Winterthur

Der Polizist, der handelt, bevor etwas passiert

Der Dienst Gewaltschutz der Stadtpolizei spricht potenzielle Täter an, bevor sie straffällig werden. Zum Beispiel, wenn sie ihre Ex-Frau stalken.

Stadtpolizist Oliver Wälchli lädt potenziell gefährliche Mitmenschen zum Gespräch ein: «Alle, die wir einladen, kommen.» Foto: Marc Dahinden

Stadtpolizist Oliver Wälchli lädt potenziell gefährliche Mitmenschen zum Gespräch ein: «Alle, die wir einladen, kommen.» Foto: Marc Dahinden

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Im Science-Fiction-Film «Minority Report» spielt Tom Cruise einen Polizisten der Zukunft, dessen «Pre-Crime»-Einheit Täter stoppt, bevor sie zuschlagen. Ganz so spektakulär sieht der Arbeitsalltag von Oliver Wälchli und seinen Arbeitskollegen beim Dienst Gewaltschutz der Stadtpolizei Winterthur nicht aus. Die Idee ist aber die gleiche: Handeln, bevor etwas passiert.

«Muss erst etwas passieren?»

Dieser Ansatz, der schweizweit in fast allen Polizeikorps ein Thema ist, ist vergleichsweise jung. Im Kanton Zürich geht er auf einen tragischen Fall zurück. Ein Mann erschoss 2011 in Pfäffikon erst seine Partnerin, dann die Chefin des örtlichen Sozialdienstes, von der er sich ungerecht behandelt fühlte. Nach der Tat zeigte sich: Der Mann war der Gemeinde seit vielen Jahren als gewalttätig bekannt gewesen. «Muss denn immer zuerst etwas passieren?», titelte der «Blick».

Nein, fand die Kantonspolizei und baute innerhalb weniger Monate einen präventiven Fachdienst auf, das Vorbild für den heutigen Gewaltschutz der Stadtpolizei. Den Polizeibeamten steht die «Fachstelle Forensic Assessment & Risk Management» zur Seite, eine Art Task-Force von Psychologen, die rasch Risikoabklärungen vornehmen kann. Die Erkenntnis, die diesen Bemühungen zugrunde liegt ist, dass Gewalttaten in der Regel nicht unvermittelt und spontan passieren. Es gibt eine Reihe von Eskalationsschritten auf dem Weg zur Tat.

Warnzeichen erfassen

Am Anfang steht ein Missstand oder eine Kränkung, dann das Nachdenken über Gewalt als Möglichkeit, es folgen genauere Planungen und Recherchen, später Vorbereitungen und Probehandlungen. Dabei entstehen Warnsignale, die Personen aus dem Umfeld erkennen können - oder die Polizisten selbst. Um Warnsignale systematisch zu erfassen, werden alle Berichte der Einsatzpolizei auf gewisse Merkmale untersucht, die für sich genommen noch keine Straftaten sind.

«Viele merken selbst gar nicht, dass sie dabei sind, Grenzen zu überschreiten.»

Etwa wenn Nachbarn laute Streits melden, oder wenn sich Personen gegenüber den Beamten auffällig renitent verhalten. Tauchen bei einer Person wiederholt solche Auffälligkeiten im System auf, werden Wälchli und seine Kollegen aktiv. Sie sehen sich die Meldungen genauer an, ziehen bei Bedarf das Forensic-Assessment-Team dazu.

Dann erfolgt die sogenannte Gefährderansprache. Die Person, die zu diesem Zeitpunkt noch nichts strafbares getan hat, wird zu einem Gespräch auf den Polizeiposten eingeladen. «Interessanterweise kommt jeder, den wir einladen», sagt Wälchli. «Obwohl sie juristisch nicht dazu verpflichtet wären.» Viele seien gespannt, was die Polizei weiss. Viele möchten ihre eigene Sicht der Dinge darstellen.

Ein häufiges Phänomene in diesem Bereich ist Stalking. «Meist sind es Männer, die ihren Ex-Partnerinnen nachstellen», sagt Wälchli. «Das zieht sich durch alle Altersgruppen und Gesellschaftsschichten. Viele merken selbst gar nicht, dass sie dabei sind, Grenzen zu überschreiten.» In diesem Bereich ist die Stadtpolizei schon seit 2011 sehr aktiv. Über die Zeit davor ist Wälchli durchaus selbstkritisch: Es sei leider öfters vorgekommen, dass Frauen, die stalkerhaftes Verhalten melden wollten, von der Polizei weggewiesen wurden mit dem Argument, es sei ja nichts Strafbares passiert.

Tee mit Islamisten

Obwohl die Stadtpolizei seit einigen Jahren auf Früherkennung und Gefährderansprachen setzt, ganz offiziell gibt es den Dienst Gewaltschutz erst seit Mitte 2018. Angegliedert ist auch die Fachstelle häusliche Gewalt und der «Brückenbauer», der den Kontakt zu Moscheen und Kulturvereinen pflegt. In neun Fällen wurden Wälchli und seine Kollegen aktiv, in denen der Verdacht auf eine religiöse Radikalisierung geäussert wurde.

Tee trinken mit potenziellen Islamisten? Auch das kann Polizeiarbeit sein. «Nicht selten entstehen längerfristige Kontakte zwischen Gewaltschutz und ‹Kunde›», sagt Wälchli. «Im Zentrum steht nicht die Bestrafung, sondern die Entspannung der potenziell gefährlichen Situation.» Auch Personen, die unter Auflagen aus der Untersuchungshaft freikommen, werden immer öfter vom Dienst Gewaltschutz «nachbetreut».

In den letzten Monaten stellte sich die Fachstelle innerhalb der Stadtverwaltung vor. «Wir rannten offene Türen ein», sagt Wälchli. Das Bedürfnis nach einen Ansprechpartner auch für Fälle im Graubereich sei gross. Bei klaren Drohungen wird ohnehin die Polizei aktiv - doch was, wenn sie diffuser sind? «Wenn ich das Dokument morgen nicht kriege, gehen Sie besser mit Splitterschutzweste zur Arbeit», bekam eine Mitarbeiterin der Einwohnerkontrolle zu hören.

Die Polizei fragte beim Mann nach, wie er das meinte. Und gab dann Entwarnung: Der Mann, vorher nie auffällig, entschuldigte sich glaubhaft; er sei völlig übermüdet gewesen und habe die Nerven verloren, als es um den Totenschein für seinen frisch verstorbenen Vater ging.

Dossiers für Unbescholtene?

Eine Knacknuss ist der Datenschutz. Wie verwaltet man Dossiers von Bürgern, die sich noch nichts zuschulden kommen liessen? Die Kantons- und Stadtpolizeikorps im Kanton Zürich glauben, eine technische Lösung gefunden zu haben. Nur die jeweils zuständigen Spezialisten beim Gewaltschutz dürfen das Dossier mit den gesammelten Auffälligkeiten und psychologischen Berichten einsehen.

Die normalen Einsatzpolizisten sehen bei potenziellen Gefährdern lediglich eine Aktennotiz, in der knapp das Risiko skizziert ist, und Empfehlungen zum Umgang mit der Person gelistet sind, sowie allfällige gefährdete Parteien. Bei aller Vorsicht und Willen, Taten zu verhindern: Eine zweite «Fichen­affäre» will und kann sich die Polizei nicht leisten.

(Der Landbote)

Erstellt: 12.02.2019, 17:00 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.