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Des Kutschenkenners Schätze

18 Postkutschen und -schlitten stehen in der Sammlung von Markus Jedele, dazu ein Dutzend Wagen aus Winterthur: Scheesen, Breggs und ein Leichenwagen. Jetzt kann der Architekt in einer schön hergerichteten Scheune seiner Leidenschaft frönen.

1902 gebaut, ab 1915 nur noch gelegentlich im Einsatz: Markus Jedele posiert in der neuen Scheune vor der Postkutsche, die nach Arosa fuhr. Madeleine Schoder
1902 gebaut, ab 1915 nur noch gelegentlich im Einsatz: Markus Jedele posiert in der neuen Scheune vor der Postkutsche, die nach Arosa fuhr. Madeleine Schoder

Er tut es nicht fürs Geld und auch nicht der Anerkennung wegen. Er tut es, weil ihn die alten Kutschen faszinieren, ihre Bauweise, ihr Geruch, ihre Geschichte und die Geschichten, die sie erzählen. Das alles ist ihm wichtiger als eine auf Hochglanz polierte Restauration.«Eine Postkutschenfahrt, das war im 19. Jahrhundert nur ganz wenigen vorbehalten; das war fast unerschwinglich teuer», erzählt Markus Jedele und vergleicht den Preis für eine Fahrt über den Gotthard mit dem für einen Überseeflug heute.

«Mit meinem Kutschen-Virus bin ich akut gefährdet.»

Markus Jedele

Vier bis sechs Passagiere fanden jeweils bequem Platz, bis zu fünf Pferde zogen die Kutsche. 18 Gefährte, die einst der Post gehörten, stehen heute in Jedeles Sammlung. «Mehr sollten nicht dazu kommen», sagt er – wohlwissend, dass ihn die Faszination den Vorsatz vergessen lassen wird, wenns je soweit kommt: «Mit meinem Kutschen-Virus bin ich akut gefährdet.»

Chur-Arosa und Bern-Gurnigel

Ein Prunkstück seiner Sammlung ist die älteste erhaltene Postkutsche der Schweiz, die einst die Strecke Solothurn-Weissenstein befuhr. Aus Holz gebaut ist sie und hat «eine spezielle Unterkonstruktion mit Langbaum». Jedele ist längst zum Kutschenkenner und -forscher geworden, hat auch zwei dicke Bücher und einige dünne darüber publiziert.

Andere Kutschen sind mit Blech verkleidet. Chur-Arosa und Chur-Maladers sind sie angeschrieben, Bern-Gurnigel und Bern-Schwarzenburg. «Das ist ein so genannter grosser Alpenwagen», erklärt Jedele, «vier Passagiere sassen hinten im Interieur, zwei vorne im Coupé, und die bezahlten noch etwas mehr.»

Im Postschlitten über den Pass

Und dann stehen in Jedeles neuer Scheune in Stadel auch Postschlitten, die im Winter über Pässe, im Jura und im Mittelland verkehrten. «Beidseits der Alpenpässe standen jeweils bis zweihundert Männer bereit, um die Schlittengleise freizuschaufeln und so den Ganzjahresbetrieb zu gewährleisten.»

Ein Gemälde des Segantini-Gefährten Peter Robert Berry zeigt eine solche Postschlittenkolonne in der Alpenwelt.In Jedeles Scheune steht beispielsweise ein sechsplätziger so genannter Omnibusschlitten, der im Jura 1900 bis 1950 im Einsatz war, wenn der motorisierte Omnibus wegen des Schnees nicht fahren konnte.

«Mit siebzehn Jahren restaurierte ich einen Wagen, den meine Grosseltern auf dem Hof gebraucht hatten.»

Markus Jedele erzählt, wie er vom Kutschen-Virus infiziert wurde

Die Leidenschaft für Pferdewagen erwachte in Markus Jedele, als er noch ein junger Bursche war. «Mit etwa siebzehn restaurierte ich einen Wagen, den meine Grosseltern auf ihrem Hof noch gebraucht hatten», erzählt Jedele. «Ich mietete damals jeweils auch Pferde und fuhr dann in die Stadt oder sonstwohin.»

Später kam ein Bregg seines Urgrossvaters dazu, der Fuhrhalter und Pferdehändler gewesen war. Bregg sei die hiesige Schreibweise dessen, was eigentlich Break heisst, ein offener Wagen, den man mit oder ohne Bänke brauchen konnte: «Heute wäre das wohl ein schöner Volvo-Kombi.»

Zur Sammlung gehört auch eine Scheese (Chaise), wie sie reiche Bauern oder edle Stadtbewohner, Ärzte etwa, benutzten. Jedeles Exemplar war um 1880 an der Neustadtgasse gebaut worden. Auch der alte Kyburger Leichenwagen kam aus der Neustadt: Wagner Thommen und Schmied Raths fertigten ihn um 1910.

Sportwagen junger Männer

Und dann steht da noch ein Phaeton, ein Sportwagen, den junge Männer gern mit rassigen Rossen, aber ohne Kutscher fuhren. «Entsprechend oft verunfallten sie», sagt Jedele. Sein Phaeton gehörte einst Fritz Schoellhorn, dem Haldengut-Brauereibesitzer.

Für seine 30 Kutschen und Pferdewagen hat Jedele seit einigen Monaten ein neues Logis: Er baute zusammen mit seinem Sohn, dem Zimmermann Hannes Jedele, eine alte Scheune der Familie Weilenmann in Stadel um. In Erdgeschoss hat der Sohn seine Firma «handholzwerk» und ein Holzlager. Nebenan hat Markus Jedele eine Wagner-Werkstatt eingerichtet, die er kürzlich samt den alten Maschinen und Werkzeugen übernehmen konnte. Auf zwei grosszügigen Obergeschossen stehen die Kutschen, die Lampen und Uniformmützen, die Fotos, Fahrpläne, Baupläne: Memorabilia der Postkutschenära.

Es ist eine Ausstellung, die es mit jedem Museum aufnehmen könnte. Jedele aber will kein Museum führen: «Ich bin Architekt, die Kutschen sind mein Hobby.» Am Donnerstag zeigte eingeladenen Gästen seine Schätze, wozu auch die sorgfältig umgebaute Scheune selber gehört. Und dieses Wochenende gibts zwei Tage der offenen Tür.

Tage der offenen Tür: Kutschensammlung Jedele und Zimmerei handholzwerk, Wiesendangerstr. 82, Stadel. Heute Samstag, 29. April, 10 - 22, Sonntag, 30. April, 12 -18 Uhr.

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