Comedy

«Der Viktor ist eine zutiefst schwierige Person»

Diese Woche ist Viktor Giacobbo und Mike Müllers neues Stück «Giacobbo/Müller in Therapie» angelaufen. Sie seien «zwei Schwierige», sagt Müller.

Mike Müller und Viktor Giacobbo verarbeiten in ihrem neusten Theaterstück ihren Rückzug vom Schweizer Fernsehen.

Mike Müller und Viktor Giacobbo verarbeiten in ihrem neusten Theaterstück ihren Rückzug vom Schweizer Fernsehen. Bild: Michael Trost

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In ihrem neuen Stück im Casinotheater machen Sie mit Viktor Giacobbo eine Therapie – ist das jetzt «based on a true story», wie man so schön sagt?
Mike Müller: (lacht) Nein, das ist natürlich eine Theaterbehauptung. Im Theater muss man ja immer etwas problematisieren, um etwas daraus zu machen, und unsere Behauptung ist, dass wir mit dem Ende der Sendung nicht gut umgehen konnten und das jetzt angehen, nachdem wir es neun Jahre lang versaut haben.

Aber es gab doch bestimmt Unstimmigkeiten, so lange wie sie zusammengearbeitet haben.
Im Stück geht es nicht primär um Unstimmigkeiten. Obwohl: Es gibt nichts Langweiligeres als ein harmonisches Komikerpaar. Am Theaterabend geht es darum, vom Fernsehen zurück zum Theater zu finden, das sind zwei unglaublich gegensätzliche Welten. Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit, Viktor und ich haben immer auch Programme gemacht auf der Bühne. Aber die Behauptung muss auf der Bühne überleben, nicht im Leben.

«Es gibt nichts Langweiligeres als ein harmonisches Komikerpaar.»

Wer ist von Ihnen beiden eigentlich der Umgänglichere?
Ich, ganz klar. Viktor ist eine zutiefst schwierige Person.

Das würde Viktor Giacobbo genauso sehen?
Nein, genau umgekehrt. An diesem Abend geht es darum, dass wir zwei Schwierige sind.

Wenn Sie einen Aspekt ihrer Beziehung ändern könnten, welcher wäre das?
Dass der Viktor nicht so lange schläft, damit man früher telefonieren könnte.

Der vielleicht interessanteste Moment im Stück ist die Pause – ich sage das ohne Boshaftigkeit.
(lacht) Das war Viktors Idee, Theatergesetze sind nur soweit interessant, als man sie brechen und darüber hinaus gehen kann.

Sie gehen beide nicht von der Bühne ab, obwohl die Tore zum Foyer längst offen sind. Das Publikum ist konsterniert. Geben Sie es zu: Das gefällt Ihnen.
Ja klar. Gewisse Dinge in der Komik kann man ja nicht proben, wir mussten erst einmal sehen, wie das Publikum reagiert, solche Dinge können auch abstürzen. Von uns aus gesehen funktioniert es. Wir schaffen mit Idiotie im griechischen Sinn des Wortes: Wir sind zwei Komiker, die bei sich selber sind und die Realität nicht wahrnehmen.

«Gewisse Dinge in der Komik kann man nicht proben, wir mussten erst einmal sehen, wie das Publikum reagiert»

Die Situation im Theater nimmt im Stück viel Raum ein. Es gibt auch eine Publikumsbeschimpfung. Wollen Sie etwas mit dieser intellektuellen Klammer sagen. Eine Revue von Fredy Hinz und Co. wäre sicher populärer gewesen.
Ja – ganz am Anfang wollten wir viele Elemente der Sendung übernehmen. Wir merkten aber schnell, dass wir ein neues Stück schreiben müssen. In diesem Zusammenhang unsere Figuren abfeiern, das funktioniert nicht. Die Publikumsbeschimpfung ist eher von hinten zu denken, für einen Dank an das Publikum, den wir als Element aus dem Boulevardtheater übernehmen. Ernsthaft würden wir das nie machen.

Bei den alten Griechen gab es die Vorstellung der Katharsis, dass die Erfahrung im Theater etwas Reinigendes hat. Sehen Sie sich auch so, als Teil einer Putzkolonne für die allgemeine Psyche?
Das ist ein hoher Anspruch. Ich bin da relativ skeptisch. Wir sehen uns als Unterhaltungskünstler, ich bin nicht auf einer Mission. Ich überlasse dem Zuschauer gerne selber, was er aus dem Stück mitnimmt. Man sollte nicht meinen, man wisse alles, was im Publikum vorgeht. Das kann schnell zu einer arroganten Haltung führen.

Im Fernsehen sind sie beide von der Bühne abgetreten, seither ist dort gefühlt Pause, ein Vakuum. Fehlt in der Schweizer Comedy-Szene der Nachwuchs, oder lässt das SRF die jungen Talente eingehen wie Topfpflanzen?
Der Nachwuchs fehlt sicher nicht. Jeder abtretende Komiker, der das behauptet, ist selbstverliebt. Viktor und ich haben mehrmals gesagt, wen man nachholen sollte. Man hat es einfach verschlafen. Der Pilot mit Michael Elsener, der sicher einer der begabten jüngeren Komiker ist, war sehr vielversprechend. Und ein gebührenfinanzierter Sender braucht einen Komiker, der politische Satire macht.

«Für einen Komiker ist es einfach, wenn man eine autoritäre Führungsfigur hat, die emotional auf stufe eines Achtjahrigen steht, wünschenswert ist das trotzdem nicht.»

Kann man sagen, Comedy lebt auch von ihrem Objekt? Anders gesagt: Die Schweiz hat keinen Donald Trump und die Rundschau durfte schon lange nicht mehr in einer Sitzung von Magdalena Martullo-Blocher drehen.
Das ist eine Grundsatzfrage. Ein Land, wo die Regierung immer auf allen drei Stufen konkordant aufgestellt ist und es keine wirkliche Opposition gibt beziehungsweise sich die grösste Partei als Opposition fühlt – das ist das System, in dem wir sind, das muss die Satire auch so aufnehmen. Es ist einfacher, wenn man eine autoritäre Führungsfigur hat, die emotional auf stufe eines Achtjahrigen steht, wünschenswert ist das trotzdem nicht.

Wenn Donald Trump abgewählt oder des Amtes enthoben wird, braucht die US-Comedy-Szene dann auch eine Therapie?
Das glaube ich nicht, es ist das Geschäft eines Satirikers, jeden Tag etwas Neues zu produzieren, auch wenn Trump mal weg ist, im schlimmsten Fall in sieben Jahren. Natürlich hat sich die Comedy auf Trump gestürzt, aber das macht es auch schwierig. Über ein Jahr nach der Amtseinführung sind schon dermassen viele Sketche über Trump gemacht. Da wird es schwierig für Satiriker, das läuft sich auch zu Tode.

Zum Schluss die Gretchenfrage: Typisch für Rücktritte im Fernsehen ist ihre geringe Halbwertszeit. Richtig?
Ich glaube nicht. Wir sagten, wir hören mit dieser Sendung auf, der Bestatter ist aber weiter gelaufen. Wir trennten uns auch nicht im Streit vom Fernsehen, wir haben nach wie vor einen guten Kontakt. Wir hatten einfach Lust, anderes Zeugs zu machen. Klar war aber auch, dass Viktor und ich weiter zusammenarbeiten, einfach nicht am Fernsehen. Wir sind aber nicht die sauberen Karriereplaner, ich denke, das ist in dieser Branche auch schwierig. Man muss einfach Gelegenheiten am Schopf packen.

(Der Landbote)

Erstellt: 06.04.2018, 16:16 Uhr

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