Diplomat straflos auf dem Bahnhofplatz abstellen. Er winkt ab: «Ich habe vier Parkplätze in Winterthur gemietet.»

«Alle kommen wieder»

Bald will Trinkler wieder nach Tadschikistan. «Das geht allen Schweizern so, die je da waren. Alle sind wieder hingefahren», sagt er. Inzwischen ist das einfach, das Visum kann für wenig Geld per Internet bestellt und zu Hause ausgedruckt werden. «Das war meine Idee», sagt Trinkler. «Der Präsident fand sie gut.»

(Der Landbote)

Erstellt: 16.06.2018, 10:13 Uhr

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