Unterwelt

Der vergrabene Stadtfluss

Winterthur, die Eulachstadt? Ein eher unpassendes Bild. Denn seit über hundert Jahren wird das Stadtflüsschen unter den Boden verbannt. Ein Besuch in der Unterwelt bei einer verflossenen Liebe.

Das Licht am Ende des Tunnels erscheint nach über 700 Metern vollständiger Dunkelheit auf Höhe des Sulzerhochhauses.

Das Licht am Ende des Tunnels erscheint nach über 700 Metern vollständiger Dunkelheit auf Höhe des Sulzerhochhauses. Bild: Enzo Lopardo

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Wer in einem Satz nicht zweimal «Winterthur» schreiben will, landet rasch beim Wort «Eulachstadt». Auf der «Landbote»-Redaktion gilt das Wort als verpönt. Denn das Flüsschen ist im Winterthurer Stadtbild quasi nicht präsent.

Wenn sich die Winterthurer überhaupt mit einem Fliessgewässer identifizieren, dann doch eher mit der Töss. Dort kann man plantschen und grillieren.

20 PS sind nicht genug

Abgesehen von einem kurzen Abschnitt in Neuhegi ist die Eulach ein Mauerblümchen, ein Kellerkind. Das war nicht immer so. Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert war sie die Lebensader für das aufblühende Gewerbe rund um die Mauern des Städtchens.

Der Niedergang der Eulach kam schleichend. 

Dazu zählten Mühlen, Sägereien, Schleifen, Fräsereien, Drehereien, Papiermühlen, Knochenstampfen, Walken, Hanf- und Zigerreiben und später kleine Turbinenanlagen. Ausserdem Gerbereien, Bleichen, Färbereien und Wäschereien. Kaiser Sigismund hatte dem Städtchen Winterthur bereits 1433 urkundlich die Nutzung der Eulach zugesagt, sehr zum Missfallen der Nonnnen im Kloster Töss.

Der Niedergang der Eulach kam schleichend. Wie Stadtführer Jürg Hablützel auf der «Eulachführung» von Winterthur Tourismus vorrechnet, brachte das Flüsschen, sehr grosszügig gerechnet, eine Leistung von 20 PS auf die Wasserräder. Als die Gebrüder Sulzer 1839 eine grosse Giesserei bauten, liessen sie die Eulach links liegen und bauten auf die grüne Wiese.

Die Dampfmaschine hatte die Wasserkraft abgelöst. Spätestens 1871, als Winterthur fliessend Wasser und eine Kanalisation erhielt, war auch der Stadtbach nutzlos geworden, ein Abzweiger der Eulach, mit dem vorher zweimal pro Woche der gröbste Unrat aus den Gassen geschwemmt wurde.

700 Meter Dunkelheit

Die Eulach hatte ihre Schuldigkeit getan und war in einer wachsenden Stadt nur noch im Weg. Ab 1912 war sie definitiv in die Unterwelt verbannt. Hatte sich bis dahin neben dem Untertor noch der Neumühleweiher gestaut und in mehreren Stufen in den Raum der heutigen Zürcherstrassen-Unterführung ergossen, entstanden hier nun die Technikumstrasse (über dem alten Flussbett) und der Archplatz.

Der Besuch beim verbannten Wasser führt über eine kiesige Treppe im Technikumareal hinab in die Kanalsohle. Der wohl unromantischste Wasserfall der Stadt markiert den Eingang zu einem 700 Meter langen Tunnel.

Da fliesst sie, wadentief und gelangweilt in ihrem geometrischen Bett. 400 Liter pro Minute fliessen durch, 80 000 hätten in dem vier Meter hohen Schlauch Platz. Erreicht wurde dieser Wert nie.

Es ist ein Ort für urbane  Höhlenforscher und Nachtbuben, wo die Stadt verstummt.

Nach wenigen Metern ist es stockdunkel. Im Innern herrscht ein feuchter Geruch nach Kanal. Im Schein der Taschenlampe tauchen vereinzelte Graffiti auf, wie gespenstische Höhlenmalereien. Abwasserrohre münden seitlich, manche haben eine Gittertür. Immer geradeaus geht es, zweimal gilt es eine hüfthohe Stufe herunterzuklettern. Kleine Tafeln an der Wand zeigen Meterzahlen: Es ist ein Countdown, an dessen Ende das Sulzerhochhaus wartet.

Es ist ein Ort für urbane Höhlenforscher und Nachtbuben, wo die Stadt verstummt und nur das ewige Murmeln der gezähmten Eulach zu hören ist, die bei Gewittern einst zum Wildbach wurde.

Das 400 Millionen-Szenario

Hier sollen 2004 die Besetzer des damals leer stehenden Sulzer-Hochhauses vorgedrungen sein, vermummt und unerkannt von der Polizei. Der rund ein Meter breite Pflasterstreifen im Kanal endet mehrere Meter vor der Mündung. Ab hier muss man klettern.

Damit Winterthur wieder Eulachstadt wird, bräuchte es schon ein Jahrhunderthochwasser. Auf 400 Millionen Franken wurden die Schäden geschätzt. Doch selbst als Schreckgespenst taugt das verdrängte Gewässer nicht mehr, seit der Fertigstellung des Rückhaltebeckens Hegmatten. Nur eines könnte die Eulach in Hegi noch erreichen: Winterthur für wenige Stunden doch noch einen See zu schenken.

(Der Landbote)

Erstellt: 02.08.2017, 18:07 Uhr

Sommerserie

Keller, Stollen, Geheimgänge: Für die Sommerserie «Underground» geht die Stadtredaktion unter Tage und erkundet die Orte in Winterthur, die unter der Oberfläche liegen. Von oben unsichtbar, wird hier die Stadt versorgt, genährt, entwässert, Kultur gemacht, und Schätze für die Nachwelt werden aufbewahrt.

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