Kultur

Der Tempel der Demokratie döst vor sich hin

Noch immer zeichnet sich keine klar definierte Zukunft des Stadthauses ab. Die Nutzer und andere Anspruchsgruppen werden ungeduldig.

Links das Stadthaus heute. Rechts im Jahr 1932 im Umbau: Die Rückwand wurde nach Norden versetzt und der Saal verlängert.

Links das Stadthaus heute. Rechts im Jahr 1932 im Umbau: Die Rückwand wurde nach Norden versetzt und der Saal verlängert. Bild: Leserbild Beatrice Greminger/Windbib

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Wenn auswärtige Medien über die Winterthurer Politik berichten, bilden sie regelmässig das Stadthaus ab. Dabei ist die Politik dort längst ausgezogen. Für die breitere Öffentlichkeit wirken inzwischen die Gegenwart und vor allem die Zukunft des Stadthauses nebulös.

Raphael Perroulaz ist Vorstandsmitglied des Fördervereins Semper-Stadthaus Winterthur. «Der deutsche Architekt Gottfried Semper baute das Stadthaus als Tempel der Demokratie», sagt Perroulaz. Semper lebte selbst als Demokrat im Exil in der Schweiz. Die Bauteile des Stadthauses haben laut Perroulaz ihre klare Funktion. Im tempelartigen Saal in der Mitte versammelte sich das souveräne Stimmvolk. Die Verwaltung wurde seitlich davon angeordnet. Unten im ausgeprägten Sockelgeschoss bildete das Archiv eine feste Grundlage für die Demokratie.

Musik ja, Archiv nein

Doch gerade für das Archiv hat der Stadtrat eine klare Marschrichtung bestimmt. In einem Nutzungskonzept hat die Stadtregierung Anfang Jahr beschlossen, das Archiv aus dem Stadthaus auszulagern. Perroulaz dazu: «Wie das Gebäude in der ­Zukunft auch immer genutzt wird: Sempers architektonisches Grundkonzept muss berücksichtigt werden.»

«Der deutsche Architekt Gottfried Semper baute das Stadthaus als Tempel der Demokratie.»Raphael Perroulaz

Das Musikkollegium Winterthur bespielt weiter den heutigen Saal im ersten Stock des Stadthauses. Auch dies ist seit Anfang Jahr klar. Offen ist hingegen, ob das Stadthaus irgendwann einmal zu einem richtigen Konzertgebäude für Winterthur wird. Der Stadtrat wird erst im März 2019 darüber informieren, wie er sein Nutzungskonzept weiterentwickelt hat. Das Konzept soll dann in neun Jahren umgesetzt werden.

Musizieren in Hitze und Lärm

Vorläufig arbeitet das Orchester unter prekären Bedingungen im Stadthaus. «In diesem Sommer stiegen die Temperaturen auf der Bühne auf deutlich über dreissig Grad. Es gibt keine Möglichkeit, den Raum zu kühlen. Wir mussten den Musikerinnen und Musikern erlauben, den Frack aus­zuziehen», sagt Samuel Roth, Direktor des Musikkollegiums.

Das Orchester spielte auch Ende August ohne Frack. Video: PD via Facebook

Er wünschte sich bessere Garderoben und Toiletten. «Das allerwichtigste Anliegen für uns ist aber ein zusätzlicher Einspielraum im Bereich hinter der Bühne», sagt Roth. Bisher spiele das ganze 50-köpfige Orchester seine Instrumente in einem einzigen Raum ein. «Der Lärm dabei gefährdet das Gehör», sagt Roth.

Bisher hat die Stadt in keinem von Roth angemahnten Punkt Abhilfe geschaffen. Die Stadtregierung verweist laut Roth darauf, dass zuerst die endgültige Nutzung des Stadthauses fest­stehen müsse. Roth bemängelt zudem die Informationspolitik der Stadt. Sie sei zu zögerlich. Das Nutzungskonzept des Stadtrats hat das Musikkollegium nie in schriftlicher Form erhalten.

Förderverein tritt auf

Der Förderverein Semper-Stadthaus hat andere Ansprüche an die Nutzung des Gebäudes. Er brachte sich letzte Woche mit einer Veranstaltung ins Gespäch. Der Verein organisierte einen Vortrag über die letzte grosse Umnutzung des Stadthauses. In den Jahren 1932 bis 1934 wurde das Stadthaus in Richtung Museumstrasse verlängert. Das ist heute kaum mehr erkennbar.

«Das Stadthaus ist ein Bauwerk von internationaler Bedeutung.» Raphael Perroulaz

Spätestens mit der Eingemeindung der Winterthurer Vororte 1922 war der für Gemeindeversammlung im Stadthaus errichtete Saal zu klein geworden. Daher beschloss man, diesen für Konzerte nutzbar zu machen. Der Winterthurer Architekt Lebrecht Völki streckte nicht nur den Saal, sondern auch die Seitenflügel. Es ist erstaunlich, wie feinfühlig Völki mit Sempers Vorbild umging. Völki baute in Winterthur prägende Gebäude der klassischen Moderne. Dazu gehört der Turm der damaligen Winterthur-Versicherungen in der Sichtachse der Stadthausstrasse.

«Das Stadthaus ist ein Bauwerk von internationaler Bedeutung», sagt Perroulaz: «Es veranschaulicht den Aufschwung des demokratischen Winterthur. Diese Symbolik muss berücksichtigt werden.» Für den Förderverein sind die von Semper und Völki gestalteten Bauteile tabu. Sie dürfen nicht verändert werden. Um diese Anliegen durchzusetzen, möchte der Förderverein in die Planung der neuen Nutzung einbezogen werden. Der Verein wurde 2003 gegründet, um die Rekonstruktion der Giebelfiguren auf dem Stadthaus anzustossen und zu finanzieren. Seit 2004 schaut dank des Vereins Pallas Athene und seit 2007 Vitodura, die Winterthurer Stadtgöttin, vom Giebel auf die Stadt hinunter. Sie warten. (Landbote)

Erstellt: 10.10.2018, 08:57 Uhr

Halle 53

Das Musikkollegium bewirbt sich auch um die Nutzung der Halle 53 auf dem Sulzer-Gelände. Es hat ein eigenes Projekt eingereicht, das für den Kopf der Halle einen Konzertsaal vorsieht. Dieser wäre auch für Tagungen und andere Kulturveranstaltungen offen. Der Stadtrat gibt am 22. Oktober auf einer Medienkonferenz bekannt, wie die Halle 53 genutzt werden kann. (cf)

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