Advent

«Der Nobi ist wieder da»

Norbert Albl hatte vor 21 Jahren den Weihnachtsmarkt nach Winterthur geholt. Ende Juni hat ihn ein Hirnschlag vorübergehend aus dem Verkehr gezogen. Wenn der Markt am Freitag öffnet, ist Albl wieder dabei.

Norbert Albl posiert mit seiner Frau Susi auf dem Gelände des Familienbetriebes vor den Requisiten für den Weihnachtsmarkt. Nach einem Hirschlag und einer langen Rehabilitation geht es dem Winterthurer Stadtoriginal wieder besser. Er habe wieder 80 Prozent seiner Kraft, sagt er.

Norbert Albl posiert mit seiner Frau Susi auf dem Gelände des Familienbetriebes vor den Requisiten für den Weihnachtsmarkt. Nach einem Hirschlag und einer langen Rehabilitation geht es dem Winterthurer Stadtoriginal wieder besser. Er habe wieder 80 Prozent seiner Kraft, sagt er. Bild: Enzo Lopardo

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Im Wülflinger Niederfeld weihnachtet es schon. Ganz am Ende des Gewerbegebiets gleich am Waldrand steht der Betrieb von Norbert und Susi AIbl. In der grossen Halle, die an das Wohnhaus grenzt, stehen die Boxen mit liebevoll gestalteten Märchenszenen, die seit letztem Jahr den Markt ergänzen. Die «Alte Mühle» steht transportbereit auf einem Anhänger. An deren Tresen werden während des Weihnachtsmarktes unzählige Becher Glühwein verkauft. Den kocht Susi Albl nach einen Geheimrezept in der angrenzenden Profiküche selber. Der fertige Glühwein wartet vakuumverpackt darauf, getrunken zu werden.

Dass Norbert Albl in diesem Jahr wieder am Weihnachtsmarkt dabei sein wird, grenzt an ein Wunder. Ende Juni waren Albls mit der Alten Mühle auf dem Jodelfest gewesen, dann stand das Albanifest bevor. Das letzte, woran sich Norbert Albl erinnert, ist dass er auf dem Dach eines Chilbiwagens an der Stadthausstrasse hantierte: «Ich bin erst im Notfall wieder zu mir gekommen. Anscheinend habe ich einen Hirnschlag erlitten.»

Zwei bis drei Meter tief stürzte er vom Wagendach, das Becken war zweimal gebrochen, im Kopf klaffte ein Loch, aber das Schlimmste war die linksseitige Lähmung. Nach neun Tagen wurde er vom Spital nach Zihlschlacht, in die Spezialklinik für neurologische Rehabilitation verlegt. Für die Klinik hat er nur lobende Worte: «Die haben das gut gemacht mit mir.» Es sei eine harte Zeit gewesen. Er musste von «130 Prozent Leistung» auf Null zurückfahren. «Ohne meine Frau hätte ich das alles nicht geschafft.» Es sei eine streng Zeit gewesen, fünf bis sieben Therapien pro Tag. Sieben Wochen musste er im Rollstuhl sitzen, «eine bereichernde Erfahrung.» Man bekomme eine Idee davon, was es für Leute bedeute, die dauerhaft auf den Rollstuhl angewiesen sind.

«Ich bin erst im Notfall wieder zu mir gekommen.»Nobi Albl,
Schausteller und Organisator des Winterthurer Weihnachtsmarktes

Seit Ende September ist er wieder zu Hause. Heim konnte er nur, weil sich dort Ehefrau Susi um ihn kümmern konnte und weil das Haus einen Lift hat. Den hatten sich die beiden glücklicherweise schon im Februar, in Hinblick auf das Alter, eingebaut. Körperlich ist Albl heute einigermassen wieder hergestellt. Er braucht noch einen Gehstock, die linke Hand ist nicht so kräftig, wie er es gewohnt ist. «Etwas heben liegt noch nicht drin». Vor allem wird er aber schneller müde als früher: «Meine Frau sieht mir an, wenn ich nicht mehr kann», sagt er. «Sie hat mich abgeschirmt und ihren Job super gemacht».

Im Vorstand des Weihnachtsmarktes habe sie ihn bestens vertreten. Auch der Vorstand selber habe tolle Arbeit geleistet und dafür gesorgt, dass alles wie üblich weiter lief. «Das hat mich gefreut, da konnte ich abschalten.» Aber jetzt sei er wieder involviert «Nobi ist wieder da und hat die Zügel wieder in der Hand», sagt Albl. Zwar nur mit 80 Prozent seiner Kraft, aber immerhin.

Der Weihnachtsmarkt, eine Erfolgsgeschichte

Dass Winterthur seit 1997 einen Weihnachtsmarkt hat, ist der Initiative des Schaustellers zu verdanken. Der Hauptgrund sei gewesen, ihm und seinem Personal in dieser Zeit Arbeit zu verschaffen. «Sonst bin ich im Winter immer temporär arbeiten gegangen.» Gutes Personal zu finden sei auch nicht so einfach, mit dem Weihnachtsmarkt konnte er seine Leute bis Ende Jahr einstellen. Ausserdem habe seine Frau jedes Jahr die süddeutschen Weihnachtsmärkte besuchen wollen. «Da habe ich gefunden: Das können wir hier in der Schweiz doch auch.» Der Erfolg gibt ihm recht, mittlerweile kommen Süddeutsche zum Weihnachtsmarkt nach Winterthur. Glühwein hätten die Schweizer damals gar nicht gekannt, mittlerweile ist Albls «Alte Mühle» eine Institution in Sachen Glühwein. Auch die Vielfalt der Markthändler sei teilweise grösser als in Süddeutschland. In München oder Augsburg würden die Marktstände in den Familien vererbt: «Das ist wie betoniert, da kommen gar nie neue Produkte dazu.»

In Winterthur werde auf Vielfalt geachtet. Am liebsten hat Norbert Albl die «ein wenig kuriosen Dinge», so wie etwa das Holzsaxofon vor ein paar Jahren. In diesem Jahr liegen anscheinend Socken im Trend. «Wenn einer etwas Neues bringt, stösst er auf offene Ohren.» Ein Food Festival soll der Weihnachtsmarkt nicht werden. Mehr als 20 Prozent Essenstände sollen es nicht sein. «Wir wollen eine schöne Mischung.»

Am Anfang war es nur ein Wochenend-Job

Wie sind Norbert und Susi Albl eigentlich zur Schaustellerei gekommen? Als die zwei sich mit Anfang 20 kennenlernten, arbeiten beide bei Sulzer. Am Wochenende verdienten sie sich etwas Geld nebenher, indem sie auf Chilbiplätzen mithalfen. «Meine Frau an der Schiessbude, ich beim Hau den Lukas.» «Wir hatten beide eine Leidenschaft dafür», sagt Susi Albl. Als irgendwann ein altmodischer Kettenflieger zum Verkauf stand, griffen sie zu. «Wir wollten selber etwas auf die Beine stellen». Der Anfang war harzig, den beiden Quereinsteigern wurden auf Chilbis nicht gerade die besten Plätze zugewiesen. «Wir mussten immer besser sein, als die anderen.» «Die alten Reitschulen wollte niemand mehr, alle setzten auf das moderne Zeug.» Die Wende kam 1986 mit der grossen Nostalgiewelle, die aus dem USA nach Europa schwappte. Auf einmal war ihr Karussell gesucht, das Romantisch-Kitschige lag im Trend. «Die grossen Platzchefs von Basel, Wetzikon oder Zürich wollten jetzt etwas von uns.» Die beiden mussten ein zweites und ein drittes Karrussel kaufen, damit sie den Markt bedienen konnten. Bald konnten beide ihre Arbeitsstellen aufgeben und von der Schaustellerei leben. «Unser Traum war ein eigenes Haus, darauf haben wir hingeschafft,» sagen beide und drücken sich wortlos die Hand.

Beide sind im Rentenalter, schon vor dem Hirnschlag hatten sie sich entschlossen kürzer zu treten. «Jetzt sind wir sind am Auflösen, dafür hatten wir uns schon im Frühling entschieden. Das Jodelfest sollte das letzte grosse Fest sein. «Dann hat mein Körper gesagt: Du musst noch mehr herunter fahren», sagt Norbert Albl. Er habe nie mit dem Schicksal gehadert, jetzt müsse es mit dem Herunterfahren halt etwas schneller als geplant gehen.

Erstellt: 19.11.2019, 17:46 Uhr

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