Gotzenwil

Der Profi-Genusswanderer

Heinz Staffelbach kennt die entlegensten Ecken der Schweiz, die er als Reisejournalist seit fast zwanzig Jahren erwandert.

Ist in Gotzenwil zu Hause und ging mit seiner Hündin Schera über 1000 Wanderungen ab: Der Reisebuchautor Heinz Staffelbach.

Ist in Gotzenwil zu Hause und ging mit seiner Hündin Schera über 1000 Wanderungen ab: Der Reisebuchautor Heinz Staffelbach. Bild: Marc Dahinden

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Schon an der Wohnungstür wird klar: Hier hat ein Naturbursche sein Zwischenlager aufgebaut. Sechs Paar gut eingelaufene Wanderschuhe reihen sich in einem Gestell neben- und übereinander, einige gepflegt, andere noch mit Spuren des letzten Abenteuers. Schera meldet sich mit freundlich-aufgeregtem Bellen. Die ältere Australian-Shepherd-Dame hat Heinz Staffelbach (57) auf über tausend Wanderungen begleitet, auch auf den Munt la Schera beim Schweizerischen Nationalpark. «Einmal musste ich sie sogar abseilen», erzählt der Reisejournalist in seinem roten Wanderhemd.

Auch auf dem Munt la Schera war Heinz Staffelbach mit seiner Schera... Bild: Keystone

...und musste sie einmal gar abseilen.

Die beiden haben viel erlebt miteinander. Umso härter traf ihn, dass er Schera, seine treue Wandergefährtin, wenige Tage nach dem Gespräch krankheitsbedingt einschläfern lassen musste. «Das ist das Traurigste, das ich je erlebt habe.» Staffelbach war gerade in einer dreiwöchigen Schreibphase. Man spürte: Es zieht ihn raus. Zu lange auf den Bildschirm starren mag er nicht, ihn, den es auch in der Stadt aufs Land gezogen hat, nach Gotzenwil.

Unterwegs für die NZZ

Bevor Staffelbach nach Winterthur kam, war er mit seiner damaligen Partnerin fast drei Jahre im Westen Nordamerikas unterwegs, fast immer mit Zelt. Wandern, fotografieren, schreiben, ganz ohne Druck, so entstand Staffelbachs erster Reiseführer. Inzwischen sind 19 weitere Bücher bei teils grösseren Verlagen erschienen. Und für die NZZ ist er als Kolumnist schon über 300 Routen abgewandert. Zu seinen Bestsellern gehört ein Buch mit Zwei-Tages-Wanderungen mit Berghotel-Komfort: Einzelbett statt Massenschlag, wie zum Beispiel auf der Route vom Muotathal zum Urnerboden, wo man in Berghäusern hoch über Braunwald übernachtet.

Auch die ersten Auflagen seines Buches über Urlandschaften der Schweiz sind vergriffen, wo er einen in die wilden Berge zwischen Bergün und Bivio lotst, ins Turtmanntal oder auf die Schrattenfluh. Hinter seinen Büchern steht häufig ein Konzept, das ihm einen gewissen Spielraum lässt. Auch bei seiner aktuellen Auftragsarbeit: vier Bücher zum Thema Wald. Da liegt bei einem Beitrag der Fokus auf Auenwäldern und bei einem anderen auf besonders alten und artenreichen Wäldern. Die Kraftorte der Natur zu entdecken und zu geniessen, dafür will er begeistern, unaufgeregt, sachlich und mit dem Auge fürs Detail.

Staffelbach ist kein Esoteriker, sondern promovierter Molekularbiologe. Als solcher wollte er die Natur ursprünglich vom «Kleinen her» verstehen. «Jetzt sehe und geniesse ich das grosse Ganze.» Auch nach zwanzig Jahren Wandererfahrung in der Schweiz findet er noch zahllose Flecken auf der Karte, wo er noch nicht war. Besonders die spitzen, kantigen Bergformationen im Gotthardgebiet ziehen ihn immer wieder an.

«Beim Wandern fühle ich mich frei und ganzheitlich. Es macht mich einfach glücklich, gleichzeitig mit Körper und Geist aktiv zu sein.»Heinz Staffelbach

Zur Vorbereitung seiner Wandertouren fragt er manchmal beim Förster, dem Heimatmuseum oder der Vogelwarte nach, um an spannende lokale Geschichten zu kommen, die nicht jedem geläufig sind. «Vor Ort lasse ich mich dann aber einfach leiten und gehe die Strecke mit offenen Augen ab, langsam und bewusst», sagt er. Auch heute hat er noch oft sein Zelt dabei. Grenzerfahrungen oder wilde Abenteuer hat er in all den Wanderjahren kaum gemacht. «Ich wundere mich immer wieder, wie viel da manche Autoren ständig beschreiben», sagt er und schmunzelt. Die Natur ist ihm Abenteuer genug.

Aufgewachsen ist Staffelbach in Luzern. Schon mit seiner Familie habe er als Kind vor allem Wanderferien gemacht, während seine Klassenkameraden von Ferien am Strand schwärmten. «Aber das machte mir überhaupt nichts aus», erzählt er. Mit dem Bruder Steine in wild schäumende Bergbäche krachen lassen und schauen, ob so Kristalle zum Vorschein kommen, Picknicken und verschlungene Pfade entlang kraxeln haben ihn als Bub erfüllt. Auch als Student war er später jedes Wochenende «draussen».

«Klar habe ich einen einsamen Job», sagt er auch. Manchmal ist er zwei Wochen alleine unterwegs. «Aber beim Wandern fühle ich mich frei und ganzheitlich. Es macht mich einfach glücklich, gleichzeitig mit Körper und Geist aktiv zu sein.» Auch mit Freunden und seiner Partnerin unternimmt er Touren. «Häufig bin ich derjenige, der das Tempo rausnimmt.» Fit und gesund sei er zwar, aber nie unterwegs, um Rekorde zu brechen.

Ab nach Südafrika

An der Schweiz kann er sich kaum sattsehen, aber auch Afrika fasziniert ihn. Für das Wildlife Africa Conservation-Team half er im letzten Winter während sechs Wochen in drei Schutzgebieten Südafrikas, gefährdete und teilweise mit Halsbandsendern versehene Tiere wie den Afrikanischen Wildhund, Geparden und Nashörner alltäglich zu orten und zu schauen, ob sie wohlauf sind. Den Freiwilligeneinsatz hat er gemacht, wenn auch mit etwas schlechtem Gewissen. Für die Flugmeilen leiste er zwar CO2-Kompensation und investiere dazu in zwei Aufforstungsprojekte. «Aber trotzdem...»

Heinz Staffelbach mit seiner Hundedame Schera. Bild: mad

Zurück zu seinem Wohnort Gotzenwil: Nach seiner grossen USA-Reise verschlug es ihn beruflich nach Winterthur, wo er bei Sulzer als Umweltingenieur anheuerte. Vor allem aber war ihm Zürich zu laut und zu hektisch geworden. Als er für eine Wohnungsbesichtigung am Winterthurer HB ausstieg, fiel ihm auf dem Bahnhofplatz eine Alltagsszene auf. Zwei Velofahrer hielten in aller Ruhe auf dem Trottoir einen Schwatz. «Da wusste ich, hier könnte es mir gefallen». Frei nach Staffelbachs Wander-Motto: Tempo rausnehmen und die kleinen Momente geniessen.

Pause machen und die Aussicht geniessen

Erstellt: 29.07.2019, 15:29 Uhr

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