Winterthur

Der Überzeugungstäter

Flüchtlingswelle, Kesb-Debatte, radikalisierte Jugendliche: Das Sozialdepartement hatte unter Nicolas Galladé (SP) einige der heissesten Eisen der letzten Legislatur. Der Chef behielt einen kühlen Kopf.

Optimist auch in schwierigen Zeiten: Nicht nur als FCW-Fan, sondern auch als Sozialvorsteher musste Nicolas Galladé (SP) einige Stürme überstehen. Seinen spitzbübischen Humor verlor er dabei nie.

Optimist auch in schwierigen Zeiten: Nicht nur als FCW-Fan, sondern auch als Sozialvorsteher musste Nicolas Galladé (SP) einige Stürme überstehen. Seinen spitzbübischen Humor verlor er dabei nie. Bild: Nathalie Guinand

So tritt er auf: Nicolas Galladé hängt auch mit 42 Jahren noch etwas Bubenhaftes an. Dabei ist der SP-Sozialvorsteher ein absoluter Polit-Routinier. Seit acht Jahren ist er Stadtrat, Sozialdemokrat ist er seit 25 Jahren.

Zusammen mit seiner Schwester, der heutigen SP-Nationalrätin Chantal Galladé, hat er schon Jugendpolitik gemacht, bevor er abstimmen durfte, in jenen Aufbruchsjahren, wo im verschlafenen Winterthur neue Kulturorte wie Gaswerk, Salzhaus und Kraftfeld gegründet wurden.

«Ich kommuniziere nur nach aussen, wenn ich etwas zu sagen habe»lautet das Motto von Nicolas Galladé

Ins Feuer reden kann er sich immer noch und ein politischer Überzeugungstäter ist er geblieben. So wie er dem FCW als Fan in der «Bierkurve» treu geblieben ist. Doch längst beherrscht Galladé auch den Verwaltungsjargon. Das zeichnet ihn aus: Nicolas Galladé kann mit allen und jedem reden. Und meist hat er als Schnellredner und -denker den höheren Wortanteil. Diese Gabe setzt Galladé auch gerne strategisch ein: Unbequeme Tatsachen werden in einem rhetorischen Feuerwerk versteckt, Kritik gleitet an ihm ab wie an Teflon.

Damit kann er punkten: Galladé kann nicht nur gut reden, er kann auch gut schweigen. «Ich kommuniziere nur, wenn ich etwas zu sagen habe», ist sein Motto. Das kam ihm in der vergangenen Legislatur zugute, denn einige der heikelsten Dossiers gingen über seinen Tisch: Im Fall Flaach, wo eine Mutter ihre Kinder tötete und ein Shitstorm über die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) hereinbrach, behielt Galladé einen kühlen Kopf und tat, was er konnte: Er stellte sich vor seine Leute und erklärte die Rolle der Behörde, ohne Details zum Fall zu kommentieren.

Auch die Flüchtlingswelle 2015, die auch die Stadt Winterthur betraf, händelte er geschickt und unbürokratisch. Ein Schulhauskeller, ein Busdepot und eine Kirche wurden zur Unterkunft umgebaut, ohne dass es einen Aufschrei gab. Dafür erhielt die Stadt sogar einen Kommunikationspreis.

Der Kritik an den steigenden Sozialkosten nahm Galladé vorerst den Wind aus den Segeln, in dem er Expertenstudien in Auftrag gab. Mit ihrer Hilfe überzeugte er den Stadtrat und das Parlament von seinem Kurs: In der jüngsten Budgetdebatte wurden 17,5 zusätzliche Stellen beim Sozialamt bewilligt. Die Hoffnung: Durch bessere Betreuung der Bezüger sinken die Kosten.

Damit eckte er an: Von bürgerlicher Seite wird seit Jahren versucht, dem SP-Mann die steigenden Kosten der sozialen Sicherung persönlich anzulasten – ohne nachhaltigen Erfolg.

Schon eher verfängt die Kritik, dass die Reorganisation des Altersbereichs sich endlos hinzieht. Schon Anfang 2013 diagnostizierte ein externer Gutachter Mängel an der Führungsstruktur der Alterszentren. Erst 2016, drei Jahre später, und nach weiteren Abgängen im Kader präsentierte Galladé eine «Reform der Reform».

Ruhe ist im Altersbereich allerdings immer noch nicht eingekehrt: Markus Wittwer ist die vierte Person an der Spitze seit vier Jahren. Von den fünf eingesetzten Standortleiterinnen sind zwei bereits wieder weg und die Stelle ihres direkten Vorgesetzten wird, nach dessen Kündigung im Juni nicht mehr neu besetzt.

Das muss man wissen: Bevor er Stadtrat wurde, war Nicolas Galladé unter anderem Privatkundenberater einer Bank, Sportredaktor und Kampagnenleiter der SP Schweiz. Er hat eine abgeschlossene KV-Lehre und ein nicht abgeschlossenes Geschichts-Studium. Er ist privat in unzähligen Vereinen und Genossenschaften aktiv - seine Homepage listet 33 Organisationen.

Politisch ist sein Netzwerk genauso weit weit verzweigt. Dies einerseits aus seiner Zeit als Kantonsrat und seinen acht Jahren als in der Geschäftsleitung der kantonalen SP, andererseits vertritt Galladé die Stadt Winterthur in diversen Fachgruppen zu Sozial- und Asylfragen. Galladé ist ledig und hat keine leiblichen Kinder.

«Von allen Stadträten versucht er am klarsten, seine politischen Ideen zu verwirklichen.»Simon Büchi, Gemeinderat (SVP)

Das sagt er über sich selbst: Galladé verfügt über einen der eingespieltesten Mitarbeiterstäbe der Stadtverwaltung. Das erlaubt ihm, in «heissen Phasen» Schwerpunkte zu setzen, sagt er. «Ich versuche da zu sein, wenn es mich braucht und die Leute in Ruhe arbeiten zu lassen, wenn es mich nicht braucht.»

Galladé sieht sich nach acht Jahren im Sozialdepartement nach wie vor am richtigen Ort. Ist er ein linker Gutmensch? Galladé lässt sich nicht provozieren: «Ich glaube, das Problem ist nicht, dass es zu viele gute Menschen gibt, sondern zu viele schlechte, die andere ausnutzen.» Diesen müsse man beikommen, aber ohne die Prinzipien des Rechtsstaats über Bord zu werfen.

Generell plädiert Galladé für weniger Aufgeregtheit und Skandalisierung. Die Radikalisierungsthematik, die auch Winterthur erschütterte, erinnere ihn zuweilen an die Drogen-Debatte anfangs der Neunzigerjahre. Letztlich habe die Gesellschaft einen Umgang mit dem Problem gefunden, nicht durch Repression, sondern durch Hilfsangebote und Prävention. Die städtische Anlaufstelle Extremismus und Gewaltprävention sei ein solches Angebot.

Das sagen die anderen: «Von allen Stadträten ist er derjenige, der am klarsten versucht, politische Ideen konkret zu verwirklichen», findet SVP-Präsident Simon Büchi, nicht ohne Anerkennung. «Diese Ideen widerstreben mir zwar oft, doch er schafft es, sie überzeugend und fundiert darzulegen.» Was Büchi kritisiert ist, dass Galladé die Tragweite von grossen Problemen im Sozialbereich verkenne oder kleinrede. «Die Explosion der Sozialkosten und die Probleme im Asylbereich werden mit dem Hinweis auf kantonale Vorgaben weggewischt, oder es heisst, dass die Kosten ja bald wieder sinken.»

Barbara Huizinga-Kauer (EVP), die Galladé aus der Sozialkommission kennt, lobt ihn als «sehr dossierfest»: «Er weiss aus dem Stehgreif zu fast jeder Frage eine Antwort, inklusive Jahreszahl und Studie.» Generell sei er ein Mensch mit einem sehr weiten Horizont, der an den Menschen interessiert sei. «Sein Herz schlägt für seine Arbeit im Sozialdepartement und verteidigt es mit grossem Engagement.»

Das bleibt in Erinnerung: Nicolas Galladé ist nicht nur passiver Sportfan (des FCW), sondern joggt auch gerne. Im Jahr 2015 lief er einen Marathon. Seither verwendet er, wie viele Chefs, gerne Läufermetaphern. Im Sozialbereich sieht er, wenig überraschend, viele Marathons und wenige Sprints.

Videoserie Wahlen 2018

Peinlichkeiten? Obergrenze? Sparen? Zähneputzen? – In einer Video-Serie testen wir die Schlagfertigkeit der Stadtrats-Kandidaten in zwei Minuten. Heute: Nicolas Galladé. Video: mig/huy
(Der Landbote)

Erstellt: 07.01.2018, 15:16 Uhr

Wahlen vom 4.3.2018

Der «Landbote» stellt in den nächsten Wochen alle Kandidierenden für die Stadtratswahlen vom 4. März mit Porträts und Videos vor.

Heute: Nicolas Galladé (SP).

Smart-Spider-Profil

Klar links

Nicolas Galladé zeigt ein klar linkes Profil. Er ist für mehr sozialen Wohnungsbau, für einen allgemeinen Mindestlohn, für einen Vaterschaftsurlaub, die Legalisierung von Cannabis, das Adoptionsrecht für gleichgeschlecht­liche Paare und für mehr Geld für Integrationsangebote.

Mehr Polizisten oder härteren Strafen für Vandalismus steht er dagegen skeptisch gegenüber. Er findet die Hürden im Einbürgerungsprozess hoch genug. In Winterthur befürwortet er eine autofreie Stadthausstrasse, ist gegen mehr Parkplätze fürs Gewerbe und für mehr Verdichtung durch Hochhäuser.

«Eher ja» sagt er zu einem zweiten Hallenbad und zu Schulweghilfen. Als Spitalrat stimmte Galladé, anders als die SP, für die KSW AG.

Seine «Law-and-Order»-Punkte holte er bei der Extremismus­bekämpfung: Hier wünscht er sich mehr Mittel, nicht nur gegen den Islamismus.

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