Winterthur

Der Kaltstarter der SP

Nach drei Jahren Politabstinenz kandidiert Kaspar Bopp für den frei werdenden Sitz seiner Parteikollegin Yvonne Beutler. Der 40-Jährige ist beredt, kann mit Zahlen umgehen und grenzt sich gegen ein Comeback der Sparpolitik ab.

Kaspar Bopp im Hof des Superblocks, wo er heute arbeitet. Würde er in den Stadtrat gewählt, müsste er lediglich auf die andere Seite des Gebäudes ziehen.

Kaspar Bopp im Hof des Superblocks, wo er heute arbeitet. Würde er in den Stadtrat gewählt, müsste er lediglich auf die andere Seite des Gebäudes ziehen. Bild: Marc Dahinden

Nur wenige hatten ihn auf dem Zettel: Kaspar Bopp. Zwar sass er schon einmal im Winterthurer Gemeinderat und dort auch rasch in der wichtigen Aufsichtskommission. Aber so aussichtsreich seine Politkarriere begonnen hatte, so schnell war sie vorüber.

Bopp trat nach nur zweieinhalb Jahren aus familiären Gründen zurück. Seine Frau hatte eine neue Ausbildung begonnen, nun war es an ihm zurückzustehen.

Und jetzt, drei Jahre später, ist Bopp wie aus dem Nichts Stadtratskandidat der SP. Die Geschichte seiner Nomination ist ein Stoff, aus dem sich, sollte die Wahl gelingen, eine schöne Legende stricken lässt.

Bopp besuchte ein Heimspiel des FC Winterthur und traf dort auf SP-Urgestein Christoph Baumann, der in der Findungskommission für die Ersatzwahlen sass. Die beiden Männer unterhielten sich, und als Baumann Bopp auf ein allfälliges Interesse ansprach, da winkte dieser ab. Er sei doch viel zu lange von der Bildfläche verschwunden, und überhaupt, es müsse doch eine Frau her. – Dann aber nahm alles seinen Lauf.

Treffen auf der Schützi

Bopp erzählt die Episode im Innenhof des Superblocks über einem Teller Hackbraten mit Bohnen. Seit über einem Jahrzehnt arbeitet er schon für die Axa. Würde er in den Stadtrat gewählt, er müsste bloss auf die andere Seite des Hofes ziehen, die Kantine wäre noch dieselbe.

Heute leitet Bopp Projekte und ein Team mit zwei Mitarbeitenden. Es geht um Kundenkontakte, vielmehr um die Optimierung der Prozesse, die über den Gewinn von Neukunden und das Vermeiden von Kündigungen entscheiden. Zuvor war er für die Axa im Risikomanagement tätig.

«Ich bin kein Witzereisser. Aber ich lache gern.»

Studiert hat er Datenanalyse und Prozessdesign an der ZHAW. Bopp erzählt es gerne, es passt ins Bild, das er transportieren will, das eines logischen Nachfolgers von Yvonne Beutler. Die städtische Finanzvorsteherin ist dank ihrer Sachkompetenz bis weit ins bürgerlichen Lager respektiert. «Das Finanzdepartement wäre für mich ein Heimspiel», sagt Bopp programmatisch.

Aktuell hat er seine Führungsfunktion abgebeben und auch ein laufendes Projekt. Drei schulpflichtige Kinder, ein 100-Prozent-Job und der Wahlkampf sind so schon genug. Es sei ein Kaltstart für ihn gewesen, er müsse noch einiges nachholen. Darum lese er gerade sehr viel, Zeitungsartikel und Weisungen, und er trifft sich mit Parteikollegen, um eine Innensicht der wichtigen Dossiers zu bekommen. Seine Frau unterstütze ihn sehr, sagt Bopp. Obschon die beiden seit kurzem getrennt leben.

Abgrenzung von der GLP

«Klar, grün, sozial» lautet Bopps Slogan. Was ihm an Bekanntheit fehlt, will er mit Direktheit gut machen. Der 40-Jährige redet nicht um die Dinge herum, er kommt auf den Punkt, er traut sich etwas, wirkt smart und selbstbewusst, dabei aber immer sachlich. «Ich bin kein Witzereisser», sagt Bopp. «Aber ich lache gern.»

Politisch will er sich in keinen Flügel der SP einordnen, das Links-Rechts-Schema werde überschätzt. Man nennt sich in der SP nicht mehr gerne sozialliberal - spätestens seit dem Parteiwechsel von Chantal Galladé zur GLP. Die AHV-Steuervorlage hat Bopp befürwortet. Er sieht sich als einen Mann der Wirtschaft, aber eben der grün und sozial ist. Die Reihenfolge der Attribute ist ein Gebot der Stunde.

Bopps echte Konkurrentin im Dreierfeld der Kandidierenden ist Annetta Steiner, eine Grünliberale. Ausgerechnet. Die jüngsten Parteiübertritte haben die Unterschiede zwischen den Parteien etwas vermischt, oder gibt es keine mehr?

Bopp bestreitet dies. Annetta Steiner und mit ihr die Winterthurer GLP verkörpern für ihn die Sparpolitik der letzten Legislatur. Den Prozentsatz des berüchtigten Pauschalsparantrages der GLP aus der Budgetdbatte Ende 2013 hat er noch im Kopf: «0.6631 Prozent wie könnte ich das je vergessen.»

Er selbst stehe für eine andere Herangehensweise: dass zuerst die Frage zu beantworten sei, welche Leistungen man wolle und die Stadt zu gestalten sei. «Daraus ergeben sich dann die Kosten, natürlich muss man mehrere Runden machen, aber es ergibt für mich keinen Sinn, zuerst und ohne Blick auf die Leistungen den Steuerfuss festsetzen zu wollen.»

Auf keinen Fall sparen will Bopp beim Personal. Hier unterscheidet er sich am deutlichsten von Steiner, ist er überzeugt. So tritt er etwa für eine schnelle Ausfinanzierung der Pensionskasse der städtischen Angestellten ein. Aber wie grosszügig soll die Lösung für die städtischen Angestellten sein? «Ich fände es richtig, wenn sich der Steuerzahler an der Sanierung erheblich beteiligt», sagt Bopp, konkreter will er in dem komplexen Dossier noch nicht werden.

Den Lauf gekürzt

Der Hackbraten ist verputzt. Die Mittagspause fast um. Dessert? «Zucker ist nicht so mein Ding», sagt Bopp. Höchstens esse er Mal ein bisschen Schokolade. Gerade erst hat er sechs Kilo abgenommen. Sein Bodymassindex sei von 26,1 auf 25,3 gesunken, das weiss er, weil er eine entsprechende Handy-App hat. Er habe für den Winterthurer Halbmarathon trainiert, erzählt Bopp. Bis zu 50 Kilometer pro Woche sei er gelaufen. Dann kam die überraschende Nomination, und er musste sein Projekt downgraden, auf den 10-Kilometer-Lauf. In 59 Minuten ist er ins Ziel gelaufen.

Am angebrochenen Nachmittag steht ein Sitzungsmarathon an: Ein Konferenztisch in Hufeisenform, an der Wand ein Graffiti. Es geht um die Digitalisierung der Kundenkontakte, den Ersatz von Briefen durch Mails, das digitale Kundenportal der Versicherung - inhaltlich trivial, in der Umsetzung aber ein logistischer Alptraum.

Bopp legt ein Diagramm auf, mit Terminen und Abläufen, erläutert den Kollegen seine Pläne. Eine Diskussion setzt ein, ein Termin wird verschoben, Grundsatzfragen tauchen auf. Schnell wird klar, wer hier etwas bewegen will, braucht Geduld, Hartnäckigkeit und eine Portion Pragmatismus. Wie schräg vis-a-vis, auf der anderen Seite des Superblocks.

Klar. Grün. Sozial. Kaspar Bopp stellt sich und seine Kandidatur vor.

Erstellt: 05.06.2019, 16:18 Uhr

Erleben Sie die Kandidierenden live am Podium

Am Dienstag, 11. Juni, können Sie Annetta Steiner (GLP), Kaspar Bopp (SP) und Zeno Dähler (EDU) am Landbote-Podium kennen lernen.

Das Podium findet bei schönem Wetter «Open-air» auf der Dachterrasse (5. Stock) der neuen «Landbote»-Redaktion an der Technoparkstrasse 5 statt. Bei Regen findet die Veranstaltung im Konferenzsaal des Technoparks an der Technoparkstrasse 2 statt.

Türöffnung und Barbetrieb ab 19 Uhr, das Podium startet um 19.30 Uhr. Falls sie nicht vor Ort sein können oder wollen, können Sie das Podium zudem live auf unserer Website www.landbote.ch verfolgen.

Die Porträts der Konkurrenten Bopps im Kampf um den Stadtratssitz erscheinen in den nächsten Tagen.

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