Erziehung

Der «Ufzgi»-Knatsch muss nicht sein

In der Schule gilt ein Tempo und viel Stoff für alle Kinder. Zu Hause aber sollten die Eltern auf die Eigenheiten ihres Kindes eingehen. Ein Interview mit Lerncoach Phil Theurillat.

<b>Die Lehrerin oder der Lehrer kann nicht vertieft aufs einzelne Kind eingehen</b> – die Eltern aber schon. Fühlt sich das Kind eingebunden und ernst genommen, dann gibts keinen Streit rund um die Hausaufgaben.

Die Lehrerin oder der Lehrer kann nicht vertieft aufs einzelne Kind eingehen – die Eltern aber schon. Fühlt sich das Kind eingebunden und ernst genommen, dann gibts keinen Streit rund um die Hausaufgaben. Bild: Shotshop

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie bieten am Elternbildungstag einen Workshop zum ­Thema «Ständig dieser Hausaufgaben-Knatsch» an. Man könnte meinen, die «Ufzgi» seien eine kleine Nebensache. Phil Theurillat: Hausaufgaben sind eindeutig keine Nebensache. Jede Mutter erlebt phasenweise diesen Hausaufgaben-Knatsch. Bei den einen sind diese Phasen kurz, bei anderen Kindern ziehen sie sich über Jahre hin.

War­um kommt es in den ­Familien oft zum Streit wegen der Hausaufgaben?
Die Ursachen sind vielfältig. Die eigene Biografie der Eltern kann eine Rolle spielen. Wenn die Mutter zum Beispiel schlecht war in der Schule und keine gute Ausbildung machen konnte, dann ist ihr wichtig, dass es der Tochter nicht gleich ergeht. Da fliesst viel rein an Erwartungen. Im Sinn von: Wenn du wüsstest, was du alles verpasst, wenn du dich jetzt nicht anstrengst ... Oft stellen die Eltern Ansprüche, die das Kind gar nicht erfüllen kann. Dieser Konflikt entzündet sich dann an den Hausaufgaben.

Abgesehen von den Erwartungen der Eltern – wieso macht das Kind die Aufgaben nicht einfach?
Vielleicht ist es frustriert, weil es einen Berg vor sich sieht und nicht weiss, wie es zum Ziel kommt. Möglich ist auch ein aufgestauter Frust, weil das Kind viele Misserfolge erlebt hat. Das ist bei uns auch so: Wenn wir am Arbeitsplatz nie ein Lob und keine Bestätigung bekommen, dann geht die Motivationskurve abwärts. Zudem sind Kinder schon recht früh gekonnte Aufschieber oder lassen sich leicht ablenken.

Wie stark sollen sich die Eltern überhaupt in die Hausaufgaben ihrer Kinder einmischen? Ist das nicht eine Sache zwischen Schüler und Lehrer?
In der Schule gilt für alle Schüler das gleiche Tempo und es gibt die gleiche Menge an Stoff und Aufgaben. Die Lehrkraft kann bei 25 Schülern nicht vertieft aufs einzelne Kind eingehen. Doch kein Kind lernt gleich. Ich finde, die Eltern sollten sich insofern einmischen, als dass sie ihrem Kind Erfolge ermöglichen. Indem sie ihm zum Beispiel helfen, den Stoff zu strukturieren. Wenn die Ansprüche zu hoch sind, muss man die Hürde runtersetzen, damit Erfolge erlebt werden können.

Die Prüfungen muss das Kind aber dann doch wieder in der Schule machen.
Klar, aber die Eltern können den Fokus auf die Anstrengung legen und nicht auf die Note. Der Lehrer sieht kaum dahinter, wie stark sich ein Kind anstrengen muss, um eine 4 zu bekommen. Die Auffassungsgabe und die Speicherkapazität ist von Kind zu Kind verschieden. Die einen sind langsamer als andere, können sich vielleicht schlechter kon­zen­trie­ren und weniger Stoff aufs Mal aufnehmen. Dem sollten die Eltern Rechnung tragen. Statt «Jetzt konzentrier dich endlich, das ist doch keine Sache» sollten sie besser sagen: «Das ist schwierig für dich, gell. Was kannst du denn schon gut? Womit hast du Mühe? Komm, das zerlegen wir ein bisschen.» Dieses Umfeld zu schaffen, ist die Aufgabe der Eltern.

Müssen Eltern auch die Verantwortung dafür übernehmen, dass das Kind die Aufgaben macht?
Bis zu einem gewissen Grad. Wenn man schon tausendmal vergeblich dar­um gebeten hat, dass das Kind das Aufgabenheft nach Hause bringt, dann müsste man mal mit der Lehrkraft sprechen. Ist das Heft zu Hause, stehen wir vor der zweiten Hürde. Ein Eintrag im Heft genügt nicht, man muss sich hinsetzen und die Aufgaben machen. Viele Kinder haben volle Stundenpläne mit Schule, Klavierstunde, Turnverein oder Lern­coaching. Es ist nicht so einfach.

Aber Sie wissen, wie man das Problem löst.
Hausaufgaben sollten im Wochenplan zu Hause ein regelmässiges Zeitfenster erhalten. Zudem ist es wichtig, die sogenannte Schrottzeit zu vermeiden. Schrottzeit ist eine Überlappung von Lernzeit und Freizeit. Es kann nicht sein, dass ein Bub ­während des Fussballtrainings im Kopf Franzwörtchen repetiert. Genauso falsch ist es, während des Lernens an die Freizeit zu denken, indem zum Beispiel das Handy neben dem Kind liegt und es auf jede Nachricht reagiert. In meinen Beratungen treffe ich mit fast allen Buben eine Vereinbarung: Gib dein Handy unaufgefordert der Mutter, bevor du mit den Hausaufgaben beginnst. Das Handy ist vor allem für Jungs eine grosse Ablenkungsquelle.

Sollten die Eltern kontrollieren, ob das Kind die Aufgaben ­gemacht hat?
Für das Kind ist es unangenehm, wenn die Mutter kommt, um zu kontrollieren. Aber es fühlt sich gut an, wenn sie kommt und sagt «Wow, du bist aber weit gekommen in dieser Viertelstunde» – und sie kann dennoch kontrollieren, was in dieser Zeit gegangen ist. Es geht um eine andere Haltung dem Kind gegenüber.

Was können die Eltern tun, wenn das Kind die Aufgaben partout nicht macht?
Es gibt kein Patentrezept. Aber wenn das Kind keine Hausaufgaben macht, muss man ja nicht gleich auf 100 gehen. Man kann das Kind fragen: Hast du eine Idee, was wir machen können, ­damit du die Aufgaben machst? Vielleicht findet man einen besseren Zeitpunkt oder Ort dafür. Abends statt mittags, am Küchentisch bei der Mutter statt im Kinderzimmer alleine. Ich liebe es, Experimente zu machen: einen Monat lang ausprobieren und dann schauen, was sich bewährt hat. Das Kind fühlt sich so eingebunden und ernst genommen.

Sie geben den Eltern recht viel Verantwortung. Muss ein Kind nicht selber dafür gerade­stehen, wenn es die Aufgaben nicht gemacht hat und der ­Lehrer schimpft?
Natürlich, man darf ein Kind auch mal reinlaufen lassen.

Gibt es ein bestimmtes Alter, in dem Hausaufgaben ­besonders verhasst sind?
Es kann einen Erstklässler genauso betreffen wie einen Ober­stufen- oder Berufsschüler. Den 10-Jährigen lenkt vielleicht die Lego-Loki ab, den Jugendlichen das Handy.

Die Auswirkungen sind die gleichen?
Ja. Die Kinder oder Jugendlichen machen die Aufgaben nicht und haben deshalb schlechte Noten. Kein Erfolg führt zu Frust, Frust führt zu Demotivation. Und dann haben wir den Salat. Wir kommen alle mit Grundbedürfnissen auf die Welt. Wir wollen Wärme, wir wollen Liebe, wir wollen kompetent sein, wir wollen uns nicht blamieren. Wenn jemand die ganze Zeit aufs Dach bekommt und nie seine Kompetenzen zeigen kann, nie gute Noten hat, der wird verständlicherweise frustriert.

Was macht man, wenn das Kind in eine Null-Bock-Stimmung geraten ist?
Man muss herausfinden, was es gut kann. Jeder Mensch kann irgendetwas gut. Wenn die Frustration sehr gross ist, muss man sich halt ein ganz kleines Ziel setzen.

Was zum Beispiel?
Wenn es ein Jugendlicher schafft, seiner Mutter unaufgefordert das Handy zu bringen, bevor er an die Aufgaben sitzt, dann muss man das feiern, dann erzählt man das am Abend der ganzen Familie und trinkt zusammen eine Flasche Rimuss! Für uns ist das läppisch, aber ihn macht es stolz, etwas erreicht zu haben. Langsam kann man dann die Hürde raufsetzen. Das Wichtigste ist auch hier, dass man dem Kind oder Jugendlichen Erfolgserlebnisse ermöglicht.

Wenn Hausaufgaben so viel Knatsch verursachen – wieso schafft man sie nicht einfach ab?
Wenn ich das entscheiden dürfte, würde ich sie tatsächlich abschaffen. Oft setzt die Lehrkraft die Aufgaben dafür ein, neues Wissen zu lernen. Das finde ich falsch. Hausaufgaben sollten meiner Meinung nach dazu da sein, etwas fertig zu machen, wozu es in der Schulstunde nicht gereicht hat. Oder dazu, dass jemand, der mit der Menge und dem Tempo Mühe hatte, den Stoff zu Hause repetieren kann.

Sie sind dagegen, dass man zu Hause Französischwörtchen lernt?
Ich finde, das kann man in den Unterricht einbinden. Es bringt nicht viel, wenn ein Aufschieber am Tag vor der Prüfung dreissig Wörter reinpaukt. Für jene, die Lernschwierigkeiten haben – und von denen gibt es viele –, für die sind solche Hausaufgaben eine Belastung und bringen wenig Erfolg.

«Sich selber etwas aneignen» ist eine Kompetenz, die man fürs Leben braucht.
Ja, aber die lernt man nicht im Rahmen von Hausaufgaben. Diese Kompetenz vermittelt man dem Kind, indem man ihm Raum lässt, seine Neugierde zu befriedigen und Interesse zu entwickeln. (Landbote)

Erstellt: 20.02.2016, 09:58 Uhr

Infobox

Anregungen für den Erziehungsalltag

Das Hauptreferat am kanto­nalen Elternbildungstag am 12. März hält die Pädagogin Cornelia Kazis zum Thema «Vom Wert der Werte – oder worauf es in der Erziehung eigentlich ankommt». Danach können interessierte Eltern an einem von sieben Workshops teilnehmen. Die Palette reicht vom oben beschriebenen Thema über «Jugendliche in der Pubertät verstehen und begleiten» bis zu «Was kleine Kinder stark macht». Der Anlass wird von der Geschäftsstelle Elternbildung des Amtes für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich durchgeführt. Er findet – an einem neuen Ort – in Winterthur statt. Anmeldeschluss ist am 27. Februar.

Infobox

Elternbildungstag

Samstag, 12. März, 8.30 bis 12.30 Uhr, Areal der Firma Rieter, JJ’s Restaurant, Klosterstrasse 40, Winterthur. Teilnahmegebühr: 50 Fr. pro Person, 90 Fr. pro Paar. Informationen und Anmeldung über www.elternbildung.zh.ch/elternbildungstag.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!