25 Jahre Velokurier Winterthur

«Der Tiefpunkt war ein Stundenlohn von 12.50 Franken»

Geschäftsleiter Rolf Kägi spricht anlässlich des Jubiläums über die Krise aufgrund der Digitalisierung, die neue Konkurrenz durch eine App und das Image der Velokuriere.

Rolf Kägi leitet den Velokurier seit rund 12 Jahren.

Rolf Kägi leitet den Velokurier seit rund 12 Jahren. Bild: Madeleine Schoder

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Wie kam Winterthur eigentlich zu einem Velokurier?
Das war 1992. Oh Shit, es sind ja 25 Jahre (lacht). Markus Walter, den alle «Mäcke» nennen, baute das Geschäft als Einzelunternehmen auf und gründete nach zwei Jahren zusammen mit anderen eine Genossenschaft. Damals stand das Veloding gar nicht so im Vordergrund. Sie haben vielmehr nach einer selbstbestimmten Arbeit gesucht, wollten ihre eigenen Chefs sein.

Zuerst hiess die Firma Staffel X. 2006 wurde daraus der Velokurier Winterthur. Wieso der Namenswechsel?
Als ich 2003 einstieg, ging es dem Kurier finanziell wirklich nicht gut. Zwei Jahre später wurde ich Geschäftsleiter und wollte mit dem Vorstand und den Fahrern das Geschäft wieder auf die Beine bringen. Zu der Zeit kam sehr wenig Geld rein und wir haben nur noch so viel Lohn ausbezahlt, wie es effektiv möglich ist, ohne in Schulden zu geraten. Der Tiefpunkt war ein durchschnittlicher Stundenlohn von 12.50 Franken - im laufenden Jahr liegt er bei 25.75 Franken. Viele leisteten Fronarbeit. Zum Wiederaufbau gehörte auch ein neuer Name, denn bei Staffel X wussten viele nie, wofür das steht.

«Wir benutzen ein bis zwei Mal pro Tag ein Mobility-Fahrzeug.»

Wieso lief es in dieser Zeit denn finanziell so schlecht?
Das ging vielen Schweizer Velokurieren gleich. Man hat sicher unterschätzt, wie schnell einem durch die Digitalisierung ganze Kundensegmente wegbrechen. Ein Beispiel: Als ich anfing, haben wir für eine Redaktion Filme zum Entwickeln und die belichteten Bilder wieder zurück gebracht. Wenn Sie das heute einem 15-Jährigen erzählen, sagt der: Kännsch Handy?

Wie haben Sie die verlorenen Kundensegmente ersetzt?
Wir haben uns überlegt, was man wirklich noch nicht mit dem Computer machen kann (lacht). In einem ersten Schritt versuchten wir zum Beispiel, für mehr Kunden Postfächer zu leeren oder am Abend die Post abzuholen. Für eine grosse internationale Firma mit Sitz in Winterthur erledigen wir heute sogar die interne Post. Solchen Daueraufträge bringen jeden Monat einen gewissen Betrag auf sicher. Dann schauten wir uns immer wieder an, was sich in der Wirtschaft verändert, und wo wir neue Kunden gewinnen können. Wir haben zum Beispiel davon profitiert, dass immer mehr Ärzte ihre Analysen an grosse Medizinallabors auslagerten. Heute machen das fast alle so. Eine weitere Entwicklung war, dass viele Firmen ihren Standort vom Zentrum in die Peripherie verschoben, weil sie dort weniger Miete zahlen. Um solche Firmen in der Region anzusprechen, haben wir begonnen, auch mit Autos zu arbeiten. Wir benutzen dafür ein bis zwei Mal pro Tag ein Mobility-Fahrzeug.

Vor dem Büro der Firma am Lagerplatz: Geschäftsleiter Rolf Kägi.

Wie viele Aufträge erledigen Sie pro Tag?
Etwa 25 bis 30 Spontanaufträge, dazu kommen etwa gleich viele Daueraufträge. Es ist sehr erfreulich, dass wir den Umsatz seit der Krise konstant gesteigert haben und heute unsere Mitarbeiter wieder anständig entlöhnen können.

Im Jahr 2000 wurde das nationale Kuriernetzwerk Swissconnect gegründet. Was hat sich dadurch für Sie verändert?
Das System deckt die ganze Schweiz ab. Es wurde möglich, Sendungen via SBB in alle Ecken des Landes zu schicken und dort wieder von einem Velokurier abholen zu lassen. Alle Schweizer Velokuriere sind an Swissconnect angeschlossen. An Orten, wo es keine gibt, ist es ein Taxiunternehmen oder ein Autokurier. Dieses Business ist stark gewachsen. Bei uns kommen und gehen im Schnitt 15 Sendungen pro Tag mit dem Zug. Unsere Kunden sind zum Beispiel internationale Firmen, die für ihre Handelsreisenden ein Visum brauchen, was schnell und sicher gehen muss.

«Notime funktioniert ja ähnlich wie Uber. Ich will jetzt aber nicht wie die Taxifahrer sagen: Das muss verboten werden.»

Da stehen Sie sicher in Konkurrenz zu national tätigen Logistikunternehmen wie DHL oder der Post.
Als Swissconnect kam, baute die Post zuerst ein ähnliches System für Lieferungen am selben Tag auf. Heute hat sie dieses Geschäft an Swissconnect ausgelagert. Wer also über die Post einen Expressdienst von oder nach Winterthur beansprucht, kommt eigentlich zu uns. Auch DHL lagert Aufträge an uns aus.

Seit einigen Jahren macht Ihnen auch Notime Konkurrenz, das über eine App funktioniert und Hobbyfahrer zu Velokurieren macht. Fühlen Sie sich bedroht?
Notime funktioniert ja ähnlich wie Uber. Ich will jetzt aber nicht wie die Taxifahrer sagen: Das muss verboten werden. Denn solche Entwicklungen gehören einfach zur unserer heutigen Zeit. Es ist für uns eine Herausforderung, aber ich glaube, wir sind mittlerweile sehr gut aufgestellt. Wenn man als Firma 25 Jahre in einer Stadt tätig ist, hat man sich ein sehr grosses Vertrauen erarbeitet. Das spüren wir daran, dass uns Firmen Batches oder Schlüssel anvertrauen. Dafür braucht es ein bisschen mehr als eine App. Bis jetzt ist Notime aber noch nicht in unseren Kernmarkt eingedrungen. Sie liefern vor allem Essen aus oder fahren für Onlinehandelsfirmen. Teilweise haben wir mit diesen Unternehmen auch verhandelt, die Bezahlung entsprach aber nicht unseren Vorstellungen.

Was ist das Ausgefallenste, was Sie je transportiert haben?
Einmal wollte eine Trauzeugin, dass wir die Eheringe an den Altar liefern. Ich sollte, wenn alle Gäste zur Türe blicken und auf das herzige Ringmeitli warten, noch 15 Sekunden warten, und dann verschwitzt und mit einem rechten Zacken zum Pfarrer fahren. Ich habe die Sendung quittieren lassen und dann hat mir der Pfarrer einfach so das Mikrofon in die Hand gedrückt. Da ich niemanden aus der Hochzeitsgesellschaft kannte, wusste ich gar nicht, was ich sagen soll. Das war ziemlich lustig.

«Es kommt überhaupt nicht darauf an, wie man wirklich ist. Jeder kann ein Trikot von uns anziehen und steht sofort für das Velokurier-Image.»

Praktisch alle Ihre Mitarbeiter arbeiten noch an einem anderen Ort. Kann man als Velokurier einfach nicht genug verdienen, um davon zu leben?
Doch, das geht schon. Die Frage ist eher, ob man diesen Job Vollzeit machen will. Viele verdienen zusammen mit ihrem Nebenjob gleich viel, wie wenn sie zu hundert Prozent beim Kurier arbeiten würden. Die meisten arbeiten aber nebenher in Jobs, bei denen der Lohn ebenfalls nicht extrem hoch ist. Die Frage ist doch schlussendlich, wie viel man zum Leben überhaupt braucht. Das ist sehr subjektiv.

In ihrem zehnköpfigen Team arbeitet gerade mal eine Frau. Ist das Kurierleben nach wie vor eine Männerdomäne?
Wir hatten auch schon einen Frauenanteil von 50 Prozent, doch der ging durch die Fluktuation wieder runter. Es ist schwierig zu sagen, woran das liegt. Wir erhalten viele Blindbewerbungen, davon sind nur rund zehn Prozent von Frauen. Ich will niemandem zu nahe treten, aber vielleicht sind Männer ja so einfach gestrickt, dass sie sich ohne viel Überlegen bewerben, und eine Frau denkt länger darüber nach, ob sie in dem Beruf bestehen kann. Die Erfahrung zeigt jedenfalls, dass sich diejenigen Frauen, die sich bewerben, genauso gut schlagen wie die Männer.

Einen Velokurier stellt man sich entweder als netten, wilden Kerl vor, oder aber als Strassenrowdy. Welches Image stimmt eher?
Ich würde natürlich dem ersten zustimmen und denke auch, dass man uns eher so wahrnimmt. Es ist schon lustig, dass in viele Berufsbilder etwas hineininterpretiert wird. Der Kaminfeger bringt zum Beispiel Glück. Weiss der Teufel wieso, aber alle wissen es. Beim Velokurier reicht das Bild vom wilden Kerl über den Outlaw bis zum Freigeist. Natürlich spielen wir auch damit und benutzen es als Verkaufsargument. Eine Werbefirma kauft sich ein Stück von diesem Image ein, wenn sie eine Sendung mit dem Velokurier bringen lässt. Interessant ist doch: Es kommt überhaupt nicht darauf an, wie man wirklich ist. Jeder kann ein Trikot von uns anziehen und steht sofort für das Image.

«Ab und an grüsst uns ein Velopolizist, wenn wir uns kreuzen. Ganz in alter Radsportmanier.»

Also keine Strassenrowdys. Wie viele Strafzettel kassieren Ihre Mitarbeitenden im Schnitt?
Über alle gerechnet sind es keine fünf pro Jahr. Man verdient sowieso schon wenig und Bussen muss man selber bezahlen. Wirkliche Strassenrowdys sind bei uns völlig fehl am Platz. Denn ein guter Kurier kommt im Verkehr sehr zügig voran, ohne aufzufallen.

Trotzdem: Velokuriere arbeiten unter Zeitdruck und halten sich wahrscheinlich nicht immer an alle Verkehrsregeln. Wie ist Ihr Verhältnis zur Stadtpolizei?
Das Verhältnis ist keineswegs angespannt. Eigentlich ist es nicht anders, als wenn ich privat unterwegs bin. Wenn ich an einer Patrouille vorbeifahre habe ich nicht das Gefühl, dass ich zwei Paar Adleraugen im Nacken habe, die mich verfolgen, bis ich aus dem Blickfeld bin. Im Gegenteil: Ab und an grüsst uns ein Velopolizist, wenn wir uns kreuzen. Ganz in alter Radsportmanier (lacht).

Nun strampeln schon seit einem Vierteljahrhundert Velokuriere durch die Stadt. Wie feiern Sie den Geburtstag?
Wir beschenken uns mit der 24. Schweizer Velokuriermeisterschaft, die wir im Herbst durchführen werden. Das Hauptrennen ist dem Tagesgeschäft nachempfunden. Dafür richten wir eine abgesperrte Strecke ein, die vom Lagerplatz und Katharina-Sulzer-Platz bis hinters Kesselhaus reicht. Der Rennkurs ist wie eine kleine, fiktive Stadt designt. Entlang den Strassen, die nur in eine Richtung befahren werden dürfen, liegen 12 Posten, die Kunden darstellen. Die Kunst dabei ist es, die Aufträge so zusammenzulegen, dass man möglichst wenig Weg zurücklegt.

«»Wir haben sicher viel Energie fürs Feiern, wenn es etwas zu feiern gibt.»

Was passiert rund um das Hauptrennen?
Die Meisterschaft besteht aus verschiedenen Teilen. Am Freitagabend beginnt sie in St. Gallen mit einem 500-Meter-Sprint auf einem fix installierten Velo, dessen Hinterrad auf einer Rolle läuft. Am Samstag fährt man in der Gruppe nach Winterthur und am Abend gibt es hier einen Bergsprint vom Minigolf Breite bis auf den Eschenberg. Danach feiern wir an einer öffentlichen Party im Kraftfeld. Erst am Sonntag findet das Hauptrennen statt. Viele nehmen das aber nicht bierernst, sondern fahren vor allem für den Spass.

Und wie gehen Ihre Fahrerinnen und Fahrer an die Sache ran?
Ich hoffe vor allem, dass nicht alle mit Helfereinsätzen absorbiert sind. Unser Motto ist: Alles geben und schauen, wie weit es reicht. Da die Party vorher ist, kommen viele mit sehr wenig Schlaf an den Start. Trotzdem fahren sie dann eine gute Zeit.

In der Nacht feiern, wenig schlafen, und dann zur Arbeit. Das entspricht wahrscheinlich ja dem Alltag der Velokuriere.
Jein. Es ist doch wie in vielen anderen Jobs. Da geht auch nicht jeder um sieben Uhr abends ins Bett. Aber wir haben sicher viel Energie fürs Feiern, wenn es etwas zu feiern gibt.

Erstellt: 24.08.2017, 14:48 Uhr

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