Interview

«Der Schweiz fehlt eine Kinder- und Jugendstrategie»

Die Geschäftsführerin von Public Health Schweiz über Frühförderung, die Digitalisierung und fehlende Daten.

Corina Wirth, Geschäftsführerin von Public Health Schweiz.

Corina Wirth, Geschäftsführerin von Public Health Schweiz. Bild: PD

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An der Swiss Public Health Conference der letzten Tage diskutierten in Winterthur Fachleute zum Thema Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Was braucht ein Kind, damit es gute Chancen hat, sich gesund zu entwickeln?
Corina Wirth: Dazu gehören unter anderem genügend Bewegung, eine gesunde Ernährung und ein stabiles soziales Umfeld. Es ist wichtig, dass die Kinder auf verschiedenen Stufen Zugang zu einer frühen Förderung erhalten. In manchen Familien passiert die Frühförderung automatisch, andere müssen extern unterstützt werden.

Welche Familien haben Probleme?
Zum Beispiel belastete Familien. Das können alleinerziehende Mütter und Väter sein, Eltern mit Migrationshintergrund oder mit psychischen Problemen. Wenn die Mutter eine Borderline-Störung hat, kann sie weniger auf die Bedürfnisse ihres Kindes eingehen, und dem Kind fehlt eine stabile Bezugsperson.

Wie hilft man diesen Familien?
Eine Möglichkeit sind freiwillige Hausbesuchsdienste. Es gibt Eltern, die nicht wissen, wie sie ihr Kind früh fördern können. Das betrifft einfache Routinen, zum Beispiel ein gemeinsames Nachtessen. In gewissen Familien essen die Kinder vor dem Fernseher. Ein gemeinsames Essen ist dort nicht wie bei uns Teil des Familienlebens.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung bei der Entwicklung von Kindern?
Die Digitalisierung birgt neben grossen Chancen auch Gefahren. Einerseits ist beispielsweise die Möglichkeit zur Verknüpfung von Daten für die Forschung sehr hilfreich, und es gibt hilfreiche Apps wie Schrittzähler oder Sportapps, die einem zu einem gesunden Lebensstil verhelfen. Andererseits führt der hohe Medienkonsum bei Jugendlichen zu Schlafstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten. Experten, Eltern, Schulen: Die meisten wissen noch nicht, wie sie mit den neuen Medien umgehen sollen. Es herrscht eine allgemeine Unsicherheit und Hilflosigkeit.

Was raten Sie Eltern, deren Kinder einen Grossteil ihrer Zeit hinter dem Bildschirm verbringen?
Ich empfehle, den Kindern beizubringen, mit den sozialen Medien umzugehen, und dabei das Suchtpotenzial nicht zu unterschätzen. Meine persönliche Ansicht ist: kein Handy am Tisch und im Schlafzimmer und beschränkte Zeit am Bildschirm. Kinder sollen rausgehen, spielen, gemeinsam essen und lernen, welche Gefahren die Digitalisierung mit sich bringt.

Wie steht es generell um die Gesundheit der Kinder in der Schweiz?
Verglichen mit einem Drittweltstaat geht es unseren Kindern natürlich gut. Aber im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern investieren wir viel weniger in die Gesundheitsförderung und Prävention. Bei uns sind 10 bis 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen gefährdet, gesundheitliche und soziale Probleme zu entwickeln, darunter Übergewicht, Diabetes oder auch Suchtprobleme und Depressionen. Die Schweiz könnte mehr tun, um dies zu verhindern.

Wer ist gefordert, die Politik oder die Familien?
Beide. Erst einmal sind die Eltern für ihre Kinder verantwortlich. Schwierig wird es bei jenen, die mehrfach belastet sind und nicht wissen, an wen sie sich bei Problemen wenden können. Durch den Föderalismus fühlt sich in der Schweiz oft niemand zuständig. Der Schweiz fehlt eine nationale Strategie für Kinder- und Jugendgesundheit, die Lücken und Lösungen zeigt. Das war eine der wichtigsten Erkenntnisse der Konferenz: Die Schweiz muss eine solche Strategie entwickeln.

Was sind weitere Erkenntnisse der Konferenz?
Eine weitere Erkenntnis ist, dass der Schweiz die Gesundheitsdaten fehlen, insbesondere von Kindern unter sechs Jahren. Ohne Daten weiss man natürlich nicht, wo die Probleme sind und wo man eingreifen muss.

Was sind die nächsten Schritte, um diese Erkenntnisse an die Politik zu bringen?
Wir haben ein Manifest verabschiedet, das sich an Politik, Behörden und Verwaltung richtet. Darin sind Forderungen festgehalten, die wir an der Konferenz diskutiert haben. Wir fordern unter anderem eine periodische Gesundheitsberichterstattung, therapeutische Angebote für traumatisierte Flüchtlingskinder und eine stärkere Subventionierung der familienergänzenden Kinderbetreuung.

Erstellt: 31.08.2019, 17:01 Uhr

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