Neu im Amt

Der Pfarrer spielt «Original Sin 2»

Er kennt sich mit Fantasy-Romanen aus, mag Computergames und predigt neuerdings von der Kanzel in der Stadtkirche. Pfarrer Mike Gray sagt von sich selbst, er habe ein paar verrückte Seiten – und sei doch ganz normal.

Mike Gray, neuer Pfarrer an der Stadtkirche, mit Hund Choco und vor einem Regal voller Fantasy-Romane.

Mike Gray, neuer Pfarrer an der Stadtkirche, mit Hund Choco und vor einem Regal voller Fantasy-Romane. Bild: Johanna Bossart

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Um sein Leben nachzuzeichnen, braucht man eine Weltkarte: Mike Gray ist in Chicago geboren, in Sizilien, London und Budapest aufgewachsen, lebte dann in Rom und Amsterdam. Zuletzt war er Pfarrer in Meilen. Nun ist er neuer Stadtpfarrer an der reformierten Winterthurer Stadtkirche. Auch Grays theologischer Weg ist überraschend: Getauft ist er presbyterianisch, sein Vater war Baptistenprediger und wollte in Sizilien Katholiken bekehren. Als Gray 18-jährig war, schickte ihn der Vater nach Rom in eine freikirchliche Bibelschule. Gearbeitet hat er zunächst als Leiter einer Täufergemeinde in Erlenbach, bevor er in Freiburg, wo auch Katholiken ausgebildet ­werden, studierte und schliesslich reformierter Pfarrer wurde.

Herr Gray, sind Sie überhaupt ein Reformierter?
Mike Gray: Ha! Immerhin habe ich meine Pfarrerausbildung in Zürich abgeschlossen. Ich habe in der Schweiz das Sprichwort gehört, dass die Kirche im Dorf steht. Das gefällt mir sehr. Die reformierte Landeskirche will für alle da sein, nicht nur für eine Gruppe. Das entspricht mir: Ich gehöre in die Kirche im Dorf, nicht in jene, die neben dem Dorf steht und manchmal etwas skeptisch ins Dorf hineinschaut.

Um den Einfluss der Freikirchen gibt es in Winterthur oft Streit. Wie grenzen Sie sich da ab?
Ich finde es gut, dass es Freikirchen gibt. Eine Freikirche hat mir die Chance gegeben, als Prediger zu arbeiten, als die Landeskirche nicht bereit war, mein erstes Theologiestudium zu anerkennen. Aber jetzt bin ich in der Landeskirche angekommen. Da ist es mir wichtig, für alle da zu sein. Für jene, die regelmässig am Gemeindeleben teilnehmen, genauso wie für jene, die nur bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen in die Kirche kommen.

Würden Sie denn ein gleich­geschlechtliches Paar trauen?
Selbstverständlich. Ich bin stolz, dass ich einer Kirche angehöre, die so unkompliziert mit diesen Beziehungen umgehen kann. Andere Kirchen – etwa die Anglikaner – sind an dieser Frage fast zerbrochen. Die Schweizer Reformierten gingen da viel unaufgeregter vor.

Der 45-jährige Gray arbeitet bereits seit August in Winterthur, am nächsten Sonntag wird er offiziell ins Amt eingesetzt. Im Pfarrhaus an der Ruhtalstrasse, wo die vierköpfige Familie wohnt, scheint das meiste eingerichtet, nur noch wenige Zügelkisten stehen herum. Auch Choco scheint sich hier wohlzufühlen, das ist der Haushund, ein Mischling aus Berner Sennenhund, Rottweiler und anderen Rassen von beeindruckender Grösse.

Predigen Sie in der Stadtkirche Winterthur anders, als Sie es in einer Dorfkirche tun würden?
Nein. Der Gottesdienst hier ist nicht so viel grösser als jener zuvor in Meilen. Zwar hat die Stadtkirche eine repräsentative Funktion. Darum spürte ich ein Kribbeln im Bauch, als ich meine ersten Predigten hier vorbereitete. Das wäre an einem anderen neuen Ort aber auch so gewesen.

Predigen Sie von der Kanzel?
Ja.

Stehen moderne Pfarrer nicht auf dem Boden?
Nein, die Kanzel gehört dazu. Zunächst aus ganz praktischen Gründen: Wenn ich vor der Gemeinde stehe, sehen mich nur die ersten fünf Bankreihen wirklich gut. Sicher, die Kanzel symbolisiert eine gewisse Pfarrherrlichkeit. Damit kann ich aber umgehen. Die Kanzel ist ein Werkzeug für die Predigt, das man nutzen sollte. Mit der Sonntagspredigt kann ich so viele Menschen in der Gemeinde gleichzeitig ansprechen wie sonst nie. Darum ist sie mir sehr wichtig. Die Besucherinnen und Besucher erwarten in der reformierten Kirche eine professionelle, theologisch hochstehende Predigt, die Geschichten aus der Bibel mit unserer heutigen Welt verknüpft. Dieser Anspruch ist überall derselbe, ob ich eine Vertretung draussen auf dem Land mache oder von der Kanzel in Winterthur predige.

Der Sprache hört man US-Bürger Gray die Herkunft an: Er spricht mit jenem charmanten Akzent, der einen unweigerlich an Amerika denken lässt, dazu kommt etwas Italianità aus seiner sizilianischen Jugend. Vom Aussehen her würde er mit seinem Bart durchaus in einen Western passen.

Das Amerikanische möchte sich Gray erhalten: Wenn er am neuen Ort ganz angekommen ist, möchte er regelmässig Predigten in englischer Sprache anbieten. Er denke, dass er so in Winterthur eine neue Gruppe von Menschen ansprechen könne.

Was tun Sie dagegen, dass ­immer weniger Menschen in die Kirche kommen?
Ich bilde mir nicht ein, dass ich so gute Predigten halten kann, dass hier in Winterthur plötzlich die Massen in die Kirche strömen. Mit einem solchen Anspruch wäre ich nach sechs Monaten ausgebrannt. Und überhaupt: Ich glaube an Gott und sein Reich, nicht an die Attraktivität meiner Institution. Wir müssen akzeptieren, dass eine Kirche nach dem Modell «one size fits all» in der heutigen ausdifferenzierten Gesellschaft nicht mehr so viele Leute anspricht. Wir werden kleiner, älter und ärmer. Das ist eine Realität. Die anderen Landeskirchen in Europa wurden von dieser Entwicklung schneller getroffen als wir in der Schweiz.

Ist die Situation in der Schweiz denn anders?
Auch wenn es ernüchternd ist, dass die Zahlen zurückgehen: Die Bedeutung der Reformierten in der Schweiz und hier in Winterthur ist nach wie vor riesig. Das zeigen unsere Mitgliederzahlen.

Wenn die Bedeutung riesig ist, setzt die Landeskirche dieses Potenzial denn auch richtig ein?
Wir sind besser, als wir befürchten.

Wie denn?
Vielleicht sind wir nicht immer spannend, dafür machen wir seriöse Büez. Und wenn man uns braucht, sind wir da. Als reformierter Pfarrer bin ich wie ein Bergführer. Nicht jede und jeder will jedes Wochenende auf eine Klettertour. Doch wenn man in einer Lebenssituation steht, in der man in die Berge will – oder muss –, dann stehen wir bereit.

In Mike Grays Wohnzimmer steht keine theologische Literatur, sondern die Büchergestelle sind voller Fantasy-Romane. Das sei eines seiner Spezialgebiete, sagt Gray. Ab und zu baue er etwas aus dieser Welt in eine Predigt ein. Er ist ein Experte: Seine Dissertation hat er über Visionen religiöser Identitäten in der Fantasy-Rhetorik geschrieben. Für einen Fantasy-Pfarrer hält er sich aber nicht beziehungsweise: nicht nur. Er habe noch andere verrückte Seiten, verspricht er. Er sei beispielsweise auch ausgebildeter Fitnesstrainer in der Sparte Crossfit. Und er liebe Computergames, sein aktuelles Lieblingsspiel heisst «Original Sin 2», ein Fantasy-Rollenspiel. Das alles hindere ihn aber nicht daran, ein ganz normaler Pfarrer zu sein.

Erstellt: 23.10.2017, 20:56 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!