Winterthur

Der Hundertjährige, der seine Chance nutzte

Am Freitag wird Willy Kobi 101. Dem «Landboten» hat er erzählt, wie er bei der Zeitungsdruckerei am Garnmarkt vor vielen Jahrzehnten einen Chef fand, der ihn förderte. Aus dem schmächtigen Schuhmacher wurde so eine gefragte Bürofachkraft.

Willy Kobis Hobby war die Fadengrafik. Foto: Marc Dahinden

Willy Kobis Hobby war die Fadengrafik. Foto: Marc Dahinden

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Willy Kobi hat als Hundertjähriger ein erstaunliches Gedächtnis. Er kann Orte und Daten aus seinem Leben benennen, ohne lange nachdenken zu müssen. «Ein Jahr lang arbeitete ich in Wengen für Karl Molitor senior, 1941 bis 42», sagt er. Après-Ski-Schuhe habe er vor allem gemacht für Molitors Sportgeschäft, «aus Lammfell und aus Seehundfell». Woher das gute Gedächtnis kommt?

Vielleicht ein Geschenk vom lieben Gott? Kobi ist strenggläubiger Christ. Oder vielleicht eher von jenen schwierigen und prägenden Jahren, in denen er weder wusste, was aus ihm werden sollte, noch wo er eine neue Stelle finden würde?

Alles hatte gut und behütet begonnen. Als Willy Kobi am 22. März 1918 geboren wurde, bewohnte die Familie ein stattliches Haus in Erlen. Der Vater war Eigentümer einer Stickerei und bald auch eines Autos der Marke Whippet.

Doch die Wirtschaftskrise setzte dem ein Ende: Die Stickerei in Erlen (Thurgau) und die Whippet-Fabrik in Toledo (Ohio) mussten 1930 schliessen. Drei Jahre später zog die Familie Kobi nach Neuhausen in eine kleine Wohnung.

Schuhmacher an der Grenze

Im Thurgau hatte Willy Kobi mit 14 noch eine Lehre als Bäcker begonnen, doch das Austragen der schweren Brotlaibe war zu viel für den schmächtigen Jüngling. In Schaffhausen fand er dann eine Lehrstelle bei einem Schuhmacher, 1937 schloss er die Lehre ab. Doch seine Gesellenjahre dauerten dann viel länger als erwartet.

«1 Franken 90 pro Stunde? Ich gebe Ihnen 2 Franken.»«Landbote»-Druckereichef Weidmann beim Einstellungsgespräch mit Willy Kobi im Jahr 1947.

Noch vor dem Krieg rückte er in die RS ein und stand dann als Soldat an der Grenze «von Schaffhausen bis Kaiserstuhl, fast tausend Diensttage hatte ich am Schluss». Eine feste Stelle aber hatte er nie in diesen harten Zeiten, abgesehen von jenem Jahr bei Molitor in Wengen.

Inzwischen hatte Willy Kobi geheiratet, die erste Tochter kam zur Welt, und die kleine Familie zog nach Winterthur, in eine Zweizimmerwohnung beim Stadthaus. Kobi brauchte Arbeit, irgendwas, und fand eine Stelle am Garnmarkt, wo der «Landbote» die Redaktion, die Druckerei und den Verlag hatte.

Der Umzug des «Landboten» von der Altstadt ins Tössfeld vor zwei Wochen, über den Kobi in der Zeitung las, bewog ihn, mit der Redaktion Kontakt aufzunehmen. So kam dieser Artikel zustande.

Der verständnisvolle Chef

1947 war Kobi also ein Schuhmachergeselle mit Familie, aber ohne Stelle. Doch beim «Landboten» war damals gerade ein Hauswart gefragt. «Der Druckereichef, Herr Weidmann, war ein verständnisvoller Mann», erzählt Kobi. Er habe ihn nach seinem bisherigen Lohn gefragt. 1 Franken 90 pro Stunde, war Kobis Antwort. «Ich gebe Ihnen 2 Franken», habe Weidmann gesagt. «Ich bin ihm heute noch dankbar dafür», sagt Willy Kobi.

Dank Weidmanns Fürsprache konnte Kobi das 10-Finger-System auf der Schreibmaschine lernen, dann Bürotätigkeiten in der Spedition des «Landboten» übernehmen und beim Kaufmännischer Verein Weiterbildungskurse besuchen. Doch als der wohlwollende Druckereichef wenige Jahre später in den Genuss der eben eingeführten AHV kam, verlor Kobi seinen Förderer.

Der junge ehrgeizige Nachfolger beharrte darauf, dass jeder im Büro einen kaufmännischen Abschluss haben müsse, worauf sich Kobi eine neue Stelle suchen musste. Er fand sie nicht weit weg und blieb der Zeitungsbranche treu: Beim «Tagblatt» an der Technikumstrasse nahm man ihn noch so gern. Und weil er schon drei Jahre Berufserfahrung im Kaufmännischen hatte, stieg nicht nur sein Lohn, sondern «ich hatte auch Anrecht auf die KV-Mitgliedschaft».

Was tut ein Sachbearbeiter?

Mehr noch: Beim KV fand er später seine nächste Stelle, der Lohn betrug nun 1250 Franken pro Monat. Kobi war im KV-Gebäude an der Merkurstrasse bald der Mann für alles, eine Mischung aus Hauswart und Bürokraft: Scheiben reparieren und Diavorträge organisieren, Mitgliederbeiträge einziehen und Lehrerlöhne bei der Bank holen.

Seine letzte Stelle fand er 1970 mit 52: Im «Landboten» hatte er ein Inserat der amerikanischen Firma Honeywell gesehen, sich beworben und die Stelle in Zürich bekommen – ohne zu wissen, was seine Job-Bezeichnung «Sachbearbeiter» eigentlich bedeutete.

Heute lebt Willy Kobi im Altersheim Brühlgut, seine zweite Frau ist vor zwei Jahren verstorben. Er übt noch immer auf seiner Handorgel, liest in der Bibel und ist stolz auf seine sechs Urenkel.

Dem Besucher von der Zeitung zeigt er seine Fadengrafik-Werke, die weiss-rote Wolldecke, die er mit 90 von der Stadt bekam, sowie das Fotobuch «Winterthur im Umbruch 1960 bis 2017», das ihm der Stadtpräsident zum Hundertsten schenkte. Kobi hat diesen Umbruch miterlebt – und noch einiges mehr. (Der Landbote)

Erstellt: 19.03.2019, 17:45 Uhr

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