Nachruf

Der letzte grosse Malervirtuose ist tot

Die beeindruckende Malerei des Winterthurer Künstlers Bendicht Fivian liess niemanden kalt. Nun ist Fivian 79-jährig von der Lebensbühne abgetreten.

Benedicht Fivian hat im Jahr 2005 den damaligen Regierungsrat Markus Notter porträtiert.

Benedicht Fivian hat im Jahr 2005 den damaligen Regierungsrat Markus Notter porträtiert. Bild: Doris Fanconi

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Als der 1940 in Bern geborene Bendicht Fivian in den späten 70er Jahren erstmals in Winterthur ausstellte, lösten seine Bilder ein mittleres Beben aus. Mit offenem Mund staunte man. Immer noch gewöhnt an die gepflegte Peinture und das mittlere Format der lokalen Künstler, waren seine Pinselgesten und die Farbspritzer zusammen mit der grossen Leinwand eine Provokation. Gleichzeitig spürte man, dass sich da eine kraftvolle Malerei einmischte. Selbstbewusst wie seine Malerei trat Fivian auch als Künstler auf. Er katzbuckelte vor niemandem, weder vor der Künstlergruppe noch vor den Sammlern. Immerhin kam er aus dem damals bedeutenden avantgardistischen Milieu Berns um Harald Szeemann. Doch mit dem Umzug von Bern nach Winterthur erfolgte auch eine Zäsur in seiner Malerei.

Malerische Coolness

Fivian war ein begnadeter Maler, sein Handwerk war virtuos, sein Auge für Farb- und Tonnuancen phänomenal. Nicht umsonst bewunderte er im Kunstmuseum den Franzosen Albert Marquet (1875-1947). Fivian hatte indes eine eigene Maltechnik. Er formte die Gegenstände nicht direkt, sondern holte sie als Negativform aus der dunkel grundierten Leinwand heraus. Sein Farbauftrag variierte und wechselte zwischen starker Expression und kontrollierter Abstufung in der Helldunkelskala mit geradezu fotografischem Effekt. Er bekannte sich zur figurativen Malerei und brillierte in der Landschaft wie im Stillleben oder im Figurenbild. Dabei entwickelte er eine Form der expressiven Coolness, die charakteristisch für sein bildnerisches Schaffen war. Sein Malen war auch ein ständiger Kampf gegen jedes Pathos, jeden Inhalt, jede Symbolik. Er insistierte auf der Banalität seiner Sujets – ein Sammelsurium an zum Teil skurrilen Objekten, die er auf dem Boden seines Ateliers in der «Schleifi» auslegte und im Bild als buntes Stillleben inszenierte.

Fivian war ein begnadeter Maler, sein Handwerk war virtuos, sein Auge für Farb- und Tonnuancen phänomenal.

Nichts konnte Fivian wütender machen, als wenn die Betrachter Bedeutungen in seine Bilder projizierten. Dabei provozierte er geradezu inhaltliche Deutungen, nicht erst in seinen späten, mit Mondlicht erfüllten Interieurs. Er betonte er stets die gemalte Dinglichkeit seiner Objekte; Transzendenz war des Teufels, spektakulär-alltäglich waren die Landschaften, Kiesgruben und Industriebauten. Sie hielten kühl Distanz, gleich wie die grandiosen Jumbo-Bilder. Aber in seinen Figurenbildern aus den frühen 80er Jahren, die parallel zu den Winterthurer Unruhen entstanden, deutete sich dennoch eine Sinndimension an. Denn in den Bildern von schwarz gekleideten jungen Männern in Kampfstiefeln geht es nicht ausschliesslich um schwarzweisse Silhouettenmalerei; diese Serie war ein politisches Manifest gegen Repression, selbst den Ausdruck existentielle Verlorenheit oder Vereinzelung mag man darin finden. Mit «cheibä Seich» hätte Fivian diese Interpretation im markigen Berndeutsch abgelehnt.

Einzigartige Kunst am Bau

Um 1990 bat das Winterthurer Architektenpaar Arnold und Vrendli Amsler den befreundeten Fivian um ein Kunst-am-Bau-Konzept für ihre Kantonsschule Büelrain. Er aktivierte seine alten Berner Freundschaften und konnte die international bekannten Markus Raetz und Balthasar Burkhart zur Teilnahme motivieren. Fivians Pendel im Innenhof, das von der Zeit handelt, komplettierte dieses für Winterthur einzigartige Kunst-am-Bau-Ensemble.

Nichts konnte Fivian wütender machen, als wenn die Betrachter Bedeutungen in seine Bilder projizierten.

Weniger Glück hatte Fivian mit einer zuvor entwickelten kinetischen Installation, dem «Wasserkipper» (1990) bei der Kantonschule «im Lee». Eine mit Wasser gefüllte Kippschaufel entleerte sich in regelmässigem Takt mit lautem Knall und sorgte deswegen für Ärger im Quartier. Die Zeitmaschine wurde abgebaut und irgendwo eingelagert.

Etliche Male stellte er in renommierten Berner Galerien aus; in Winterthur war er regelmässig in der Galerie ge zu Gast. Galerist Walter Büchi bot ihn auch zusammen mit Werner Hurter und Alfred Auer für die Art Basel auf. Bis 1997 musste er indes warten, bis ihm das Kunstmuseum Winterthur eine Einzelausstellung ausrichtete. Knapp zehn Jahr zuvor würdigte ihn Tina Grütter im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen. Im Rahmen von «40 Jahre-Kunsthalle Winterthur» wird Fivians Schaffen im nächsten Jahr einen Schwerpunkt bilden.

Bendicht Fivians Bilder können begeistern, erschüttern können sie indes nicht. Das tat sein Blick in den letzten Monaten. In seinen Augen erkannte man, dass sich sein scharfer Geist bereits vor seinem Tod am 24. November aus der Realität zurückgezogen hatte. Er hinterlässt seine Lebensgefährtin, die Künstlerin Renate Bodmer.

Erstellt: 02.12.2019, 16:20 Uhr

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