Winterthur

Der kleine Quartierverein bietet der grossen Krankenkasse die Stirn

Der Bewohnerinnen- und Bewohnerverein Inneres Lind will den geplanten Neubau der Swica im Quartier verhindern. Die Kriegskasse ist gefüllt und die Kampfbereitschaft gross.

Swica will ein neues Verwaltungsgebäude. Dies passt dem Quartierverein jedoch gar nicht.

Swica will ein neues Verwaltungsgebäude. Dies passt dem Quartierverein jedoch gar nicht. Bild: Marc Dahinden

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es wird ein Kampf wie David gegen Goliath. Ein Quartierverein will verhindern, dass ein Konzern die geltenden Regeln beim Bauen nach seinen Wünschen erweitert. Das ist Goliath: Die Krankenkasse Swica hat an die 1,5 Millionen Versicherte und 1777 Mitarbeitende. Sie nimmt 4,3 Milliarden an Prämien ein und wies 2017 ein Ergebnis von 94 Millionen Franken aus.

Und hier David: Der Bewohnerinnen- und Bewohnerverein Inneres Lind hat 343 Mitglieder und erzielte 2018 ein Jahresergebnis von 4500 Franken. Doch David war sparsam: Über 40000 Franken hat der Quartierverein in seiner Kasse respektive auf dem Postkonto. Und: David hat Erfahrung im Kampf gegen Grosskonzerne. Der Quartierverein hatte sich erfolgreich gegen die SBB gewehrt, die im Quartier Schallschutzwände bauen wollten.

Schutzwürdig und 15-jährig

Nun will die Swica bauen, die seit vielen Jahrzehnten am Rand des Quartiers zu Hause ist. Eine Vorgängerorganisation der Swica, die Schweizerische Betriebskrankenkasse, hatte 1956 im Spickel zwischen Römer- und St.- Georgen-Strasse ihr Verwaltungsgebäude gebaut: einen dreistöckigen Bau mit einstöckigem flachem Flügel, der noch heute elegant und modern wirkt.

«Was dieser Kuhhandel mit städtebaulicher Qualität zu tun hat, bleibt das Geheimnis der Swica und des Amts für Städtebau.»Peter Niederhäuser,
Präsident des Winterthurer
Heimatschutzes

Er ist im Inventar der schutzwürdigen Bauten aufgelistet und wurde 2001 «qualitätsvoll saniert», wie es dort heisst. Daneben steht das Swica-Verwaltungsgebäude aus dem Jahr 2004, ebenfalls dreistöckig und gegliedert. Der Bau respektiere «mit seinen Proportionen die Kleinteiligkeit der historischen Bebauung im Quartier», schrieb der Architekt dazu.

Diese beiden Gebäude möchte die Swica nun abreissen und ersetzen lassen durch einen neuen Hauptsitz. Fünfgeschossig und wuchtig in seiner Grösse, aber gleichwohl in drei Baukörper gegliedert. Es gibt Pläne davon, aber keine Visualisierung.

Damit ein so grosser Bau an dieser Stelle überhaupt möglich ist, hat die Swica in Absprache mit dem Stadtrat, dem Amt für Städtebau und der kantonalen Denkmalpflege einen Gestaltungsplan vorgelegt. Denn an sich ist das ganze Quartier Inneres Lind eine sogenannte Quartiererhaltungszone.

Wie der Name sagt: Die Struktur des Quartiers soll erhalten bleiben, die meisten Gebäude sind dreistöckig, haben grosse Gärten, was das Quartier sehr grün macht. Das zu bewahren, ist der Zweck der Zone. Nur mit einem Gestaltungsplan kann diese sogenannte Regelbauweise überschritten werden. Einwendungen gegen den Gestaltungsplan gingen nur drei ein – alle vom Bewohnerverein Inneres Lind. Kritiker gibts freilich auch ausserhalb des Quartiers.

«Ein Kuhhandel»

Der Winterthurer Heimatschutz hat zwar offiziell keine Einwendungen gemacht, Einwände aber hat dessen Präsident Peter Niederhäuser dennoch. Mit dem Swica-Neubau würden «die bisher gültigen baulichen Rahmenbedingungen klar überschritten», hielt er kürzlich fest. Und dass ein schutzwürdiger Bau einfach abgerissen werden dürfe, kann Niederhäuser nicht nachvollziehen: «Ganz offensichtlich steht er den Plänen der Swica für einen neuen repräsentativen Hauptsitz im Weg.»

Die Baubehörden und die Swica haben sich punkto Schutzwürdigkeit so geeinigt: Der schutzwürdige Verwaltungstrakt von 1956 darf abgerissen werden, dafür wird auf der anderen Strassenseite ein anderes Swica-Gebäude unter Schutz gestellt. Kommentar von Heimatschutz-Präsident Niederhäuser dazu: «Was dieser Kuhhandel mit städtebaulicher Qualität zu tun hat, bleibt das Geheimnis der Swica und des Amtes für Städtebau.»

Auch an der Generalversammlung des Bewohnervereins Inneres Lind diese Woche war von einem Kuhhandel die Rede und davon, dass die Quartiererhaltungszone mit dem Neubau «arg strapaziert» würde. Das Thema Swica war traktandiert, weil sich der Vorstand ermächtigen lassen wollte, politisch gegen den Gestaltungsplan vorzugehen.

Und die Mitglieder machten, ohne zu murren, mit: Einstimmig ermunterten die 34 Anwesenden den Vorstand, gegen den Gestaltungsplan und das Swica-Projekt zu kämpfen. Und 10000 Franken für einen Abstimmungskampf bewilligten sie gleich mit.

«Städtebaulicher Akzent»

Vonseiten der Stadt ist man freilich anderer Meinung: Das geplante Projekt ordne sich «gut in die Quartiererhaltungszone ein» und setze «an der Kreuzung Römerstrasse/St.-Georgen-Strasse einen städtebaulichen Akzent». Die Rede war bei der Lancierung des Projekts vor einem Jahr auch von einer «hochwertigen Freiraumgestaltung» mit grossem Grünanteil. Zudem sei im neuen Gebäude ein öffentliches Restaurant geplant.

Natürlich verwies der Stadtpräsident auch auf die Bedeutung der Swica, die man gerne hier behalten möchte: «Swica leistet als einer der grössten Arbeitgeber in Winterthur einen substanziellen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung unserer Stadt.» Schon einmal war der Swica der rote Teppich ausgerollt worden, als sie einen Sonderwunsch hatte: Die Bushaltestelle Hermannstrasse heisst seither Swica.

Erstellt: 05.04.2019, 17:18 Uhr

Artikel zum Thema

Der Swica-Neubau wird nicht verkleinert

Winterthur Von den drei Wünschen des Quartiervereins berücksichtigt die Swica bei ihrem geplanten neuen Hauptsitz nur einen. Der Gemeinderat muss nun über den Gestaltungsplan entscheiden. Mehr...

Swica hat grosse Pläne in Winterthur

Winterthur Der Krankenversicherer Swica will sich für 30 Millionen Franken einen neuen Hauptsitz an der Römerstrasse bauen. Und die Hälfte der 700 Angestellten ziehen in die Lokstadt. Mehr...

Anwohner kündigen Referendum an

Swica-Neubau Noch hat der Gemeinderat nicht entschieden, ob der geplante neue Hauptsitz der Krankenkasse Swica gebaut werden darf. Doch schon jetzt ist klar: Kommt das erwartete Ja, folgt ein Referendum. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!