Klassik

Der Weg zurück ins (Musik-)Leben

Wie gewohnt findet Anfang August die Kyburgiade statt, zum 26. Mal. Und doch ist für Stephan Goerner, den künstlerischen Leiter des Kammermusikfestivals, alles anders. Seine Geschichte ist heftig.

Stephan Goerner ist der Leiter der Kyburgiade.

Stephan Goerner ist der Leiter der Kyburgiade. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie geht es Ihnen? Mit dieser Frage sollte ein Interviewer eigentlich nicht beginnen, aber in Ihrem Fall . . .
Stephan Goerner: Es geht zum Glück langsam, aber stetig aufwärts, kann ich sagen. Im Sommer vor einem Jahr erlitt ich einen Hirnschlag, der mich vollkommen aus der Bahn geworfen hat. Ich war gelähmt, an Musikmachen war nicht mehr zu denken, zuerst kaum noch ans Leben überhaupt. Meine Konzerte als Cellist des Carmina-Quartetts, meine Unterrichtstätigkeit, mein Engagement als Festivalleiter – all das war von einem Tag auf den anderen blockiert, und es ging nur noch ums Überleben.

Wie war es für Sie, als Ihnen Ihre Situation bewusst wurde?
Als ich aus dem künstlichen Koma geholt wurde und mir meine Lage klar wurde – ich war ja mental vollkommen unversehrt –, war das schon ein gewaltiger Schock. Trost und Mut gaben mir meine sich aufopfernde Frau und die Kinder, und bald war da auch der Wille, alles zurückzuholen, was mir dieser Schicksalsschlag genommen hat. Jetzt arbeite ich intensiv und spüre zum Glück, dass ich Fortschritte mache. Ich kann wieder auf eigenen Beinen stehen, aber der Weg zurück ist anstrengend, und wie weit er ist, weiss ich nicht.

Aber Sie haben ein Ziel vorAugen, nehme ich an. Was heisst zurück?
Was ich unglaublich vermisse, ist zunächst das Elementarste, das Instrument, das ein Körperteil von mir ist, sein Klang, die Sinnlichkeit, die Wärme und Seele des Cellos. Ich spiele und höre ganz systematisch Opus für Opus in meinem Kopf, die Suiten von Bach und die Quartette von Beethoven, aber natürlich ist Musizieren etwas Physisches. Das in seiner ganzen Intensität wieder zu erlangen, ist das Ziel, an dem ich arbeite. Das Carmina-Quartett, das inzwischen mit der hoch begabten Tochter des Primarius, Chiara Enderle, weitermacht, wartet auf meine Rückkehr. Und ich hoffe natürlich, dass meine Quartettfreunde nicht allzu lange warten müssen.

Als Sie von dieser, man muss ja sagen gemeinen Attacke heimgesucht wurden, stand das Kyburgiade-Festival 2016 unmittelbar bevor und das Publikum merkte nichts davon, dass der künstlerische Leiter statt durch musikalische Hochstimmungen durch die Hölle ging.
Ja, es war auch wichtig, dem Publikum die Freude nicht zu trüben. Natürlich waren die Vorbereitungen schon weit gediehen, aber ich war noch am Tag, als es passierte, mit Interviews und organisatorischen Dingen voll beschäftigt. Dass alles dann gut über die Bühne ging, war dem über die vielen Jahre eingespielten Team, meiner Frau Kathrin vor allem, der Familie und Freunden und Helfern zu verdanken. Auch für die in zwei Monaten angesagte 26. Ausgabe des Festivals, für das künstlerisch Matthias Enderle und Wendy Champney vom Carmina-Quartett verantwortlich zeichnen, kann die Kyburgiade von ihrer reichen Erfahrung profitieren.

Sie sind somit von den ja auch aufreibenden organisatorischen Aufgaben zum Glück entlastet, oder vermissen Sie den Stress?
Die Festivals, neben der Kybur­giade ja auch die Lenzburgiade, sind für mich ein Betätigungsfeld, in dem sich vieles verbindet: Das Bedürfnis, musikalisch zu wirken, Musik mit einem Publikum zu teilen, Musikerfreundschaften zu pflegen. Nicht zuletzt erfahre ich dadurch auch weitere musikalische Zusammenhänge, als mir mein eigenes Instrument vermittelt. Und zugegeben, auch dass die Festivals zu einem Teil meines Einkommens gehören, ist eine Tatsache. Das alles ist nun für den Moment infrage gestellt. Aber ich denke, dass ich als Festivalleiter auf dem Instrument der vielfältigen Beziehungen in die Musikwelt über Sparten- und Ländergrenzen schon bald wieder spielen kann und dass das ja so treue Kyburgiade-Publikum wieder mit mir rechnen kann. Und zu Ihrer Frage, ob ich den Stress vermisse: Es kommt nur darauf an, dass die Musik spielt und wie sie spielt. Ich weiss jetzt noch besser, was für ein Glück das ist.

Musikfestival Kyburgiade vom 4. bis 8. August auf der Kyburg. (Der Landbote)

Erstellt: 04.06.2017, 09:39 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Paid Post

Soforthilfe für Smartphones

Ob Displaybruch, defekte Kamera oder Wasserschaden – Wintek Swiss hat meist eine Lösung.

Kommentare

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben