Winterthur

Der Wirbelwind

Blerim Bunjaku ist ein Paradiesvogel in der Winterthurer Politik. Er war schon Mitglied der EVP und der SP. Jetzt tritt er als Parteiloser für den Stadtrat an. Seine Wahl­chancen sind minim, seine Zuversicht ist jedoch ungebrochen.

Er machte Schlagzeilen, als er 2014 als Muslim auf der EVP-Liste kandidierte. Jetzt tritt Blerim Bunjaku für den Stadtrat an.

Er machte Schlagzeilen, als er 2014 als Muslim auf der EVP-Liste kandidierte. Jetzt tritt Blerim Bunjaku für den Stadtrat an. Bild: Madeleine Schoder

So tritt er auf: Bestens gelaunt, freundlich, selbstbewusst, immer gut angezogen und mit einem Haarspitzchen auf dem Kopf, das fast schon ein Markenzeichen ist: Blerim Bunjaku ist genau so, wie man sich einen IT-Unternehmer vorstellt.

Dem Bild eines Politikers entspricht er nicht, er redet auch nicht so im Besprechungszimmer seiner neuen Firma am Bahnhofplatz: Ihm geht es nicht um politische Programme oder Ideologie. Er sieht Probleme und sucht dazu Lösungen. Und Ideen dafür hat er im Dutzend, er lanciert sie im Minutentakt. An die politische Umsetzbarkeit, an Abläufe, die man einhalten, oder Mehrheiten, die man finden müsste, denkt er dabei nicht.

«Wenn ich sehe, dass etwas gemacht werden muss, dann kann ich nicht untätig zusehen»Blerim Bunjaku

Der Konkurs seiner früheren Internet-Firma, der im November bekannt wurde, hat Bunjaku offenbar bereits weggesteckt. Er baut eine neue Firma auf und hat gemäss eigenen Angaben derzeit drei Mitarbeiter.

Bunjaku sagt: «Ich bin nicht der erste und nicht der letzte, der einen Konkurs anmelden musste.» Zunächst überlegte er, deswegen seine Kandidatur zurückzuziehen. Aber nur kurz. Sein Umfeld habe ihn überzeugt, weiterzumachen. «Es braucht mich als Alternative in diesem Wahlkampf.»

Auch auf Social-Media sehr präsent: Blerim Bunjaku macht Wahlkampf auf facebook.

Damit punktete er: Als in Winterthur keiner so recht wusste, wie man mit dem Problem des Islamismus umgehen sollte, ergriff Blerim Bunjaku rasch die Initiative. Während die offiziellen Stellen noch lange hin und her diskutierten, gleiste Bunjaku rasch einige Projekt auf, ohne Mandat, ohne grosse Absprachen.

«In der Schule bin ich gemobbt worden, das hat mich zum Kämpfer gemacht»Blerim Bunjaku

Mit seinem raschen Handeln überrumpelte er viele. Ihm wurde vorgeworfen, er habe sich mit seinen Aktionen nur profilieren wollen. «Wenn ich sehe, dass etwas gemacht werden muss, dann kann ich nicht untätig zusehen», sagt Bunjaku. Er habe wegen seines Engagements seine frühere Firma vernachlässigt und schliesslich verloren. Und seine Familie sei bedroht worden, weil er sich so stark exponierte.

Sein Kampf gegen Extremismus hat ihm einen unüblichen Wahlhelfer eingebracht: Der bekannte Journalist und Islamismus-Experte Kurt Pelda wirbt auf der Wahlkampf-Homepage: «Blerim Bunjaku hat seinen Mut unter Beweis gestellt, indem er extremistischen Vertretern der Salafistenszene die Stirn bot und sich von ihren Drohungen nicht einschüchtern liess.»

Das muss man wissen: Bunjaku wurde 1978 im Kosovo geboren. Als Einjähriger kam er in die Schweiz und wuchs zunächst in Kilchberg auf, 1991 zog die Familie nach Winterthur. Zu seiner Jugend sagt er: «In der Schule bin ich gemobbt worden, das hat mich zum Kämpfer gemacht.»

Bunjaku machte im Weinland eine Lehre als Elektromonteur. Danach arbeitete er kurz als Hilfspfleger in der Integrierten Psychiatrie Winterthur. Dann ging er als IT-Supporter zur Swisscom und übernahm dort bald Leitungsfunktionen. Seit 2008 ist er selbstständiger IT-Unternehmer. Bunjaku ist verheiratet und Vater von zwei Töchtern.

Damit eckt er an: Blerim Bunjaku passt in keine Partei. Schon dreimal gab er seinen Austritt. 2007 verliess er nach drei Jahren Mitgliedschaft erstmals die SP, wegen eines zwischenzeitlichen Umzugs in den Kanton Thurgau. 2014 trat er der EVP bei. Als Muslim auf der Wahlliste der christlichen Partei wurde er erstmals in der Öffentlichkeit bekannt.

Anstoss für seinen Beitritt war, dass er für den EVP-Politiker Nik Gugger eine App programmiert hatte. 2014 wurde er Schulpflegemitglied in Seen/Mattenbach, bislang sein einziges öffentliches Amt. Ein gutes Jahr später wechselte er zurück zur SP, die er diesen Herbst bereits wieder verliess – unter lauten Nebengeräuschen.

«In Winterthur läuft vieles schief. Ich bin sicher: Ich könnte es besser machen.»Blerin Bunjaku

Die Partei wollte ihn nicht auf der Gemeinderatsliste platzieren, obwohl er in der EVP bewiesen hatte, dass er mit seinem hohen Bekanntheitsgrad als Zugpferd wirkt. Vielleicht auch aus Trotz lancierte Bunjaku seine unabhängige Stadtratskandidatur. Über das Zerwürfnis mit der SP ist Bunjaku enttäuscht: «Ich habe mich für die SP engagiert, ich hätte von dieser Partei erwartet, dass sie dasselbe für mich tut.» Wertschätzung und Unterstützung sind Bunjaku wichtig.

Als er im Juli 2015 von der EVP zur SP wechselte sagte er: «In der SP hoffe ich, breiter unterstützt zu werden.» Heute erklärt er: «Ich wäre lieber in der EVP geblieben.» Die Schlussfolgerung ist typisch für Bunjaku, er kündigt an: «Jetzt gründe ich meine eigene Partei.» Wann denn? «Bald.»

Das sagt er über sich selbst: Bunjaku will eine «realistischere und pragmatischere» Integrationspolitik. Die Anforderungen für die Einbürgerung will er dabei erhöhen: Man müsse mehr einfordern.

Sonst positioniert er sich als scharfer Kritiker des Winterthurer Politestablishments und lässt dabei auch schrille Töne hören: «Es läuft so viel schief in dieser Stadt.» Der Verkehr sei eine Katastrophe. «Mehr Staus als in Zürich!»

Die Finanzen seien ein einziges Desaster, die Pensionskasse ebenso und die Schulhäuser seien teils in miserablem Zustand. Bunjaku sagt unbescheiden: «Ich bin sicher: Ich könnte das besser machen. Gebt mir eine Chance, dann beweise ich es.»

Das sagen die anderen: EVP-Nationalrat Nik Gugger spricht trotz seines früheren Parteiaustritts anerkennend über Bunjaku: «Blerim hat Drive und gibt Vollgas.» Es fehle ihm jedoch die Geduld, die es in der Politik eben brauche, um die Ziele zu erreichen.

Zudem tendiere er dazu, zu viel zu versprechen: «Schade, dass er sich dabei manchmal übernimmt.» Nach dem kürzlichen Konkurs hätte Gugger eher zu mehr Zurückhaltung geraten: «Ich bin erstaunt, dass er für den Stadtrat kandidiert, doch ich wünsche alles Gute.»

«Blerim hat Drive und gibt Vollgas. Schade, dass er sich dabei manchmal übernimmt.»Nik Gugger,
EVP-Nationalrat

Bei der SP ist weniger Wohlwollen zu spüren: «Blerim Bunjaku hat vieles gross angekündigt, gefolgt ist dann wenig», sagt SP-Co-Präsidentin und Nationalrätin Mattea Meyer. «Damit hat er Leute enttäuscht und vor den Kopf gestossen.» Auf das Angebot der SP, «am gegenseitigen Vertrauen zu arbeiten», habe Bunjaku dann mit dem Parteiaustritt reagiert.

Das bleibt in Erinnerung: Seinen bisher grössten Erfolg feierte Bunjaku beim Thema Integration: Seine «Schweizermacher-App», ein Quiz mit dem sich Ausländer auf die Einbürgerung vorbereiten können, machte im Januar 2015 national Schlagzeilen und wurde rundum gelobt. Die digitale Welt versteht er, da kann er auftrumpfen, bei der Politik hat er hingegen immer noch Mühe, den Einstieg zu finden.



Videoserie Wahlen 2018

Peinlichkeiten? Obergrenze? Sparen? Zähneputzen? – In einer Video-Serie testen wir die Schlagfertigkeit der Stadtrats-Kandidaten in zwei Minuten. Heute: Blerim Bunjaku. Video: bä/huy

(Der Landbote)

Erstellt: 11.01.2018, 17:45 Uhr

Wahlen vom 4.3.2018

Der «Landbote» stellt in diesen Tagen alle Kandidierenden für die Stadtratswahlen vom 4. März mit Porträts und Videos vor.

Heute: Blerim Bunjaku (parteilos).

Smart-Spider-Profil

Politische Linie schwer zu erkennen

Dass Blerim Bunjaku kein klassischer Politiker ist, zeigt sich auch auf seinem Smartvote-Fragebogen: Er entscheidet sich von Fall zu Fall, ohne einer politischen Linie oder Ideologie zu folgen. Darum lässt er sich auf den üblichen Skalen schlecht einordnen.

Das wird zum Beispiel bei der Frage deutlich, ob staatseigenen Betriebe verselbstständigt werden sollen: Beim Theater ist Bunjaku dagegen, bei Stadtwerk dafür. Oder in der Gesellschaftspolitik: Einerseits ist er gegen einen bezahlten Vaterschaftsurlaub von vier Wochen, andererseits befürwortet er eine Frauenquote für städtische Kaderstellen. In der Verkehrspolitik will er gleichzeitig mehr Parkplätze in der Innenstadt wie die Autofans und eine gesperrte Stadthausstrasse wie die Velo- und Fussgängerlobby.

Einzig im Bereich Recht und Ordnung ist die Linie eindeutig: Bunjaku ist gegen die Cannabis-Legalisierung, für ein härteres Vorgehen gegen Vandalismus, für mehr Videoüberwachung und auch eher für mehr Polizeipräsenz. in der Integrationspolitik spricht sich Bunjaku für höhere Anforderungen bei Einbürgerungen aus, befürwortet aber auch das Stimm- und Wahlrecht für Ausländer auf der Gemeindeebene.

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